MANNHEIM RHEINPFALZ Plus Artikel Zufall mit System: Nachruf auf den Mannheimer Maler Bernhard Sandfort

Papierchen ziehen, Streichhölzer werfen, würfeln: Bei seiner Arbeit ging Bernhard Sandfort gerne spielerisch vor.
Papierchen ziehen, Streichhölzer werfen, würfeln: Bei seiner Arbeit ging Bernhard Sandfort gerne spielerisch vor.

Vor einem halben Jahrhundert kam Bernhard Sandfort nach Mannheim und eröffnete seine Produzentengalerie „Augenladen“ in der Heinrich-Lanz-Straße. Es war ein angesagter Treffpunkt für aktuelle Kunst und Sandfort der verlässliche Konkret-Konstruktive mit den Quadraten, der sein Werk mit äußerster Konsequenz vorantrieb. Am 21. April ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.

Im Kunstbetrieb mitschwimmen, um sich nach oben tragen zu lassen – nein, das wollte Bernhard Sandfort nie. Schon mit der Gründung seiner ersten „Produzentengalerie“ – den heute allgemein gebräuchlichen Begriff hat er geprägt – 1960 in Berlin, wo zu damaliger Zeit kaum einer hinging, bezog er Position: weg von vermittelter kommerzialisierter Kunst, hin zu einer direkten Verbindung zwischen Künstler und Kunstrezipient. Ein Jahr später kam er dann nach Mannheim – und hier ist er geblieben; als einer, der immer da und in seinem Fach der Konkreten Kunst der Herausragende war. Seit 1978 war er mit Henrike Selling verheiratet, die als Collage-Künstlerin Kike bekannt wurde.

Geboren wurde Bernhard Sandfort 1936 in Köln. Beim Vater lernte er das Tischlerhandwerk, wandte sich aber der Kunst zu. Er besuchte die Werkkunstschule in Köln, dann die Werkkunstschule in Kassel. Als Maler fand er autodidaktisch sehr schnell seinen Stil. Seit 1968 entwickelte er Bildsysteme, die auf einer von ihm vorgegebenen Ordnung und dem Zufall, also zwei gegensätzlichen Prämissen, beruhen. Er nannte sie „dialogisch“ oder „metastatisch“. Er malte Farbbänder, die er auf quadratischen Bildflächen zu quadratischen Formen ordnete; immer in Serien, die jeweils einem bestimmten Prinzip folgen, das er mathematisch-philosophisch zu formulieren pflegte. An jeder Serie arbeitete er ein Jahr lang und präsentierte sie nach dem Abschluss in seiner Galerie.

Das Hauptwerk war ein monumentales Wandbild aus 16 Quadraten. Es lässt sich unterschiedlich zusammensetzen, indem man die Tafeln dreht. Denn jede ist so konstruiert, dass ihre vier Seiten an Nachbarquadrate andocken, so dass als Gesamtbild ein Netzwerk aus Quadraten entsteht. Sie sind in unterschiedlichen Neigungswinkeln ineinander verflochten, immer ähnlich, niemals gleich. Die Farben sind kräftig, oft geradezu bunt und in extravaganten Tönungen, die in der konkreten Malerei eigentlich verpönt sind. So systematisch Bernhard Sandfort vorging, war er doch kein rigider Theoretiker. Sondern einer, der seinen Augen vertraute und sinnliche Bilder mit einer angenehm fröhlichen Anmutung schuf.

Der Zufall ist ein wirkmächtiger Akteur in den Bildsystemen. Sandfort vertraute ihm immer, auch wenn er sich manchmal nicht gleich mit ihm anfreunden konnte. Seine Quadrate sind Rahmen aus Farbstreifen, keine Flächen. In welchem Neigungswinkel sie in die Bildfläche gesetzt sind, bestimmte der Zufall, ebenso die jeweilige Farbe. Sandfort würfelte, zog Papierchen, warf Streichhölzer. Der Zufall ist ja auch ein mathematisches Gesetz, das nach einer genügend großen Zahl von Würfen oder Ziehungen Harmonie herstellt. Daher sind Sandforts Bilder nicht chaotisch, sondern ausgeglichen. Ihre „dialogische“ Spannung hält Langeweile fern, die in konkreter Kunst oft schnell entsteht. Diesen seinen Stil hat Bernhard Sandfort in Mannheim entwickelt – sein Frühwerk war stärker auf Linien ausgerichtet und weniger farbenfroh – und über Jahrzehnte fortgeführt, ohne sich zu wiederholen.

2003 brachte ein Schlaganfall ein brutales Ende: er saß halbseitig gelähmt im Rollstuhl. Ein Jahr später war er wieder im Augenladen und malte. Mit eiserner Willenskraft hat er sich aus der schweren Behinderung herausgearbeitet. Wie zuvor, nahm er sich, jetzt sitzend und einhändig (die linke Hand blieb taub und gelähmt), ein Jahr lang einen speziellen Aspekt seines Bildsystems vor und präsentierte ihn zum Jahresende. Die Bildtafeln waren kleiner, die motivische Gestaltung vereinfacht, zusammengesetzte Monumentalbilder schaffte er nicht mehr. Dafür kamen ihm neue Ideen.

Die Stadt Mannheim ehrte ihren konkreten Künstler 1987 mit einer großen Einzelausstellung in der Kunsthalle. Das Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum folgte im Jahr 2002.

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