Ludwigshafen Zu Zwangsarbeit lange geschwiegen

„Auschwitz/Monowitz – was hat das mit Ludwigshafen zu tun?“ war das Thema einer Diskussion im BASF-Besucherzentrum. Die mit über 100 Zuhörern gut besuchte Veranstaltung ergänzte die noch bis 17. Oktober zu sehende Ausstellung im Stadtmuseum über die IG Farben und das Konzentrationslager Buna/Monowitz. Ob die BASF sich nach langem Schweigen inzwischen angemessen mit der Verstrickung in die Verbrechen der NS-Diktatur auseinandersetzt, blieb strittig.
Mit Swetlana Alexijewitsch ist die Wahl des Nobelpreiskomitees auf eine Autorin gefallen, die den stummen Opfern der Geschichte eine Stimme gibt. Die Diskussion hatte demgegenüber den Mangel, dass sie nur selten anschaulich wurde. Kein Überlebender der Buna-Fabrik kam beispielsweise mit einem Zitat zu Wort, kein Täter wurde beim Namen genannt. Das änderte sich erst, als Billy Hutter, der Initiator der Ausstellung, dem Moderator auf eine seiner Fragen unwillig entgegnete: „Ich kann nichts Abstraktes dazu sagen.“ Daraufhin fielen auch Namen von Führungskräften der BASF in der Nachkriegszeit. Die Leiterin des BASF-Archivs, Susan Becker, erwähnte unter anderen Carl Wurster, erster Vorstandsvorsitzender der nach dem Krieg neugegründeten BASF, vormals NSDAP-Mitglied und „Wehrwirtschaftsführer“ der IG Farben in Ludwigshafen. Noch 1954, so die Archivarin, habe Wurster in einer Hauptversammlung geäußert, das Unternehmen habe nie in einem Angeklagten der Kriegsverbrecherprozesse einen Verbrecher gesehen. 1948 musste sich Wurster im IG Farben-Prozess unter anderem als Mitglied des Verwaltungsrats der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung verantworten. Als Patentinhaberin war die „Degesch“ an der Herstellung von Zyklon B, dem in den Gaskammern verwendeten Gift, beteiligt. Wurster wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen. Während er in Nürnberg inhaftiert war, demonstrierten in Ludwigshafen Tausende BASF-Beschäftigte für seine Freilassung. Susan Becker räumte ein, dass die BASF lange den Mantel des Schweigens über die Vergangenheit gebreitet habe. 1990, zum 125-jährigen Jubiläum, sei die Verwicklung in Auschwitz und die „Vernichtung durch Arbeit“ erstmals offiziell erwähnt worden. In der jetzigen Jubiläumsausstellung im Besucherzentrum werde das Thema jedoch nicht unter den Teppich gekehrt. Becker erwähnte auch, dass das Unternehmen 1957 30 Millionen D-Mark Entschädigung gezahlt und 1999 zur Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft 70 Millionen D-Mark beigetragen habe. Billy Hutter zeigte sich dennoch bestürzt über das mangelhafte Wissen über die NS-Vergangenheit. Er habe drei Schulklassen durch die Ausstellung geführt, „und die Schüler wussten nichts“. Dabei, behauptete Hutter, sei das Wissen über Auschwitz in Ludwigshafen während der NS-Zeit selbst größer gewesen, als im übrigen Deutschland. Etwa 200 Mitarbeiter der IG Farben aus Ludwigshafen seien mit ihren Familien in Auschwitz beschäftigt gewesen. Hutter kritisierte auch die Unterwürfigkeit der heutigen Stadtverwaltung. „Die Ausstellung im Stadtmuseum wird nur deshalb gezeigt, weil die BASF gesagt hat, ihr dürft“, sagte er. Moderator Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte deutscher Widerstand in Berlin, wies auf menschenunwürdige Produktionsbedingungen von Billigprodukten in der Dritten Welt heutzutage hin. „Auch wir leben nicht in schuldlosen Zeiten“, meinte er. Stadtarchivar Stefan Mörz erinnerte daran, dass die Täter nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden könnten, weil sie tot seien. Der frühere Dekan Friedhelm Borggrefe, Autor des Buches „Im Gleichschritt marsch“ über Nationalsozialisten in der evangelischen Kirche Ludwigshafens, machte die Vorstellung eines Herrenmenschentums für die damaligen Verbrechen verantwortlich. Das Thema BASF und Auschwitz sei „schwierig, schmerzhaft und mit vielen Tabus belegt“.