Kriegsgeschichten RHEINPFALZ Plus Artikel Zu Fuß zurück in die Pfalz

Familie Merz bei einem Ausflug nach Heidelberg. In der unteren Reihe ganz rechts steht Zeitzeuge Walter Merz.
Familie Merz bei einem Ausflug nach Heidelberg. In der unteren Reihe ganz rechts steht Zeitzeuge Walter Merz.

Eine elfköpfige Familie flieht vor den Luftangriffen auf Ludwigshafen. Vorübergehend finden die Pfälzer Unterschlupf in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb. Doch auch dort holt sie der Krieg ein. Als die Waffen schweigen, macht sich die Familie auf den Rückweg in die Pfalz. Eines der Kinder ist der damals elfjährige Walter Merz.

Walter Merz war fünf Wochen alt, als er 1934 mit seinen Eltern nach Ludwigshafen zog. Sie stammten aus der Chemiestadt, waren Friesenheimer. Der Vater hatte zuvor eine Anstellung in einer Färberei in Würzburg. Deswegen hatte er mit seiner Familie die Pfalz verlassen und lebte eine Weile in Franken. „Meines Wissens lief der Betrieb nicht gut oder musste sogar schließen“, nennt Merz einen Grund für die Rückkehr nach Ludwigshafen. Während sich die Mutter um die Kinder kümmerte – Walter Merz war das älteste von vier Geschwistern –, fand der Vater eine Arbeit bei der BASF. In Oppau ließ sich die Familie nieder.

Das Glück in Ludwigshafen war nur von kurzer Dauer. Im September 1939 brach der Krieg aus. Mit ihrer kriegswichtigen Industrie wurde die Stadt mehr und mehr zum Ziel von Luftangriffen. Die Angst wuchs, so dass der Vater entschied, die Familie bei Verwandten auf einen Bauernhof im südpfälzischen Mühlhofen unterzubringen. Vor Bomben waren sie dort erst einmal sicher, doch nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 rückten deren Armeen auf das Deutsche Reich vor. Wieder stand die Familie Merz vor der Entscheidung: In der Pfalz bleiben oder fliehen?

Gepäck ging verloren

Gemeinsam mit der südpfälzischen Verwandtschaft verließ die Familie Mühlhofen in Richtung Reutlingen. Unterwegs ging das Gepäck verloren. Eine Bleibe hatten sie zu diesem Zeitpunkt dort noch nicht. Wohin nur? „Ein früherer Arbeitskollege meines Vaters half uns bei der Suche nach einer Wohngelegenheit“, erinnert sich Merz. Holzelfingen auf der Schwäbischen Alb wurde das neue Zuhause für die Familien. Der Vater kehrte als kriegswichtige Arbeitskraft nach Ludwigshafen zurück.

Große Hilfsbereitschaft erfahren

Walter Merz erinnert sich noch heute an die unglaubliche Hilfsbereitschaft jener Dame, die ihn, seine drei Geschwister und die Mutter aufnahm, obwohl sie selbst kaum Platz hatte. Auf engstem Raum lebten sie zusammen „Ich kann mir aus heutiger Sicht, als Besitzer eines eigenen Hauses mit über 100 Quadratmetern Wohnfläche, nicht mehr vorstellen, wie so etwas möglich war. Ich kann das Verhalten und die Hilfsbereitschaft dieser Frau Geckeler, die natürlich längst gestorben ist, nicht hoch genug loben“, sagt Merz.

Seine Tante Emilie Müller wohnte zunächst mit ihren Kindern in der Nachbarschaft. Doch am 20. April 1945 – an Adolf Hitlers 56. Geburtstag, nur wenige Tage vor dem Selbstmord des „Führers“ – verloren die Pfälzer nach einem Beschuss durch Jagdflieger ihre Unterkunft. Mehrere Häuser im Dorf gerieten in Brand. Viele Existenzen wurden an diesem Tag zerstört. „Auch Tante Emilie wurde mit ihren Kindern obdachlos“, denkt Merz an diese schrecklichen Stunden zurück. Und wieder war es jene Frau Geckeler, die so eine unglaubliche Hilfsbereitschaft zeigte und das Trio bei sich aufnahm. „Man stelle sich das heute einmal vor! Es sind andere Zeiten, aber ich weiß einfach nicht, wie das einmal möglich war“, unterstreicht der 87-Jährige. Acht Personen teilten sich fortan das Wohnzimmer.

Onkel organisierte die Rückreise

Nach Kriegsende zog es auch einen weiteren Onkel (Artur Dann), dessen Frau und deren Tochter nach Holzelfingen. Nach geraumer Zeit entschied Dann, mit der kompletten Verwandtschaft zu Fuß die Reise in die pfälzische Heimat anzutreten. Das jüngste Kind war damals zwei Jahre alt. Die Leistung seines Onkels bewundere er noch heute, meint Merz. Der Onkel organisierte die Rückreise. „Dass wir alle elf glücklich unser Ziel erreichten, ist sicher, aber an viele Einzelheiten kann ich mich kaum noch erinnern“, sagt Merz.

Fragen könne er auch niemanden mehr, da mit Ausnahme von Schwester Inge und Cousine Erika niemand mehr lebe. Mit drei Leiterwagen machten sich die Familien auf den Weg nach Ludwigshafen. „Ich vermute, dass wir von Reutlingen über Tübingen, Calw bis nach Pforzheim marschiert sind und dort eine oder zwei Nächte bei Verwandten bleiben konnten“, sinniert Merz. Ansonsten fanden sie in Scheunen oder Jugendherbergen Unterschlupf.

Beschwerlicher Fußmarsch

Wie viele Tage sie für den beschwerlichen Fußmarsch brauchten, Merz weiß es nicht mehr. Bei Karlsruhe wollten die elf die Brücke passieren, was allerdings unmöglich war. „Jedenfalls erfuhr mein Onkel, dass wir nur mit einem Güterzug nach Mannheim fahren konnten“, erklärt Merz. Doch noch waren sie nicht in ihrer Heimatstadt Ludwigshafen angekommen. Erst nach einer ausgiebigen „Desinfektionsdusche“, um sie von eventuellen Schädlingen und Krankheiten zu befreien, durften die Heimkehrer das schwer zerstörte Ludwigshafen wieder betreten.

Die Freude war groß, die Verwandten wiederzusehen. Ein Teil der Familie blieb in Friesenheim, doch das Intermezzo von Walter Merz in Ludwigshafen war nur von kurzer Dauer. Ein kurzes „Hallo“ zum Vater, dann ging es wieder zurück nach Mühlhofen in die Südpfalz. „Zum Glück fuhr damals bereits ein Zug, der uns bis nach Neustadt brachte, aber den Rest galt es, wieder zu Fuß zu marschieren“, berichtet Merz. In Mühlhofen lebte die Familie bis zum Umzug nach Leverkusen. Der Zeitzeuge war später als Chemiker und Betriebsleiter bei Bayer tätig. Der Rentner blieb in Leverkusen, ist aber häufig noch in Ludwigshafen zu Gast.

Die Serie

Der Zweite Weltkrieg endete vor 75 Jahren. Er hat das Leben vieler Menschen verändert und bis heute geprägt. In dieser Serie lassen wir Zeitzeugen zu Wort kommen. Zuschriften an redlud@rheinpfalz.de.

Walter Merz heute.
Walter Merz heute.
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