Serie „Platte Meines Lebens“
Zittern vorm vierten Satz: Oboist Georg Weiss über einen Schlüsselmoment
Angefangen hat es mit einem kleinen Kofferradio. Georg Weiss wurde 1961 in Esslingen geboren. Schon mit sechs Jahren hat Georg Weiss, der 1961 in Esslingen geboren wurde, Popmusik auf einem kleinen Kofferradio verfolgt. Später hatte er ein Tonbandgerät und schnitt Radiomusik mit, um sie mit anderen zu tauschen. „Ich war zwar noch sehr jung, habe aber schon die Beatles aufmerksam verfolgt“, erinnert er sich. Später seien noch die Kinks und die Doors dazugekommen, auch Jimi Hendrix habe ihn beeindruckt. „Er hat 'All along the Watchtower' gespielt, eigentlich eine Bob-Dylan-Nummer. Dylan habe ich damals noch nicht verstanden – aber den Hendrix-Sound fand ich schon toll“, berichtet Weiss. Seine Aufnahmen tauschte er mit seinem älteren Bruder und Mitschülern. Obwohl er heute als klassischer Musiker angesehen ist, hört er auch noch Pop-Musik – und genoss es, bei einem Beatles-Revival-Projekt als Teil des Orchesters mit auf Tour zu sein.
Die Reisen verlocken
Später interessierte er sich für Progressive Rock. „Ich war von Anfang an Genesis-Fan und bin es noch heute“, sagt er. Auch Pink Floyd mag er sehr. „Mir gefiel, dass diese Bands mit Klängen experimentiert haben und eine andere Art von Musik entwickelt haben“, erklärt er seine Faszination. Dass er ins Schulorchester des Eduard-Mörike-Gymnasiums wollte, hatte nicht zuerst musikalische Gründe: „Die gingen regelmäßig auf Reisen, auch ins Ausland und da wollte ich unbedingt dabei sein“, berichtet er. Im Schulorchester wurde noch eine Oboe gebraucht – also freundete er sich im Alter von elf Jahren mit dem Instrument an. Er nahm Unterricht und bald ließ ihn sein Lehrer Melodien von Johann Sebastian Bach üben. Offenbar mit Erfolg: Mit 14 Jahren spielte Weiss im CVJM Orchester Esslingen, das in der Region einen guten Ruf genoss.
Lob vom Lehrer
Weiss war weiterhin im Schulorchester, und da war er auch bei den erhofften Reisen dabei. 1973 sollte es nach Holland gehen. Die Schüler sollten das Oboenkonzert Nr. 1 in Bb-Dur von Georg Friedrich Händel aufführen. Die vier Sätze wollte der Musiklehrer unter den drei Oboisten aufteilen, jeder musste vorspielen. Weiss bekam den dritten Satz (Siciliana) zugeteilt, weil der am leichtesten zu spielen sei und Weiss jüngster Spieler der Oboisten war. Der Lehrer war mit ihm sehr zufrieden und sagte „Solche Leute braucht das Land“, berichtet der Musiker schmunzelnd.
Doch der Mitschüler, der für den schwierigen, weil schnellen vierten Satz vorgesehen war, fand nicht die Zustimmung des Lehrers. „Der hat meinen Mitschüler richtig rund gemacht. Und dann sollte ich das vorspielen“, erzählt Weiss. Ziemlich nervös, fast zitternd habe er es gewagt – und den Lehrer beeindruckt. Das war ein Schlüsselmoment. „Hätte er mich auch rund gemacht, hätte ich die Oboe vielleicht nicht weiter verfolgt“, meint Weiss.
Schlüsselerlebnis Bach
Der Lehrer nahm ihn auch mit in eine Aufführung von Bachs Matthäus-Passion. „Diese Musik hat mich völlig gefangen genommen – bis heute“, erzählt er. Auch Bachs h-Moll Messe machte auf den damals 16-Jährigen einen tiefen Eindruck. „Mit Bach verbinde ich immer diesen Rückblick in meine Jugend, als ich diese Musik zum ersten Mal erlebt habe.“ Mit 17 Jahren ging Weiss als zum Schüleraustausch in die USA, nach North Carolina. Dort spielte er im klassischen Orchester und in einer Marching Band. „In der Marching Band bin ich rhythmisch sattelfest geworden“, sagt er im Rückblick. Beim All State Music-Wettbewerb, vergleichbar unserem Jugend Musiziert, wurde er Landessieger – nicht nur in Oboe, sondern auch als Sänger. „Ich war dort im Schulchor, aber hätte nicht gedacht, dass ich den Wettbewerb gewinne“, erzählt er.
Zielstrebige Analyse
Nach dem Abitur ging er als Wehrdienstleistender zum Heeresmusik Corps IX nach Stuttgart. Dass er dort ständig von Musikern umgeben war, die schon weiter waren als er, war ein großer Ansporn. „Ich kann gut analysieren, also hab ich geschaut, was die können und ich noch lernen muss und habe daran konsequent gearbeitet“, erklärt er. Er nahm Privatunterricht bei Professor Friedrich Milde. Dann bewarb er sich in Karlsruhe und Mannheim für das Studium der klassischen Oboe – und schaffte beide Male die Aufnahmeprüfung. Er ging nach Mannheim, weil er dort bei Professor Helmut Schützeichel sich die weitere Entwicklung seiner Technik wünschte. Seit 1989 ist er Mitglied des Orchesters des Nationaltheaters.
Das entscheidende Musikstück seiner Karriere, das Oboenkonzert Nr. 1 von Händel kann man auf einer Aufnahme von Heinz Holliger mit dem English Chamber Orchestra hören. „Holliger hat vielleicht nicht den schönsten Ton aller Oboisten, aber wie er seine Interpretation anlegt, die Leichtigkeit, mit der er spielt, die musikalische Ausführung, das ist sehr beeindruckend“, meint Weiss.