Ludwigshafen Zerplatzte Lebensträume

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Eurodram ist ein Netzwerk, das europaweit die Übersetzung und Verbreitung aktueller Theaterstücke fördert. Jedes Jahr kürt es drei Siegerstücke. Die Auswahl 2017 ist im Mannheimer Theaterhaus G7 vorgestellt worden. Sie ist beeindruckend.

Eurodram wurde in Frankreich gegründet und deckt heute mit 20 Sprachkomitees den gesamten europäischen Sprachraum ab. Dem deutschsprachigen Komitee, dem die Theaterhausleiterin Inka Neubert angehört, steht seit vier Jahren Ulrike Syha vor. Sie war vor acht Jahren Hausautorin am Mannheimer Nationaltheater. Der diesjährige Aufruf war an Südosteuropa ergangen. Die Stücke sollten bereits in deutscher Übersetzung vorliegen. Aus 70 Einsendungen wurden drei Stücke ausgewählt: „Drama über Mirjana und die Menschen um sie herum“ von Ivor Martinic aus Kroatien ist ein realistisches Gesellschaftsstück. „Sieben Köchinnen, vier Soldaten und drei Sophien“ von Simona Semenic aus Slowenien ist eine sprachmächtige, psychologisch raffinierte Parabel über Anpassung und Widerstand. „Der Staat“ von Alexander Manuiloff aus Bulgarien ist eine Performance von radikaler Simplizität bei frappierender Gedankentiefe. Alle drei Autoren sind in ihrer Heimat bereits erfolgreiche Dramatiker, im übrigen Europa aber eher unbekannt. Die Stücke sind eine zupackende Alternative zum Raunen des postdramatischen Theaters, das derzeit an deutschsprachigen Bühnen in Gunst steht. Beeindruckend war auch deren komprimierte Einrichtung als szenische Lesung, denn sie brachte die inhaltliche und strukturelle Eigenart der Stücke vortrefflich zur Geltung. Bei „Mirjana“ sitzt das Personal in einer Reihe am Tisch, wie es bei szenischen Lesungen üblich ist. Mirjana ist süchtig nach Zigaretten und Kaffee, um ein Leben zu meistern, dessen vielen Tiefen und seltenen Höhen sie glasklar ins Auge blickt. Sie ist geschieden, ihre neue Beziehung nicht von Dauer. Die Tochter träumt von einer Gesangskarriere in Amerika. Am Schluss wird der Liebhaber das Weite gesucht haben, die Mutter gestorben sein, der Ex will sich, vermutlich erfolglos, um eine Gesangskarriere der Tochter in Deutschland bemühen. Was bleibt Mirjana? Zigaretten und Kaffee. Aber sie hat wenigstens gelebt. Das befreundete Parallelpaar bringt es nicht einmal so weit. Sieben Köchinnen – sie sind das arbeitende Volk, das den Staat ernährt. Das Volk ist weiblich und demonstriert das in charakteristischen Verhaltensweisen. Emotionale Ich-Bezogenheit und giftige Sticheleien gehören dazu. Sie schälen nicht Kartoffeln, wie sie sagen, sondern agieren rhetorisch hinter Notenständern wie ein schwarzer Chor. Vier Soldaten treten auf, statt Frauenschwarm sind sie ein Hinrichtungskommando. Eigentlich brave Jungs mit gesetzestreuer Gesinnung, die eine lästige Pflicht rasch hinter sich bringen wollen. Drei Sophien sind die Opfer. Man erlebte Sophie Scholl, die ihrem Tod ohne Augenbinde ins Angesicht sehen will. Das weibliche Volk ist in den Hintergrund getreten. In abschätzigen Bemerkungen über das Opfer solidarisiert es sich mit den Tätern. „Der Staat“ thematisiert die Selbstverbrennung eines Bulgaren aus Protest gegen seine Perspektivlosigkeit. Der Fall erregte 2013 weltweites Aufsehen. In der Raummitte steht ein Tischchen mit einem Karton für Briefpapier. Auf dem Boden daneben liegen ein Kanister und ein Rucksack. Die Zuschauer sitzen im Karree drumherum. Einer nach dem anderen entnehmen sie dem Karton ein Blatt Papier und lesen vor, was darauf steht. Die Hälfte der Blätter – sie beginnen meist formelhaft mit „Ich bin Plamen...“ – sind dessen Abschiedsbrief mit Anklagen gegen den nicht funktionierenden Staat. Auf den anderen Blättern wird in dürren Sätzen, die spontan belacht werden, darüber informiert, warum eine Vorstellung nicht stattfindet. Auf höchst subtile absurde Weise wird so die Verhinderung von Theater thematisiert. Das Stück wurde schon auf 20 Festivals weltweit gezeigt.

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