Ludwigshafen Zerbrochen an der Welt

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Eigentlich steht beim Festival „lesen.hören“ die Literatur im Vordergrund, doch bei einem Film über einen der berühmtesten Autoren seiner Zeit kann man mal eine Ausnahme machen. „Vor der Morgenröte“ heißt der Film über Stefan Zweig, den Maria Schrader und Jan Schomburg gedreht haben. Er war im Atlantis-Kino zu sehen, im Anschluss fand in der Alten Feuerwache ein interessanter und anrührender Mix aus Lesung und Filmgespräch statt.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Stefan Zweig (1881-1942) bereits durch Werke wie „Sternstunden der Menschheit“ oder „Angst“ zu Weltruhm erlangt. Doch der österreichische Schriftsteller jüdischer Herkunft sah sich sehr bald Repressalien ausgesetzt. Deshalb emigrierte er 1934 nach England, später zog er weiter nach Brasilien und in die USA. Es ist die Zeit des Exils, die Maria Schrader bei ihrer Recherche zu Stefan Zweig packte. Eigentlich hatte ein französischer Produzent sie gefragt, ob sie nicht einen Film über Zweigs zweite Frau Lotte machen wolle, erzählte die Schauspielerin, die bei „Vor der Morgenröte zum zweiten Mal auf dem Regiestuhl saß und mit Regisseur und Autor Jan Schomburg auch das Drehbuch geschrieben hat, in der Alten Feuerwache. Schnell sei ihr klar geworden, dass die tragische Figur des Pazifisten und Humanisten Stefan Zweig, der an der Grausamkeit der Welt zerbricht, viel mehr Potenzial bot. Und so konzentrierte sich Maria Schrader auf die innere Zerrissenheit, die Zweig seit seiner Flucht aus Salzburg quälte, seine Sehnsucht nach der Heimat, obwohl er von Brasilien fasziniert war, seine Schuldgefühle, selbst in Sicherheit zu sein, während in Europa ein Krieg tobte und Juden ermordet wurden. Entstanden ist ein episodenhaften Film, der Zweigs Stationen im Exil nachvollzieht: der pompöse Empfang in Rio de Janeiro, der politisch aufgeladene PEN-Kongress in Buenos Aires, Weihnachten in New York oder die letzten Monate in der brasilianischen Kleinstadt Petropolis, wo er sich am 23. Februar 1942 mit seiner Frau Lotte das Leben nahm. Schrader erzählt die Geschichte des Heimatlosen mit besonders opulenten Bildern, betonte Festivalprogrammleiterin Insa Wilke, die den Abend moderierte. Daraufhin las die Regisseurin zwei Briefe von Stefan Zweig vor. Wie berauscht von Brasilien schien der Autor da gewesen zu sein. Er beschrieb die Schönheit Rio de Janeiros, die Farben, die Freundlichkeit der Menschen, die Traumstrände und das Klima. Diese tropische Opulenz bannte Maria Schrader auf die Leinwand. „Film ist ein sinnliches Erleben jenseits der Konventionen, jenseits des Dialogs“, erklärte die 51-Jährige. Viel Diskussionsstoff bot auch die politische Haltung des im Film von Josef Hader verkörperten Stefan Zweig, der sich auf dem Kongress der PEN-Schriftsteller weigerte, schlecht über seine Heimat zu sprechen und die radikalen Positionen gegen den Nationalsozialismus nicht öffentlich gutheißen mochte. „Seiner Meinung nach bedienten sich die Gegner derselben Mittel wie die Nazis, nämlich Polemik und Aggression“, stellte Schrader Zweigs Position dar. Dies verdeutlichte eine Szene des Drehbuchs, die Schrader und Schomburg vortrugen, die aber am Ende dem Schnitt zum Opfer gefallen war. Ein exklusiver Einblick quasi. Bewusst bezog die Regisseurin in ihrem Film keine Stellung zu Zweigs Haltung – es sei Sache des Publikums, selbst zu entscheiden, meinte sie. Fünf Jahre arbeiteten Maria Schrader und Jan Schomburg an dem Projekt. In dieser Zeit holte die Aktualität ihren Film ein: der arabische Frühling, Flüchtlinge, Rechtspopulismus in Europa. Es hat jetzt eine besondere Bedeutung, wenn der filmische Zweig beim Pen-Kongress für ein vereintes Europa wirbt, seine Schuldgefühle finden sich in den Flüchtlingen wieder, die es nach Deutschland geschafft haben. Die Zeitspanne lag zum einen an der nicht immer einfachen Finanzierung, aber auch an der umfangreichen Recherche. Zahlreiche Bücher von und über Zweig, Briefe, Zeitungsartikel und Dokumente lasen die beiden, um der Person, aber auch der historischen Gemengelage gerecht zu werden. „Wir wurden zu Trüffelschweinen“, erzählt Schrader lachend. Und so war es eine der Sternstunden, fügte Jan Schomburg hinzu, als sie die kompletten Tagebücher des Autors und Journalisten Ernst Feder in einem Archiv fanden, der ein Nachbar der Zweigs in Petropolis war. Dies war besonders aufschlussreich für die letzten Tage. Feders Einträge vor und zum Selbstmord von Stefan und Lotte Zweig las Jan Schomburg vor. Darin schreibt Ernst Feder, der das Manuskript der „Schachnovelle“ für seinen Freund gegengelesen hat, von Zweigs Melancholie; es wird deutlich, dass der feingeistige Schriftsteller die Hoffnung aufgegeben hat, dass jemals wieder Friede und Freiheit in Europa sein werden und er in seine Heimat zurückkehren kann. Den Schmerz einer geschundenen Seele hat Zweig in der „Schachnovelle“ niedergeschrieben, eine Passage daraus lasen Schrader und Schomburg zum Abschluss.

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