Ludwigshafen Zeit nehmen am Ehrentag

Placeholder-Image

Knut Trautwein, Pfarrer der protestantischen Kirchengemeinde Mutterstadt, macht sich fertig für einen Geburtstagsbesuch, packt ein kleines Büchlein und eine Urkunde ein – das Präsent für den Jubilar zum 85. Geburtstag. „Aber im Wesentlichen bringen wir uns als Geschenk mit“, sagt er und meint damit, dass sein Kollege Heiko Schipper und er sich Zeit für die Senioren an deren besonderem Tag nehmen. „Es wäre ja schade, wenn wir nur 20 Minuten Zeit hätten und dann gleich wieder weiter müssten“, sagt der Pfarrer. Knut Trautwein und Heiko Schipper besuchen alle Gemeindemitglieder zu ihrem 80., 85. und 90. Geburtstag und ab dem 91. jedes Jahr. Das summiert sich. In Mutterstadt leben 4100 Protestanten, davon sind 500 Menschen 80 Jahre und älter und in Zukunft werden es wohl noch deutlich mehr. Außerdem kommen die Pfarrer zu besonderen Ehejubiläen ins Haus: zur Goldenen, Diamantenen und Eisernen Hochzeit. Übers Jahr verteilt sind das etwa 200 Besuche, die beide Pfarrer unter sich aufteilen. Senioren ab dem 75. Geburtstag bekommen zudem jedes Jahr einen Geburtstagsbesuch von einer der 18 Damen, die sich im Besuchskreis engagieren. „Ich staune immer, wie sehr sich die Leute über unsere Besuche freuen“, sagt Pfarrer Heiko Schipper. „Das merkt man, wenn man mal ein bisschen später kommt und gesagt bekommt, dass man schon vermisst wurde.“ Dabei seien die wenigsten Jubilare Kirchgänger. Den beiden Pfarrern machen die Geburtstagsbesuche Spaß, weil sie dort viele Menschen kennenlernen und Zusammenhänge verstehen. „Es ist schon außergewöhnlich, dass wir das in Mutterstadt noch hinkriegen. Das geht nur, weil wir hier zwei Pfarrer und eine Gemeindediakonin sind“, sagt Trautwein. Aus Gesprächen mit Kollegen aus anderen Orten weiß er aber, dass Geburtstagsbesuche durch Pfarrer längst keine Selbstverständlichkeit mehr sind. In katholischen Pfarreien schaffen es Pfarrer meist nicht mehr, alle Jubilare zu besuchen. Durch die Strukturreform wurden Pfarreien zu Großpfarreien zusammengelegt. Ein Pfarrer ist nun für mehrere Gemeinden zuständig. So wie Pfarrer Raimund Röther, der 5500 Katholiken in der Pfarrei Heiliger Antonius von Padua, zu der Maxdorf, Lambsheim, Birkenheide und Fußgönheim gehören, betreut. „Ich kann beim besten Willen nicht mehr bei allen vorbeikommen, zumal es in meiner Gemeinde auch noch zwei Seniorenheime gibt“, sagt er. Er kommt noch zum 90. und 95. Geburtstag, dann bringt er aber auch Zeit mit und freut sich über die Gespräche mit den Jubilaren, die durchaus sehr anregend sein können. Für ihn ist das eine schöne Gelegenheit, die Gemeindemitglieder kennenzulernen, denn er ist erst seit zwei Jahren in der Pfarrei. „Manchmal bin ich verblüfft, wie junggeblieben, die Jubilare sind“, sagt er. Röther hat einen sehr aktiven Besuchskreis mit 18 engagierten Gemeindemitgliedern. In Maxdorf und Lambsheim werden alle Katholiken ab dem 80. Geburtstag jedes Jahr besucht, in Birkenheide und Fußgönheim wird zum 80., 85. und 90. persönlich gratuliert. Insgesamt sind das rund 500 Besuche im Jahr, bei denen die Jubilare eine Flasche Saft und eine Karte bekommen. Zu den anderen Geburtstagen gibt es eine Karte. Die Gemeindemitglieder haben sich daran gewöhnt, dass der Pfarrer nicht mehr überall persönlich vorbeikommen kann. „Manchmal werde ich schon gefragt, warum der Pfarrer nicht kommt, dann erkläre ich es und die Leute verstehen es“, sagt Gabriele Sohns vom Besuchskreis. „Wir kennen die Leute, die wir besuchen, ja schon. Die wenigsten sind Kirchgänger, aber es ist mir nur ein einziges mal passiert, dass ich abgewiesen wurde“, sagt Paul-Christian Lang. „Es ist ja nicht so, dass ich gar nicht mehr zu den Leuten gehe. Wenn sie ein persönliches Gespräch mit mir als Seelsorger wünschen, dann komme ich natürlich vorbei“, sagt Röther. Auch Gabriele Harder-Thieme ist gerade auf dem Weg zu einem Geburtstagsbesuch und hat ein kleines Heft mit meditativen Texten dabei. „Ich versuche die Gemeindemitglieder ab ihrem 70. Geburtstag jedes Jahr zu besuchen. Außerdem komme ich zu besonderen Ehejubiläen“, sagt sie. Seit fünf Jahren ist sie Pastorin der Mennoniten-Gemeinde in Limburgerhof. Der persönliche Kontakt zu den 100 Mitgliedern auf dem Kohlhof sei ihr wichtig, besonders weil sie nicht vor Ort wohnt, sondern in Friedelsheim, wo sie eine zweite Gemeinde betreut. Mittwochs ist ihr Besuchstag auf dem Kohlhof, da schaut sie auch mal spontan bei Leuten vorbei, die keinen Geburtstag haben oder macht Krankenbesuche. Die meisten ihrer Gemeindemitglieder kennt sie persönlich. Manchmal seien am Geburtstag die ganze Verwandtschaft, Freunde und Bekannte da. Wenn es mal nicht am Ehrentag direkt klappt, dann kommt sie einfach ein bisschen später. Das sei auch nicht schlecht, da die Gespräche dann oft intensiver seien. Ihr Besuch werde in der Regel erwartet und es macht ihr Spaß, zu den Menschen zu gehen. „Leider bin ich oft unter Zeitnot“, sagt sie. Im Moment ist die Gemeinde dabei, einen Besuchskreis zu planen. „Der ist gerade in den Startlöchern, wie genau das aussehen soll, daran arbeiten wir noch.“ „Bei uns ist das ein bisschen anders“, sagt Andrea Barie, Mitglied der Baptistengemeinde in Neuhofen. Traditionelle Geburtstagsbesuche gibt es nicht, denn die Gemeindemitglieder kommen in der Regel jeden Sonntag in die Kirche. Zu Beginn des Gottesdienstes liest der jeweilige Leiter die Namen der Leute vor, die in der letzten Woche Geburtstag hatten und gratuliert ihnen im Namen der Gemeinde. Außerdem sucht er einen Bibelvers für sie aus, manchmal wird auch ein Lied für sie gesungen. Besonders die Kinder seien da ganz wild drauf. „Wenn mal jemand nicht zum Gottesdienst kommen kann, dann schreiben wir ihm nach dem Gottesdienst, wenn wir noch zusammensitzen, eine Glückwunschkarte“, sagt Andrea Barie. 77 Mitglieder hat die Baptistengemeinde, im Gottesdienst seien immer deutlich mehr Personen, weil auch viele Kinder und Jugendliche mitfeiern. Gemeindemitglied wird man aber erst nach der Taufe, und die erfolgt frühestens im Alter von 14 Jahren, also wenn ein Mensch religionsmündig ist. Geburtstag gefeiert wird dann oft in den kleineren Gemeindegruppen, in denen sich die Gläubigen treffen.

x