Mannheim
„Zeit der Mutigen“ von Dimitŕe Dinev: Gerechtigkeit als Leitmotiv
Für sein jüngstes Werk erhielt der Autor den Österreichischen Buchpreis. Dimitré Dinev war schon einmal in den Anfängen von „Europa_Morgen_Land“ in Mannheim zu Gast. Damals stellte der gebürtige Bulgare, der auf Deutsch schreibt, seinen 2003 erschienenen Roman „Engelszungen“ vor.
„Zeit der Mutigen“ wirkt wie aus einer Zeit gefallen, die sich gern Appetithäppchen in sensationellen Verpackungen servieren lässt. Mutig wirft Dimitré Dinev dem Zeitgeist einen dicken, nicht leicht zu verdauenden Brocken hin. Denn mit seinem Roman nimmt er eine epische Tradition des 19. Jahrhunderts wieder auf, die mit den Namen Tolstoj und Dostojewskij, Émile Zola und Victor Hugo, in Deutschland wohl am ehesten mit dem Namen Thomas Manns verbunden ist. Auf nahezu 1200 Seiten entfaltet sein Roman anhand der Geschichte(n) dreier Familien ein Panorama des 20. Jahrhunderts. Zwei Weltkriege bilden den Hintergrund der Handlungen. Die Erfahrungen von Faschismus, Stalinismus und Kapitalismus in Österreich und Bulgarien, aber auch die Geschichte der Roma spielen eine bedeutende Rolle.
Faszinierende Familiengeschichten
Schon Dimitré Dinevs früherer Roman „Engelszungen“ hatte die Familiengeschichten zweier bulgarischer Einwanderer in Österreich zum Thema. Mit „Zeit der Mutigen“ bleibt der Autor sich also treu. Nur hat sich der Umfang seines neuen Romans, an dem er dreizehn Jahre geschrieben und für den er umfangreiche Recherchen angestellt hat, gegenüber dem früheren fast verdoppelt. Doch auch formal setzte er im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Anna-Katharina Gisbertz von der Universität Mannheim im gut besuchten Port 25 den neuen vom älteren Roman ab.
Der Humor damals habe die Aussage verharmlost, bedauerte der Autor nach der Lektüre der Rezensionen. „Vielleicht ist ,Engelszungen„ zu unterhaltsam gewesen“, übte er Selbstkritik. „Unsere Generation der Autoren hätte viel lauter schreien müssen“, meinte er und bemerkte im Hinblick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die langjährigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Westeuropa und Russland: „Mit denen macht man keine Geschäfte.“ In Putins Diktatur erkennt der Emigrant offenbar die Fortsetzung der sowjetischen, die er im kommunistischen Bulgarien am eigenen Leib erfahren hatte.
Prägende Erfahrungen im Ostblock
1990, im Alter von 22 Jahren, ging Dimitré Dinev nach Österreich. Er lernte Deutsch schon in der Schule und spricht die Sprache mit einem osteuropäischen Akzent und leicht österreichischen Einschlag. Seine Erfahrungen im Ostblock stecken ihm offenbar immer noch in den Knochen. „Diese Gesellschaften sind vergiftet von Unwahrheiten“, sagte er. In ihnen gelte der Grundsatz: „Es ist nicht wahr, was du siehst oder hörst. Es ist wahr, was wir sagen.“ Dazu gehörte unter anderen die perfide Strategie des Regimes, Gerüchte und falsche Informationen zu streuen.
Eine seiner schlimmsten Erfahrungen in Bulgarien sei die verordnete Kunstrichtung des „Sozialistischen Realismus“ mit dem Schriftstellerverband als Kontrollorgan gewesen. „Die Literatur bestand nur aus Lügen. Es war sogar verboten, melancholische Gedichte zu schreiben.“ In dieser Situation habe „große Literatur“, die die Wahrheit sage, Momente der Befreiung beschert. Dimitré Dinev nannte beispielhaft Balzacs monumentales, vor dem Hintergrund der Hochblüte des Kapitalismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts spielendes Romanwerk: „Die Beziehungen der Menschen, die Balzac schildert, sind wahrhaftig, nicht verlogen.“
Identitäten so flüssig wie Wasser
Ringen um Wahrhaftigkeit beansprucht auch „Zeit der Mutigen“ für sich. Anna-Katharina Gisbertz nannte ihn im Port 25 „den totalen Roman“, da in die Erzählung auch Lyrik und Dialoge eingeflochten sind. Das die Erzählstränge verbindende Element bildet die Donau. So beginnt der Roman mit dem selbstmörderischen Sprung eines Dienstmädchens namens Eva in den Fluss. Ihr Sprung bringt ihr jedoch nicht den Tod, sondern die Liebe.
Sein Roman beruhe auf Gegensätzen wie Tod und Liebe, erläuterte Dimitré Dinev. Eros sei dabei die einzige Möglichkeit für den Menschen sich der Unendlichkeit zu nähern. Ein anderer Gegensatz ist der die Handlung vorantreibende von Vergessen und Erinnerung, den ein gewisser Leopold verkörpert, dem eine Gewehrkugel im Kopf nicht das Leben, wohl aber das Gedächtnis geraubt und damit zugleich eine neue Identität geschenkt hat. Überhaupt sind die Identitäten der Romangestalten so flüssig wie das Wasser der Donau. Als alle anderen Motive seines Romans überragendes Leitmotiv nannte der Autor jedoch das Streben nach Gerechtigkeit.
Für Dimitré Dinev nimmt ein, dass er sich bei seinem Besuch in Mannheim weigerte, eine in einem Konzentrationslager spielende Passage zu lesen. Dem Autor geht es offenbar nicht um Effekthascherei oder darum, aus dem Grauen Kapital zu schlagen. „Der Grausamkeit muss sich jeder allein stellen, das Individuum muss damit zurechtkommen“, begründete er seine Weigerung. „Vortragen wäre falsch, denn die Masse hat kein Gewissen“, fügte er hinzu. Der Romantitel „Zeit der Mutigen“ zielt eben auf den Widerstand des Einzelnen in einer von Unmenschlichkeit geprägten Zeit.