Ludwigshafen
„Wunsch nach Zusammenhalt“
Frau Kips, wie haben Sie sich bisher finanziert und was ist davon weggebrochen?
Rund 40 Prozent meiner Einnahmen kommen von der Unterhaltungsbranche, sprich der musikalischen Begleitung von öffentlichen, firmeninternen und privaten Veranstaltungen. Hinzu kommt meine pädagogische Tätigkeit als konstante finanzielle Stütze. Zuletzt war ich mit einer gut gebuchten A-cappella-Gruppe aus Dresden, den Medlz, als Aushilfe auf Tour. Nach dem 8. März wurden die restlichen Shows bis Ende März abgesagt. Weitere Konzerte mit meinen Duo-Projekten im April und Mai fallen sehr wahrscheinlich auch flach. Einige private Veranstaltungen im Juni wurden nun auch abgesagt. Das könnte so weiter gehen, da sich Veranstalter vor höheren Ausfall-Gagen schützen wollen – verständlicherweise. Noch kann ich nicht absehen, wie groß der finanzielle Schaden tatsächlich wird, aber er liegt jetzt schon im vierstelligen Bereich.
Welche Möglichkeiten sehen Sie beziehungsweise nutzen Sie schon, um die Verdienstausfälle zu kompensieren?
In den Musikschulen haben wir relativ schnell reagiert und auf Online-Unterricht umgestellt. Damit verdiene ich zwar nicht meinen vollen Lebensunterhalt, aber es ist ein Trost, dass nicht alle Einnahmen wegfallen. Die Schülerinnen und Schüler nehmen das alle sehr positiv an und freuen sich über den Input während dem eingeschränkten Freizeit-Angebot. Ich bin sehr dankbar, dass ich dadurch finanziell nicht ins Bodenlose falle, wie es bei vielen Kunst- und Kulturschaffenden der Fall ist.
Inwieweit haben Sie da Unterstützung durch Kollegen, Gruppen in Sozialen Netzwerken oder Verbänden und Organisationen?
Es wurden sofort größere Petitionen gestartet, um auf die prekäre Situation der Künstler und Selbstständigen aufmerksam zu machen und damit an die Politik heran zu treten. Die Deutsche Jazzunion schickte an alle Mitglieder eine Linksammlung zu Informationen und Hilfen wie etwa durch die Gema oder GVL. Die Seiten von Startup Mannheim oder Livekultur Mannheim lieferten zudem gute Übersichten und stellten ihre Beratungshilfe zur Verfügung. In der Mannheimer Musikszene gab es natürlich auch regen Austausch. Schon vor der Krise war ich Mitglied einer großen Musikerinnen-Gruppe auf Facebook, die jetzt über 1000 Mitglieder hat. Besonders jetzt ist die mentale Unterstützung unter Musikern und Musikerinnen groß, wir beraten uns gegenseitig über Online-Konzerte und -Unterricht, Anträge, Verträge und so weiter. In der gesamten Künstler-Szene ist der Wunsch nach Zusammenhalt spürbar.
Haben Sie sich schon um die Soforthilfe des Landes für Soloselbstständige bemüht? Falls ja, wie sind Ihre Erfahrungen oder wie ist Ihr Eindruck?
Ich habe Soforthilfe beantragt und habe das Geld auch bekommen. Das ging sehr schnell und hat super geklappt in Baden-Württemberg. Das war eine positive Erfahrung. Wenn es allerdings weiterhin längere Zeit untersagt bleibt aufzutreten und uns die Einnahmen aus den Konzerten fehlen, muss sich die Politik auf jeden Fall nochmal was überlegen. Prinzipiell fühle ich mich privilegiert, in einem Land zu leben, in dem solche Hilfen überhaupt angeboten werden. Es gibt ja so viele Länder, in denen Arbeitslose schnell obdachlos werden und sogar nichts mehr zu essen haben.
Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Immer im Wandel und umgeben von Menschen, die mir ein Gefühl von Zuhause geben und umgekehrt. Ohne musikalisches Ausleben fast undenkbar. Sich künstlerisch zu beschäftigen, fordert und fördert persönliches Wachstum, Selbst-Reflexion und Weitsicht.
Wie geht es Ihnen im Moment?
Gut, denn ich bin körperlich gesund und mental noch recht gelassen. Wenn ich nicht mehr raus zum Joggen in den Wald dürfte, wäre das für mich ein viel schlimmerer Einschnitt als die abgesagten Konzerte, um ehrlich zu sein. Die Natur beziehungsweise der Wald sind für mich die beste Kopfmedizin – schon immer gewesen. Es klingt etwas esoterisch, aber die Natur erdet mich und relativiert das Leben auf eine so direkte Art. Existenzängste und andere Sorgen werden oft so absurd, wenn ich das große Ganze vor Augen habe. Dass alles, jeder noch so kleine Organismus, seine Umgebung bedingt und umgekehrt von ihr bedingt wird. Und dass vieles seine Zeit braucht und auch bekommt.
Haben Sie Ihre Berufswahl in der letzten Zeit bereut?
Nicht eine Sekunde. Ich liebe meinen Beruf und mag die Abwechslung zwischen den unterschiedlichen Rollen der eigenen Chefin als Bandleaderin, Partnerin, Angestellter und Lehrender.
Was könnten Sie sonst machen?
Vor meinem Musikstudium war mein Plan B die Logopädie, da es der Stimme und Stimmbildung nah ist. Außerdem habe ich immer viel gemalt oder gezeichnet und eine Affinität zu visueller Kunst. Grafikerin oder Designerin wäre vielleicht auch interessant, wenn auch ein weiter Weg. Jetzt könnte ich mir nicht vorstellen, dass ich mit anderen Berufen so erfüllt wäre. Berufsmusikerin zu sein ist zwar hart verdientes Brot und bringt selten das große Geld. Aber das war mir vorher bewusst und ich würde diese Entscheidung immer wieder so treffen.
Interview: Christian Gaier