Ludwigshafen Wohnen in strenger Geometrie
Welche Gedanken sich Künstler, Designer und Architekten über die Zukunft gemacht haben, darum geht es in der Ausstellung „Wie leben?“ im Wilhelm-Hack-Museum. Auch wenn die Ideen, Entwürfe und Kunstwerke aus dem vergangenen Jahrhundert stammen, erscheint vieles immer noch aktuell. In einer kleinen Serie stellen wir Beispiele aus der noch bis Ende März laufenden Ausstellung vor.
Der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski, der 2015 die Eingangstür zur Zentrale des russischen Geheimdienstes in Moskau in Brand gesteckt hat und seitdem in einer psychiatrischen Klinik interniert ist, wurde kürzlich mit Kasimir Malewitsch verglichen. Sein „Bild“, sagte der ebenfalls renommierte Künstler Oleg Kulik, sei der erste Versuch in der russischen Kunst seit Malewitsch, wieder Individualität zu entwickeln und Leben und Kunst zusammenzubringen. Malewitsch ist nicht nur der „Erfinder“ abstrakter Kunst, der mit geometrischen Formen gespielt hat. Der russische Künstler polnischer Herkunft ist wie kaum ein anderer Vertreter in der Ludwigshafener Ausstellung geeignet, eine Antwort auf deren Frage „Wie leben?“ zu geben. Mit seinem „Schwarzen Quadrat auf weißem Grund“ hat Malewitsch nämlich mitten im Ersten Weltkrieg und vor der Oktoberrevolution nicht nur die Kunst revolutioniert, sondern mit ihr eine Lebenskunst verbunden. Das alte Ideal der Kunst als Nachahmung der Gegenstandswelt bedeutete ihm eine „Signatur des Todes“. Die neue Kunst der Zukunft hingegen sollte vom Als-ob befreien, und das Bild von jeglicher Abbildhaftigkeit gereinigt, mit der Wahrnehmung die Welt erschaffen werden. Diese von Malewitsch „Suprematismus“ genannte konstruktive Kunstrichtung verwirklichte er erstmals 1915 mit dem „Schwarzen Quadrat auf weißem Grund“, einer in konträren Farben gehaltenen reinen geometrischen Form. Beim Betrachter zielte suprematistische Kunst darauf, reine Empfindungen hervorzurufen. In der gewünschten kontemplativen Haltung zu seinen Bildern nahm der 1878 in Kiew geborene Malewitsch sich ein Vorbild an Religion und russischer Ikonenmalerei. Als derjenige Künstler, der die neue Epoche der abstrakten Malerei einleitete, hat Kasimir Malewitsch sich einen Namen in der Kunstgeschichte gemacht. Weniger bekannt indes sind seine architektonischen Entwürfe. Die Ludwigshafener Ausstellung zeigt zwei aus dem Centre Pompidou in Paris ausgeliehene Kopien seiner Architekturmodelle. „Gota 2-3“ ist ein in die Höhe strebender, „Bêta“ ein palastartig sich in die Länge erstreckender Gebäudekomplex. Die Modelle flankiert ein Ausschnitt aus Fritz Langs Film „Metropolis“ von 1927, dessen Stadtansicht vorausweist auf die Wolkenkratzerlandschaft von Manhattan. Außerdem hängt hier an der Wand eine „Suprematistische Komposition“ des Malers Malewitsch von 1915/16 und eine Bleistiftskizze von 1920 mit dem Titel „The House of the Future“. Sie zeigen, wie die geometrischen Formen nicht nur seine Malerei, sondern auch seine Architektur bestimmen. Mit seiner Kunst wollte Malewitsch die Welt verbessern. Sein „Haus der Zukunft“ war dazu bestimmt, durch den Kosmos zu fliegen, seine Architekturmodelle indessen waren nicht dazu vorgesehen, jemals realisiert zu werden. Heute leben Städter überall inmitten von funktional-konstruktiven Bauten, und Menschen fliegen durch den Weltraum. Dass das Leben auf der Erde deswegen besser geworden wäre, lässt sich aber kaum sagen. In den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution genoss die Kunst in der jungen Sowjetunion nahezu unumschränkte Freiheit. Stalin holte sie wieder auf den Boden der bolschewistischen Tatsachen zurück und verordnete ihr mit dem „sozialistischen Realismus“ die Idealisierung von Arbeitern und Bauern. Auch Malewitsch malte fleißige Erntehelfer in geometrisierter Formgebung. Er starb 1935 an Krebs.