Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Wo es bei Abiturienten hapert – Zwei Chemiker berichten

Eine Gymnasiastin hält bei einer Präsentation für den Landeswettbewerb„Jugend forscht“ das Modell einer molekularen Struktur von
Eine Gymnasiastin hält bei einer Präsentation für den Landeswettbewerb»Jugend forscht« das Modell einer molekularen Struktur von Nikotin in den Händen.

Zwei Chemiker haben sich zur Quintessenz „Abitur – Was für ein Stress!“ gemeldet. Beide haben jahrelange Berufserfahrung, betreuen regelmäßig Praktikanten und sehen an Gymnasien insbesondere in einem Punkt großen Handlungsbedarf.

Günter Scherr leitet bei der BASF eine Forschungsgruppe und hat regelmäßig Kontakt zu Praktikanten und Auszubildenden. Er hat deshalb einen guten Einblick, was die Abiturienten von heute wissen und können. Praktische Erfahrungen vermittelt der promovierte Chemiker den jungen Leuten im Kunststoffbereich, es geht für sie also zum Beispiel um das Recycling sogenannter Polyurethane, mit deren Hilfe Schaumstoffe hergestellt werden.

„Rund 65 bis 70 Prozent der von mir betreuten Auszubildenden haben Abitur, einige von ihnen können sogar einen 1er-Schnitt vorweisen“, sagt Scherr. Das Wissen, das diese jungen Leute mitbrächten, sei sehr breit und umfassend. „Insbesondere im Vergleich zu früher, als die Azubis in meinem Bereich zum Großteil noch die mittlere Reife, also einen Realschulabschluss hatten“, sagt Scherr. Und trotzdem bedeute dies nicht, dass die heutigen Abiturienten das ihnen zur Verfügung stehende Wissen auch entsprechend umsetzen können.

Woran es hapert? „Der Diskussionsaustausch geht immer mehr verloren“, meint Scherr, „es wird heute deutlich weniger nachgefragt und auch viel weniger kritisch hinterfragt.“ So komme es, dass mancher Abiturient chemische Formeln zwar korrekt aufsagen, sie aber nicht mehr richtig anwenden könne. Leicht überspitzt formuliert, laufe ein Dialog mit der heutigen Schülergeneration immer häufiger wie folgt ab. „Woher hast du denn diese Erkenntnis?“ „Das hab’ ich gelesen.“ „Hast du es denn auch hinterfragt?“ „Nein“, das sagen alle. „Und wo steht das Ganze?“ „In der Whatsapp-Gruppe.“

Lehrplan entrümpeln

Auch wenn Scherr mit Studenten grundsätzlich zu einem Thema debattiert, erlebe er immer wieder, dass die jungen Leute irgendwann sagen: „So weit haben wir gar nicht gedacht.“ Handwerklich das umzusetzen, was gelernt wurde, sich mit Gegenargumenten auseinandersetzen, anderen wirklich erklären können, was chemisch oder physikalisch gerade passiert – all diese Fähigkeiten seien heute weniger ausgeprägt als früher. „Und das, obwohl unsere Gesellschaft gerade vor der Herausforderung eines enormen Transformationsprozesses steht und es sehr viele Ansatzpunkte gibt.“ Konkret zu berechnen, wie sich etwa ein Elektro- im Gegensatz zum Verbrennerauto schlage, spreche Schüler an und sei für sie auch greifbar.

Günter Scherr
Günter Scherr

„So etwas wie die Schrödinger Gleichung – eine grundlegende Gleichung der Quantenmechanik – gehört aus meiner Sicht hingegen nicht zum Wissen, über das Physik-Abiturienten verfügen müssen, sondern ist Stoff für den Bachelor-Studiengang“, sagt der 64-Jährige. „Wichtig ist, dass in der Schule Grundlagen gelegt, Dinge praktisch veranschaulicht werden und das Interesse an den Naturwissenschaften geweckt wird“, betont Scherr, der deshalb für eine gewisse Entrümpelung des Lehrplans an den Gymnasien plädiert.

Dieser Ansicht ist auch Michael Twertek. Der Ludwigshafener ist ebenfalls promovierter Chemiker und als Laborleiter am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) in Neustadt tätig. Sein Fachgebiet: Analytik und Umwelt am Institut für Phytomedizin, wo es unter anderem um die Rückstandsanalytik von Pflanzenspritzmitteln geht. Noch heute kann der 57-Jährige aufzählen, welche Lehrbücher er nach drei Jahren Chemie-Leistungskurs am Carl-Bosch-Gymnasium 1984 komplett durchgearbeitet hatte: „Grundlagen der allgemeinen und anorganischen Chemie“, „Grundlagen der organischen Chemie“ sowie „Kunststoffe, Farbstoffe, Waschmittel“. Schon weit vor den Abiturprüfungen habe man den Lernstoff erarbeitet gehabt, sodass der Chemie-Leistungskurs ausreichend Zeit hatte, um sich drei Monate lang jeweils einen Nachmittag pro Woche für fünf aufeinanderfolgende Stunden im Labor zu treffen, und dort praktische Übungen machte.

Grundlagen sitzen nicht

Heute sei das kaum mehr möglich, meint Twertek, denn inzwischen stünden für Abiturienten auch physikalische Chemie, Elektrochemie oder Orbitaltheorie auf dem Lehrplan. Alles Themen, die für ihn früher in der Schule überhaupt nicht relevant gewesen seien. „Die Abiturjahrgänge haben insofern ein viel breiteres Wissensspektrum, dafür sitzen aber die elementaren Grundlagen nicht mehr richtig“, resümiert der 57-Jährige. Im Labor stünden die Schüler bei ihm so teils am Gaschromatograph – einem modernen Gerät für die Analyse von Substanzgemischen – und bekämen große Augen, wenn er sie nach dem vierten Aggregatszustand frage.

Michael Twertek
Michael Twertek

„Ich meine das nicht als Vorwurf an die jungen Leute“, betont Twertek. „Die wissen insgesamt wirklich sehr viel. Aber das Verstehen in der Tiefe fehlt. Und zwar, weil das Motto in den Schulen lautet: Kapitel gelehrt, Kursarbeit, weiter geht es.“ Beim Lernen müssen aus Sicht des 57-Jährigen deshalb andere Wege gegangen werden. „Die Gymnasien sollten den Mut haben, auf weniger Lehrinhalte zu setzen und den Schülern dafür mehr Zeit geben, diese auch mit praktischen Übungen zu verinnerlichen.“ Denn: Wer die Grundlagen gut beherrsche, werde an der Universität auch darauf aufbauen können. „Sitzen die Grundlagen nicht“, sagt Twertek, „dann prasselt auf die jungen Leute im Studium eine Flut an Lernstoff ein, der sie kaum mehr Herr werden.“

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