Interview
Was eine Expertin zum wachsenden Abi-Stress sagt
Frau Schwartz, wie es denn dazu gekommen, dass meine Quintessenz beim Philologenverband, also dem Verband der Gymnasiallehrerinnen und -lehrer, gelandet ist?
Tatsächlich habe ich Ihren Text zugeschickt bekommen, denn meine Eltern wohnen in Ludwigshafen.
Die Leser-Rückmeldungen dazu fielen allesamt in die Kategorie „Trifft den Nagel auf den Kopf“ oder „Sie sprechen mir aus der Seele“. Für die Abiturienten, Lehrkräfte und die Gymnasien als solche ist das doch besorgniserregend, oder nicht?
Das sehe ich genauso. Für die Schülerinnen und Schüler ist heute weder beim Abitur nach der zwölften Klasse (G8), noch beim verkürzten rheinland-pfälzischen Abitur, welches in der 13. Klasse (G9) schon im März abgelegt wird, überhaupt Zeit, sich noch irgendeine Art von Durchhänger zu erlauben, ohne dass das zum Problem wird.
Der Vater einer Zwölftklässlerin schrieb mir: „Man könnte manchmal glauben, die Schüler gehen nicht in die Schule, um etwas zu lernen, sondern um ständig Noten zu bekommen.“ Haben Sie Verständnis für diese Art von Frust? Nehmen Sie das ähnlich wahr?
Ja, und ich glaube die Zeit der Corona-Pandemie hat das verstärkt – weil Lehrer noch mehr darauf konditioniert wurden, die Leistung der Schüler zu bewerten. In den wenigen Stunden, in denen sie die Kinder und Jugendlichen damals überhaupt gesehen haben, musste ja geschaut werden, dass es zumindest in irgendeiner Form Grundlagen für die Zeugnisse gibt. Jetzt ist allerdings so, dass man dieses Rad wieder ein Stück weit zurückdrehen könnte.
Das heißt, hier sehen Sie durchaus die Lehrkräfte in der Verantwortung?
Ich glaube, das müssen wir uns als Lehrerinnen und Lehrer immer wieder selbst sagen, dass wir die Schüler, aber auch uns selbst, nicht so unter Druck setzen. Lehrkräfte leiden ja ebenfalls darunter, wenn es so viele Leistungsüberprüfungen gibt. Denn sie sind diejenigen, die das alles korrigieren müssen. Gleichzeitig fühlen wir uns aber auch verantwortlich für den Lernerfolg der Schüler und wollen, dass inhaltlich etwas rüberkommt. Wenn ich als Lehrkraft etwas abprüfe, dann weiß ich ja ganz genau: Es wird dafür gelernt. Insgesamt ist das also ein zweischneidiges Schwert, und wir müssen an dieser Stelle ein gutes Augenmaß bewahren.
Verstärkt auch das verkürzte rheinland-pfälzische Abitur den Stress?
Wir gewinnen mit dieser Regelung tatsächlich kaum etwas. Die jungen Leute haben eine hektische Schulzeit, nach dem Abitur aber dann doch wieder eine lange Phase, in der sie erstmal ihre Seele wieder nachkommen lassen. Nur die allerwenigsten fangen ja direkt zum Sommersemester an, zu studieren. Andere Bundesländer sind darauf auch gar nicht eingestellt, weil es dort das vorgezogene Abitur nicht gibt und die Bewerbungsfristen an den Universitäten entsprechend andere sind. Besser wäre es also, das Ganze gleich langsamer anzugehen und vom vorgezogenen G9-Abitur im Winter zum „regulären“ G9-Abitur zurückzukehren, das dann auch in Rheinland-Pfalz erst vor den Sommerferien stattfinden würde.
Gibt es derzeit Signale seitens der Landesregierung, dass das in Erwägung gezogen wird?
Leider nicht.
Eine Mutter schrieb mir: „In kurzer Zeit wird Abiturienten komplexes Wissen vermittelt und dabei werden wenige Prioritäten gesetzt. Alles ist wichtig, ausführlich und im Detail. Permanenter Leistungsdruck.“ Ist es nicht auch an der Zeit, die Lehrpläne wieder zusammenzustreichen und auf manches zu verzichten, was in den letzten Jahren draufgepackt wurde?
Ich kann das nachvollziehen, dass sich solch ein Gefühl aufbaut, weil auch an uns Lehrkräfte immer mehr herangetragen wird. Wir sollen noch Verbraucherbildung machen, Resilienz stärken oder über das Thema Glück sprechen – alles sinnvoll und wichtig, keine Frage –, aber es kommt eben hinzu zu allem, was sonst noch zu leisten ist. Und ich glaube, da sehnen sich sowohl Eltern, Lehrer und Schüler nach mehr Qualität in der Tiefe sowie gleichzeitig nach dem Beherrschen der Grundlagen. Wir haben schon viel ausgedünnt und weggelassen, aber ich denke, wir brauchen wirklich wieder mehr Übungen, mehr Fokussierung, mehr Konzentration.
Wie ist es denn aus Ihrer Sicht dazu gekommen, dass wir uns jetzt an diesem Punkt überhaupt befinden?
Ein großer Stressfaktor heutzutage ist das Smartphone, beziehungsweise sind die sozialen Medien. An vielen Stellen bekommen wir das gar nicht mit, wie sehr uns die permanente Verfügbarkeit zu schaffen macht – und das betrifft auch die Schule. Lernplattformen zum Beispiel: Da müssen sich die Schüler auf zig verschiedenen Kanälen tummeln und überall schauen, ob irgendwo noch Informationen oder Aufgaben abzuholen und zu bearbeiten sind. An dieser Stelle wäre weniger wirklich mehr, und auch Lehrer sollten immer wieder Sendepausen einlegen.
Wie meinen Sie das?
Wenn ich früher als Lehrerin mal etwas vergessen habe, zum Beispiel also die vorbereitende Hausaufgabe für die nächste Stunde zu stellen, dann war das mein Problem. Ich musste kreativ werden und umplanen – was durchaus heilsam war, weil man dadurch diesen Machbarkeitswahn nicht hatte. Es gab schlichtweg keine Möglichkeit, die Hausaufgabe noch irgendwie an die Schüler zu bringen. Diese Art von Gelassenheit müssen wir im digitalen Zeitalter erstmal wieder neu lernen.
Wie gelingt das aus Ihrer Sicht am besten?
Das ist ein Punkt, an dem zum Beispiel eine Schülervertretung gut aktiv werden kann. Also nicht im Sinne von, wir proben jetzt den Aufstand gegen einzelne Lehrer. Eher: Wir gehen mit der Schule insgesamt in einen konstruktiven Diskurs darüber, auf welchen Kanälen und bis wann es sinnvoll ist – beziehungsweise ob es überhaupt sinnvoll ist –, dort Aufgaben einzustellen. Wir als Lehrer erleben diese Entgrenzung von Arbeit ja auch. Und ich kann Ihnen eines sagen: Man lügt sich auch als Lehrkraft in die Tasche, wenn man meint, es würde einem das Leben erleichtern. Denn das alles erweitert ja meinen Unterricht. Ich stelle plötzlich nicht mehr nur während der regulären Schulstunde die Aufgaben, sondern auch darüber hinaus. Gleichzeitig ist allerdings festzustellen: Schüler stresst durchaus auch der außerschulische Kontakt, der heute in erheblichem Ausmaß ebenfalls über die sozialen Medien stattfindet.
Welche Rückmeldung bekommen Sie denn beim Philologenverband speziell von Ludwigshafener Lehrkräften? Unterscheidet sich das zum Beispiel von anderen Schulstandorten?
Natürlich haben wir immer wieder auch Kontakt zu Ludwigshafener Kollegen. Die Besonderheit ist sicherlich, dass es in der Stadt viele große Schulen und von der Zusammensetzung der Schülerschaft her gesehen auch eine große Mischung gibt. Was einerseits schön ist, andererseits aber auch natürlich eine Herausforderung mit sich bringt. Ganz klar gibt es für Ludwigshafener Schulen aber den Standortvorteil, die BASF vor Ort zu haben und an dieser Stelle im Austausch sein zu können. Es gibt also Licht und Schatten.
Zur Person
Cornelia Schwartz (46) unterrichtet Englisch und Mathematik am Werner-Heisenberg-Gymnasium in Bad Dürkheim. Seit 2015 ist sie Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Philologenverbands.