Ludwigshafen „Wir sind Utopieproduzenten“
„Die Auszeichnung verstehe ich als Bestätigung meiner Verbundenheit mit der Region.“ So hat in einem Gespräch der Mannheimer Kompositionsprofessor Sidney Corbett, dem vor Kurzem der Pfalzpreis für Musik verliehen worden ist, auf die Ehrung reagiert. Zudem bekundete er seine hohe Wertschätzung der Künstlerförderung in Rheinland-Pfalz. Corbett gab außerdem Auskunft über sein ästhetisches Credo, seine Pläne und über das Programm der von ihm geführten Gesellschaft für Neue Musik Mannheim im nächsten Jahr.
Mit besonderer Genugtuung stelle er die positive Resonanz auf seine Themen fest, sagte der Komponist. Konkret bezieht er dies auf seine Beschäftigung mit dem italienischen Filmemacher, Dichter und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini, von dem der Stoff seiner am 28. April 2018 am Theater Osnabrück uraufgeführten und jetzt mit dem Pfalzpreis ausgezeichneten Oper „San Paolo“ stammt. Pasolini, so Corbett, dessen bestialische Ermordung 1975 in Ostia bei Rom übrigens bis heute ungeklärt geblieben ist, habe schon vor 50 Jahren vorausgesagt, was auf uns zukommen werde. Seine Botschaft habe gelautet: „Wir entrechten uns freiwillig zugunsten des Kapitals.“ Ein weiteres zentrales Thema der Oper ist Vereinsamung: Pasolinis Vereinsamung habe jener des heiligen Paulus geglichen, der Titelgestalt eines von Pasolini nicht realisierten Drehbuchfragments und der Oper Corbetts. Nachdenklich beurteilt der Komponist andererseits die Situation der klassischen Musik, dabei insbesondere der zeitgenössischen Klassik in der Gegenwart. „Unsere Inhalte“, meint er, „lassen sich schwer vermitteln. Wir sind Produzenten von Utopien – die ich allerdings für sehr wichtig halte. Entscheidend ist aber dabei, dass die Künstler ihre Utopien aufrichtig formulieren.“ Auch sei viel Hoffnung im Spiel, sagt der Komponist. Denn das Schicksal eines im Entstehen befindlichen Werks bleibe dem Autor während seiner Arbeit daran ein Rätsel. Ob es lediglich einmal von der auftraggebenden Bühne oder Konzertgesellschaft aufgeführt oder oft gespielt werde, das könne der Komponist überhaupt nicht einschätzen. „Zum Verfassen einer Partitur“, so Corbett, „gehört viel Überzeugung“. Partituren von ihm werden übrigens in den nächsten Jahren in Mannheim in Musik umgesetzt: in einem Akademiekonzert im Juni 2020 ein Auftragsstück der Musikalischen Akademie und in der übernächsten Spielzeit seine Oper „Keine Stille (außer der des Windes)“ nach der Textvorlage des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa im Nationaltheater. Sechs Konzerte im Jahr 2019 Sechs Konzerte bietet im kommenden Jahr die Gesellschaft für Neue Musik an. Corbett hält dabei fest an seinem Prinzip, die zeitgenössische Musikproduktion in ihrer vollen Bandbreite vorzustellen, mit sämtlichen Strömungen von der klassischen Avantgarde-Komposition bis zu rigoros experimentellen Entwürfen fernab jeglicher Tradition. Aufrecht erhalten bleiben die Kooperation mit dem Nationaltheater mit zwei Sonderveranstaltungen und mit dem Künstlerhaus Edenkoben. Ebenfalls zum Angebot zählt ein Abend in der unkonventionellen Umgebung und der jugendlich geprägten Atmosphäre der Galerie „eitraumexit“ in der Hafenstraße. Dort steht Cembalo mit Live-Elektronik auf dem Programm. Den Auftakt zur Konzertreihe gibt am 11. Januar das Ensemble recherche, ein langjähriger Gast. Mit seinem Programm huldigt es der russischen Komponistin Galina Iwanowna Ustwolskaja (1919 bis 2006) zu ihrem hundertsten Geburtstag. Sie war neben Sofia Gubaidulina Schostakowitschs bedeutendste Schülerin und eine große geniale Außenseiterin im Musikbetrieb. Gewürdigt wird an diesem Abend außerdem das Wirken von Claus Meissner, Gründungsmitglied und von 1984 bis zum Ende dieses Jahres Vorsitzender der Gesellschaft. Monographisch ist auch das zweite Konzert am 30. März mit Kompositionen György Kurtágs.