Ludwigshafen „Wir können nicht zaubern“
„Immer mehr Paare überwinden ihre Scheu und suchen bei ungewollter Kinderlosigkeit medizinische Hilfe“, berichtet Tobias Schmidt. So wurde mittlerweile jedes 80. Neugeborene durch eine künstliche Befruchtung gezeugt. Denn jede siebte Partnerschaft ist heute ungewollt kinderlos. Allein in Rheinland-Pfalz sind es 25.000 Paare. Ein Grund: Die Frauen werden immer älter, wenn sie ihr erstes Kind bekommen. Und mit zunehmenden Alter sinkt die Wahrscheinlichkeit, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. „Die Fekundabilität, die spontane Schwangerschaftsrate, liegt bei einem gesunden Paar zwischen 25 und 30 Jahren bei 25 bis 28 Prozent pro Zyklus, bei 40 Jahren nur noch bei fünf bis sieben Prozent“, verdeutlicht der Mediziner. Der Grund dafür seien die abnehmende Anzahl und Qualität der Eizellen. Das Aufschieben des Kinderwunschs reduziert die Zeit für eine Schwangerschaft, und die Wahrscheinlichkeit sinkt. Weitere Ursachen für ungewollte Kinderlosigkeit können Erkrankungen der Eileiter, Gebärmutter oder im hormonellen Bereich der Eierstöcke liegen. Bei mindestens der Hälfte der Fälle liegt eine Einschränkung des Spermiogramms vor. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache beim Mann liegt, ist genauso groß wie bei der Frau. Um ungewollt kinderlosen Paaren zu helfen, stehen Schmidt und seinen Kolleginnen verschiedene Methoden zur Verfügung: Neben der hormonellen Therapie gibt es einmal die intrauterine Insemination. Hierbei wird das Sperma direkt in die Gebärmutter eingeführt, um den Weg der Samenzelle zur Eizelle zur verkürzen. Die nächsten, invasiveren Behandlungen sind die In-vitro-Fertilisation (IVF), was übersetzt so viel wie „Befruchtung im Glas“ heißt, und die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion, kurz ICSI. „Die Befruchtung findet außerhalb des Körpers statt. Das macht den Unterschied“, sagt Schmidt. Für diese Behandlungen wird, vereinfacht gesagt, das Eizellenwachstum angeregt, Eizellen unter Narkose entnommen und dann bei IVF zusammengegeben. Bei ICSI werden die Samenzellen direkt in die Eizelle injiziert. Nach einer Nacht im Brutschrank sollten dann im Idealfall befruchtete Eizellen zu sehen sein. „Dabei handelt es sich noch nicht um einen Embryo, da das genetische Material von Samen und Eizelle noch getrennt ist“, stellt Schmidt klar. Drei befruchtete Eizellen werden in eine Kultur gegeben, überzählige befruchtete Eizellen dürfen in diesem Stadium eingefroren werden. Spätestens am fünften Tag werden die befruchteten Eizellen zurück in die Gebärmutter gegeben. „Wir geben drei Embryos zurück, weil nicht jedes Embryo die Kraft hat, zu einem Kind heranzureifen“, erklärt Schmidt. „Danach ist es nicht mehr in unserer Hand“, sagt der Reproduktionsmediziner. Es heißt nun, zwei Wochen warten, bis ein Schwangerschaftstest zeigt, ob die künstliche Befruchtung erfolgreich war. Bei einer Insemination liegt die Erfolgsquote bei maximal 15 Prozent, bei der IVF 32 und bei ICSI 29 Prozent. Verwendet man die eingefrorenen Eizellen, kommt es bei 22 Prozent der künstlichen Befruchtungen zur Schwangerschaft. „Wir können nicht zaubern“, sagt Schmidt. Umso wichtiger sei es, die Paare vor der Behandlung fair und offen über Erfolgsaussichten aufzuklären. Auch über die Kosten, denn der Eigenanteil, der nicht von der Kasse übernommen wird, beträgt pro Behandlungszyklus bei IVF 1500 und bei ICSI 2000 Euro. In seiner Praxis am Ludwigsplatz bietet der Mediziner ausschließlich Reproduktionsmedizin an. Bewusst hat er sich 2009 für Ludwigshafen als Standort entschieden, da die Vorderpfalz, so seine Beobachtung, auf diesem jungen Spezialgebiet der Gynäkologie unterversorgt war. Seine Praxis hat einen großen Einzugsbereich: Seine Patientinnen kommen aus der ganzen Vorderpfalz, aus Heidelberg, Karlsruhe, Darmstadt und Mainz. „Reproduktionsmedizin ist nie nur Schulmedizin“, sagt Schmidt. So bieten seine Kolleginnen und er den Paaren bei Bedarf psychologische Unterstützung an oder beziehen Naturheilkunde in die Behandlung mit ein. „Das Entstehen von Leben, Schwangerschaft und Geburt sind eines der positivsten Dinge in der Medizin überhaupt und haben mich seit meinem Studium nicht mehr losgelassen“, sagt er. Auch nach 15 Jahren sei die Arbeit immer noch bereichernd und persönlich berührend. Und was hält der Experte vom aktuell diskutierten „Social Freezing“, dem Einfrieren von unbefruchteten Eizellen, um dann im höheren Alter einen Kinderwunsch zu verwirklichen? „Wir sind da äußerst zurückhaltend und haben es bisher nicht gemacht“, sagt Schmidt und weist auf die Probleme wie Risiken für die Frau, Kosten, aber auch den ethischen Aspekt, das Spannungsfeld zwischen der Autonomie der Frau und den Risiken des Kindes hin. ZUR PERSON Tobias Schmidt Tobias Schmidt hat in Heidelberg und Mannheim Humanmedizin studiert. Danach folgten zehn Jahre an der Universitätsfrauenklink Mannheim, wo der 43-Jährige alle Stationen vom Arzt im Praktikum bis zum Oberarzt durchlaufen hat. Dort kam der Gynäkologe bereits 1999 mit der Reproduktionsmedizin in Kontakt und spezialisierte sich auf das relativ junge Fachgebiet der Gynäkologie. Der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin lebt in Mannheim. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Das Kinderwunschzentrum in Ludwigshafen hat er zusammen mit seiner Frau aufgebaut. (rad)