Ludwigshafen „Wir haben sie allein gelassen“

Berührende Erzählerin mit einer klaren Haltung: Publizistin Maria von Welser (71).
Berührende Erzählerin mit einer klaren Haltung: Publizistin Maria von Welser (71).

„Wo sind die Ehefrauen, Mütter, Kinder?“, fragen sich viele angesichts der überwiegend männlichen Flüchtlinge in Deutschland. Maria von Welser, TV-Journalistin, Publizistin und Komitee-Mitglied von Unicef Deutschland, hat sich auf den Weg in die Länder gemacht, in denen viele geflüchtete Frauen gestrandet sind, um diese Frage zu beantworten. Unter dem Titel „Kein Schutz – nirgends. Frauen und Kinder auf der Flucht“ hielt sie am Montagabend im Heinrich-Pesch-Haus einen Vortrag.

Was von Welser berichtete, berührte die rund 80 überwiegend weiblichen Zuhörer. Geschätzt 3,6 Millionen Frauen blieben buchstäblich auf der Strecke, weil die Familien mit dem letzten Geld, das sie zusammenkratzen können, nicht die Schleuser für alle bezahlen können, berichtet die Autorin. Die Familien schicken daher den Stärksten, oft den Vater oder ältesten Sohn, auf den gefährlichen Weg. Es ist derjenige, der es am ehesten schaffen kann, um dann, so hoffen sie, den Rest der Familie nachholt. Von Welser betont, wie wichtig der Nachzug der Familien für die Integration der Männer ist. „Sie sind unruhig, machen sich Sorgen.“ 1000 Angehörige pro Monat sollen dem Koalitionsvertrag zufolge kommen dürfen. Das sei völlig unzureichend, meint dazu die 71-Jährige. Sie hat in Syrien, der Türkei, im Libanon, in Jordanien, Eritrea oder auf der griechischen Insel Lesbos mit Frauen und Kindern gesprochen und gibt ihnen dadurch eine Stimme. Mit den beeindruckenden Fotos bekommen die Frauen und Kinder auch ein Gesicht. Besonders bewegt hat von Welser die Begegnung mit einer alten Frau. Mit einem Baby auf dem Arm und zwei Jungen, nicht älter als zehn, ist sie auf einem Bild aus dem Bekaa-Tal im Libanon zu sehen. Es sind die Kinder ihrer Tochter, die, um wenigstens einen Teil der Familie versorgt zu wissen, für Geld einen Libanesen geheiratet hat. Für 200 bis 300 Dollar können Männer im Libanon eine Frau kaufen. Die Kinder aus früheren Beziehungen sind nicht Teil des Vertrags und bleiben im besten Fall bei Verwandten zurück. „Wir haben den Libanon, die Türkei und Jordanien allein gelassen“, beklagt von Welser. Die Flüchtlingshilfe vor Ort reichte jedoch nicht für die Ernährung der vielen geflüchteten Menschen, sodass diese sich gezwungen sahen, andere Wege zum Überleben zu finden. Die Welle von Geflüchteten erreichte 2015 einen traurigen Höhepunkt. Mit offenen Augen und Ohren geht von Welser deshalb da hin, wo Menschen in Not sind. Jesidische Frauen, die der Versklavung durch den Islamischen Staat (IS) entkommen sind, berichten ihr vom Leid ihrer Freundinnen und Verwandten. „Habt ihr selber nichts erlebt?“, wunderte sich von Welser. Die Antwort: Der jesidische Glaube verbiete es, vom eigenen Leid zu erzählen. Von Welser befasst sich aber nicht nur mit dem Elend in Flüchtlingslagern, sie berichtet auch von der enormen Hilfsbereitschaft vieler Menschen. Zahlreiche Helfer retteten beispielsweise auf Lesbos Männer, Frauen und Kinder von ganz kleinen Schiffen, die die Flüchtlinge in der Türkei für teures Geld bestiegen hatten. „Warum kommt denn das Geld für die Flüchtlingshilfe bei den Betroffenen nicht an?“, ist eine Frage aus dem Publikum. „Haben Sie schon mal versucht, Geld ins Ausland zu überweisen?“, lautet von Welsers Gegenfrage. Sie erzählt von enormen bürokratischen Hürden. Eleonore Hefner, Geschäftsführerin von Kultur Rhein-Neckar und auch in der Flüchtlingshilfe engagiert, berichtet von Menschen, die auf eigene Kosten Bargeld persönlich direkt vor Ort transportieren. Der rege Austausch hielt an. So wurde der Abend für die Zuhörer und damit für die Helfer in der Flüchtlingsarbeit zu einem großen Gewinn. Viele der Gäste arbeiten ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe und nutzten die Zeit nach dem Vortrag auch für ihre Netzwerk-Arbeit. Organisiert wurde der Abend von den Gleichstellungsstellen der Stadt und des Rhein-Pfalz-Kreises sowie dem Heinrich-Pesch-Haus.

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