Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Wir erklären nicht die Welt“

So komisch deutsch: Max Raabe wie immer im edlen Zwirn.
So komisch deutsch: Max Raabe wie immer im edlen Zwirn.

Max Raabes Gesang ist Balsam für die Seele, gerade in der heutigen Zeit. Seit über 30 Jahren betört der Bariton aus Berlin sein Publikum. Sein herrlich hintergründiges Antikrisenalbum „Wer hat hier schlechte Laune“ macht kleine Fluchten aus dem Alltag möglich. Im Mai auch in Ludwigshafen. Mit einem gut aufgelegten Max Raabe sprach Olaf Neumann über Melancholie und seinen Gastauftritt in der neuen Staffel von „Babylon Berlin“.

Herr Raabe, Ihr aktuelles Album heißt „Wer hat hier schlechte Laune“. Ist das ein Spruch, mit dem Sie Ihr Orchester und sich selbst gern motivieren?
Dieses Lied soll schon in dem Moment, in dem die Frage gestellt wird, gute Laune auslösen. Aber im Orchester – nein. Auf die Idee wäre ich nicht gekommen. Interessante Überlegung!

Als Bandleader müssen Sie ja auch Ihre „Truppe“ bei Laune halten.
Das gelingt eigentlich ganz gut, weil wir um 17 Uhr Catering haben – und da steigt die Laune enorm. Wir sind immer mit unserem eigenen Koch auf Tour. Das klingt dekadent, ist aber eine Kostenfrage. Es muss nicht sein, dass unsere Crew die ganze Zeit nur Pizza beim Lieferdienst bestellt, sondern wir sollen alle gut durch die Touren kommen. Also ab 17 Uhr fängt bei uns das gute Leben an. Und das lässt sich nur noch steigern, indem wir um 20 Uhr auf die Bühne gehen. Wir dürfen jetzt die restlichen verschobenen Konzerte nachholen, wenn alles gut geht. Aber ich bin zuversichtlich.

Hatten Sie in der Lockdown-Zeit, als die Welt still stand, einen „mentalen Platten“?
Zwischenzeitlich schon. Ich habe vor allem bedauert, dass man nicht ins Restaurant, in die Kneipen, ins Kino und Theater gehen konnte. Das fehlte mir mehr als die Arbeit. Das Konzertieren ist ja erfüllend, aber die Reiserei nicht. Ich hätte mir da eine Ruhephase gönnen wollen, aber nicht, indem man allein zu Hause sitzt. Aber wem sag ich das.

Krieg, Corona, Energiekrise – kann Ihnen wirklich nichts die Laune verderben?
Schon als wir so viele Konzerte verschieben mussten, habe ich mir gedacht: Ich bin persönlich nicht daran schuld. Wenn dem so wäre, würde es mich sehr deprimieren. Da muss ich jetzt einfach durch, und das ging anderen Generationen vor mir ähnlich. Es ist schwer, aber es geht.

Das Lied „Es wird wieder gut“ scheint angesichts der Gebrochenheit dieser Welt zu schön, um wahr zu sein. Sind Künstler Berufsoptimisten?
Dieses Stück entstand, als man sich fast schon an Corona gewöhnt hatte. Ich sagte zu meinem Co-Autor Achim Hagemann, dass dieses Stück rauskommen soll, wenn Corona kein Thema mehr ist. Und dann kam plötzlich noch ein Krieg in Europa dazu. Aber wir erklären mit unseren Stücken nicht die Welt. Sie haben nichts mit dem zu tun, was wir in der Zeitung lesen. Es kann ja auch eine persönliche Krise sein. Und am Ende des Liedes kommt die Sambaband um die Ecke als Hoffnungsträger.

Viele Ihrer Lieder sind fröhlich und melancholisch zugleich. Können Sie gleichzeitig glücklich und traurig sein?
Sie finden wahrscheinlich niemand, der auf die Bühne rennt und nicht auch einen Hang zur Melancholie hat. Je lustiger ein Bühnenkünstler ist, umso schwermütiger ist er im echten Leben. Gott sei Dank bin ich nicht lustig auf der Bühne! Man muss sich keine Sorgen um mich machen. Ich habe jede Menge Selbstironie und lache mehr über mich als ich an mir verzweifle.

Haben Sie eigentlich viel ausprobiert, um den Sound für das Album zu finden?
Da verlasse ich mich immer ganz auf die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Peter Plate, Ulf Sommer, Achim Hagemann, Annette Humpe, die sich mit der Popmusik auskennen. Die hören gern, was ich so sage, aber sobald sie ein bisschen verhalten sind, halte ich sofort den Mund, weil die von diesen poppigen Geschichten viel mehr Ahnung haben. Beim Texten kann ich mich viel mehr austoben. Es ist toll, dass man im Team arbeiten kann. Die Stücke, die ich mir allein ausgedacht habe, sind musikalisch immer in den 20er- und 30er-Jahren verhaftet gewesen. Aber mir kommt es darauf an, dieses Repertoire in die Gegenwart zu tragen mit der Ironie und dem Schwermut. Und wenn es mir zu wild wird, sage ich das auch. Und die anderen schätzen es auch, mit jemandem wie mir zusammenzuarbeiten, der wiederum einen ganz anderen Blick auf Text und Musik hat.

Schlagersänger sind Kunstfiguren, kreiert von Imageberatern. Sie hingegen haben das Image, charmant, distanziert und cool auf Ihre ganz eigene Art und Weise zu sein. Waren Sie schon immer so eigen?
Mein Freundeskreis, den ich zum Teil schon seit der Grundschulzeit habe, sagt, ich sei schon immer so gewesen. Was die Bühnenfigur betrifft, stehe ich einfach nur da und singe. Und wenn ich nicht mehr singe, gehe ich weg. Da steckt aber kein Konzept dahinter. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, was ich mit meinen Armen oder meinem Gesicht mache. Es hätte ja auch sein können, dass die Leute sagen: Das geht doch nicht. Sie stehen ja einfach nur da! Aber es ist gut gegangen. Also mache ich einfach so weiter.

Mit Frack und Fliege singen Sie über das Fahren mit Strom. Nun will die Band Coldplay laut eigener Aussage erst dann wieder auf Tour gehen, wenn sie das klimaneutral hinbekommt. Ist das Ziel der Band, bei Konzerten alle Emissionen zu vermeiden, auch realistisch umsetzbar?
Wir haben jetzt innerhalb Deutschlands nur noch die Bahn benutzt. Das ist schon mal ein Schritt. Wir passen schon auf und gehen lediglich mit einem Truck auf Tour. Bahnfahren ist schon eine Herausforderung, manchmal sind es sechs Stunden, wie wir im Zug verbringen. Leider kann man sich auf die Verbindungen nicht richtig verlassen. Das ist manchmal schon hart, aber wir sind auf gutem Wege.

Die Bahn als Kooperationspartner mit einem eigenen Wagen für das Palast Orchester – denkbar?
Die Kooperation mit der Bahn könnte darin bestehen, dass die Züge halbwegs pünktlich losfahren.

„Ein Tag wie Gold“ haben Annette Humpe und Sie als Titelstück für die vierte Staffel von „Babylon Berlin“ geschrieben. Haben Sie ganz bewusst eine andere Herangehensweise, um Musik für einen Film zu komponieren?
Das Stück ist aus einer Stimmung heraus geschrieben worden, es plakatiert keine bestimme Szenerie, sondern es nimmt vielleicht einen Zeitgeist auf. Als ich mit Annette darüber sprach, hatte sie schon eine Idee: „Ein Tag wie Gold“. Ohne mit der Wimper zu zucken, konterte ich: „Und in den Adern 1000 Volt“. So geht das bei uns ganz oft. Man muss ja auch „Babylon Berlin“ als Gesamtkunstwerk, als Episode und als Film begreifen. Und der spielt in einer Tanz-auf-dem-Vulkan-Atmosphäre. Als wir die Zeile „Grüße nach Moskau, Paris und nach Wien“ texteten, sah die Welt noch anders aus. Aber wir haben „Moskau“ drin gelassen, die Serie spielt ja in den 20er- und 30er-Jahren. Dieses Stück wäre uns sicher nicht als normaler Popsong eingefallen, es hat schon etwas mit Glitzer und wilder Party zu tun. In dem Film kommt ja der Hit „Zu Asche, zu Staub“ vor; “Gold“ ist sozusagen das Gegenstück.

Warum ist die Sehnsucht nach Gefühlen aus dieser Zeit so groß, warum ist Ihre Musik so erfolgreich?
Das fragt man mich, seit die Mauer gefallen ist. Wir haben ja Ende der 80er angefangen: Wie kommt es, dass so junge Leute so alte Musik spielen? Weil diese Thematik und diese Texte eine zeitlose Qualität haben. Man würde mich das nicht fragen, wenn ich Mozart oder Brahms auf die Bühne brächte. Deren Stücke sind nämlich noch älter. Und wenn man dann ein Ensemble hat, das sich dem ganz hingibt, hat man sein Publikum. Glücklicherweise gibt es davon ein paar in Berlin, die alle ihre eigene Herangehensweise und Stilistiken haben. Es gab damals ja auch Tango- oder Jazzorchester. Und dazu kommt dieser Mythos der goldenen 20er-Jahre, der stark zu hinterfragen ist.

Berlin gilt insbesondere im Ausland als cool.
Berlin hat immer schon einen Zauber ausgelöst. Es gibt Berlin und es gibt Deutschland. So wie auch München anders ist als der Rest der Welt. Aber auf diesem Mythos kann man sich nicht ausruhen, wenn man durch die Welt reist. Das, was wir machen, ist nicht zeitgemäß – oder andererseits wieder doch.

Liegt Berlins Ruf auch an dem Exportschlager „Babylon Berlin“ und dem Weltstar Max Raabe?
Ich bin ja nicht cool. Gott sei Dank habe ich mich darum nie bemüht. Ich stehe einfach nur da und singe. Die Leute im Ausland erkennen aber spätestens nach dem dritten Stück, dass wir auf der Bühne zwar die Musik sehr ernst nehmen, aber uns selbst nicht. Und dann sehen wir auch noch so komisch deutsch aus. Es ist natürlich witzig, dass wir mit diesen Klischees kokettieren. Aber das alleine würde nicht reichen, man muss auch gute Musik abliefern. Die Leute sollen beim Rausgehen sagen: Wenn die wiederkommen, gehen wir wieder hin! Weltstar ist übrigens jemand, vor dessen Hotel Fotografen und Fans campieren, davon bin ich noch weit entfernt.

Termin

Max Raabe und das Palast Orchester sind 23. Mai, 20 Uhr, im Pfalzbau in Ludwigshafen. Tickets gibt es bei der Tourist-Info Ludwigshafen am Berliner Platz sowie an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

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