Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Wilde Vulven“: Heidelberger Künstlerin geht ein Tabu an

Aus farbenfrohen Stoffen oder samtbezogenen Broschen tritt die Vulva wie eine aufkeimende Rose hervor.
Aus farbenfrohen Stoffen oder samtbezogenen Broschen tritt die Vulva wie eine aufkeimende Rose hervor.

Bunt und schön stellt die Heidelberger Künstlerin, die unter dem Synonym „Wilde Vulven“ arbeitet, den weiblichen Schambereich zur Schau. Vor ihrer Ausstellung im Queeren Zentrum Mannheim erklärt die 32-Jährige, dass sie nicht schockieren sondern sensibilisieren will.

Wie kam es zur Idee, eine Kunstausstellung zu konzipieren, bei der sich alles explizit um das weibliche Genital dreht? Gab es dafür einen besonderen Auslöser?
Das hat 2018 begonnen, Auslöser war das Buch „Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist, ein Comic-Novel, das mich ziemlich beeindruckt hat. Darin wird auch das Phänomen des Anasyrma beschrieben, das Zeigen der Vulva in der Mythologie, um Dämonen, Krieg und Hungersnöte zu vertreiben, wenn Frauen ihre Röcke hochheben. Daraus entstand die Idee, mit genähten Vulven quasi ein Anasyrma light zu entwickeln. Dabei habe ich gemerkt, dass es total viel Austauschbedarf zu dem Thema gibt.

In der Einladung heißt es: „Eine Vulva kann Freude und Schmerz, Qual und Ekstase verursachen. Sie ist der natürliche Weg eines jeden Menschen. Dennoch bleibt die Vulva oft unsichtbar und findet keinen Eingang in Kultur und gesellschaftliche Diskurse“: Warum ist das weibliche Geschlechtsorgan immer noch ein Tabu und ein Gespräch darüber oft mit einem peinlichen Berührtsein verbunden?
Ich denke, dass gerade die Übersexualisierung der Vulva ein Problem ist, das dafür sorgt, dass wir gesamtgesellschaftlich keine Möglichkeit haben, vernünftig darüber zu sprechen. Daher ist es mir wichtig, die Vulva erstmal zu reduzieren: auf ein Organ, mit dem die Hälfte der Menschen ausgestattet ist, aber auch auf einen mystischen Ort, der unter anderem für die Geburt steht. Ich möchte einen ästhetischen Raum und ein leichten Zugang schaffen, weil zum Teil falsche Vorstellung von „dem da unten“ herrschen.

Zum Beispiel?
Das wird zum Beispiel bei Schönheitsoperationen deutlich. Viele lassen sich ihre Vulva operativ anpassen, dabei hat eine empirische Studie zu Form und Erscheinung belegt, dass es keine Durchschnittsvulva gibt. Das eigentlich Erschreckende ist, dass es diese Studie erst 2018 gab. In einer Gesellschaft, die sich sonst viel über Wissenschaft definiert, ist auch erst vor kurzem eine richtige, anatomische Darstellung in die Schulbücher gekommen. Auch in der Kunst wird oft nur eine voyeuristisch-patriarchale Perspektive eingenommen, in Form von Vergewaltigung oder sexuellen Darstellungen.

Welche Themen werden durch diese sexuelle Aufladung zugedeckt?
Ganz wichtige Themen wie Menstruation, Schwangerschaftsabbrüche, die Unterdrückung der selbstbestimmten Sexualität, Mängel in der Gesundheitsvorsorge, aber auch sexualisierte Gewalt und Genitalverstümmlung rühren meiner Meinung nach daher, dass es eine Übersexualisierung der Genitalien gibt. Meine Kunst soll eine Einladung sein, darüber zu sprechen, und aufzuzeigen, dass wir stolz auf die Vulva sein können. Wichtig ist mir aber auch eine queer-feministische Perspektive, um nicht nur vom weiblichen Geschlecht zu sprechen, denn es gibt viele Menschen, die diese Themen betreffen und die sich nicht zwangsläufig als Frauen identifizieren.

Was hoffen Sie, mit Ihrer Kunst zu erreichen?
Es ist nicht meine Intention zu schockieren, vielmehr möchte ich von der Obszönität wegkommen und auch das Bild des Nicht-Vorhandenen, von dem Sigmund Freud in seiner Theorie des Penisneids spricht, widerlegen. Ich setzte auf das Stoffliche, mit bunten, dreidimensionalen Kreationen möchte ich zeigen: Da ist etwas, und auch etwas sehr Schönes und gesellschaftlich Relevantes. Oft kaufe ich alte Rahmen auf Flohmärkten, manchmal sind Bilder drin. Diese herauszunehmen und eine empowernde, knallige Vulva reinzukreieren, hat etwas total Heiteres.

Termine

Am Samstag, 4. Februar, wird um 17 Uhr zur Vernissage ins Mannheimer QZM (G7, 14) geladen. Die Ausstellung „Wilde Vulven“ kann bis zum 2. April immer von Donnerstag bis Samstag, 18 bis 23 Uhr, besichtigt werden. Am 12. Februar und 5. März werden von 14 bis 18 Uhr Nähworkshops, um mit bunten Stoffen eine eigene Version der Vulva zu kreieren, angeboten. Anmeldung unter contact@wildevulven.com. Mehr Infos unter www.wilde-vulven.com, www.instagram.com/wildevulven und www.qzm-rn.de.

Die Übersexualisierung des weiblichen Geschlechts hält die Künstlerin für ein Problem und kreiert empowernde knallige Vulven.
Die Übersexualisierung des weiblichen Geschlechts hält die Künstlerin für ein Problem und kreiert empowernde knallige Vulven.
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