Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel „Wie wollen wir leben, lieben und arbeiten?“ fragen Stipendiaten im Ludwigshafener Kunstverein

Konstantin Voit (links) und René Hüls neben „The Lighthouse“ aus Sperrmüll des Kollektivs The liveloveworkcollection.
Konstantin Voit (links) und René Hüls neben »The Lighthouse« aus Sperrmüll des Kollektivs The liveloveworkcollection. Foto: KUNZ

„Wie wollen wir leben, lieben und arbeiten?“ Die Zukunftsfrage geht jeden an. Antworten von Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral und des Landes Rheinland-Pfalz stellen Ludwigshafener Kunstverein und Ernst-Bloch-Zentrum aus.

Unter den vielen künstlerischen Zukunftsaussichten in einer Zeit des allenthalben spürbaren Wandels gibt es solche, die das Verhältnis von Mensch und Maschine oder von Mensch und Technik allgemein, den existenziellen Umgang mit Krankheit und Tod thematisieren oder neue Formen der Gemeinschaft erproben. Es gibt optimistische und es gibt pessimistische Zukunftserwartungen.

Zu letzteren gehört eindeutig Till Wyler von Ballmoos Video „After the Future“. Mit einer unbändigen Ausdauer und erstaunlichen, immer wieder neuen Willenskraft läuft er in Zeitlupe gegen Wände an, ohne auch nur das Geringste auszurichten. Ähnlich aussichtslos mutet Ruth Hutters Videoinstallation „Bodything“ an. Auf einer Leinwand strampeln sich vier Beine vergeblich ab, um auf einer im Saal des Kunstvereins vor pechschwarzem Hintergrund ausgebreiteten goldenen Stoffbahn festen Boden unter den Füßen zu gewinnen.

Ein Mahl aller Nationen

Nicht alle sehen die Zukunft freilich so düster, wenn auch diese beiden Positionen offenbar einem verbreiteten Gefühl der Ohnmacht Ausdruck geben. Im vergangenen Jahr hat das von der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur getragene Künstlerhaus Schloss Balmoral in Bad Ems Künstler aus aller Welt aufgefordert, zum Thema „Gestaltung der Zukunft. Wie wollen wir leben, lieben und arbeiten?“ Stellung zu beziehen. Die Antworten von Stipendiaten des Künstlerhauses, die sich mit dem Jahresthema auseinandergesetzt haben, wurden mit Arbeiten von Stipendiaten, die sich selbst ihr Thema frei wählen konnten, zuerst im Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Mainz, anschließend in Pirmasens gezeigt. Die jetzige Ludwigshafener Gemeinschaftsausstellung von Kunstverein und Ernst-Bloch-Zentrum ist die dritte.

Es gibt auch zukunftsfrohe herkömmliche Malerei zu sehen, wie die Bilder Gregory Olympios aus Ghana, der mit ihnen zum gemeinsamen Mahl aller Nationen und Religionen auffordert. Es gibt aber auch recht avantgardistische Installationen wie die des Künstlerkollektivs The liveloveworkcollection um Bert Jacobs. Die Künstlergemeinschaft hat Sperrmüll, das Einwohner von Bad Ems angeliefert haben, zu einem Turm geschichtet. Auf darin angebrachten Monitoren lässt das Kollektiv sein Zusammenleben, das kapitalismuskritisch von einem gegenseitigen Geben und Nehmen geprägt ist, Revue passieren.

Wand voller Postkarten

Ihre Brustkrebserkrankung verarbeitet Andrea Éva Györi in einem aufwühlenden Video. Mit den technischen Eingriffen in den Körper beschäftigt sich Laura Eckert in mehreren Arbeiten. Das monumentalste Werk aber, eine etwa sieben mal drei Meter füllende Wand mit Postkarten und anderen Ansichten von Paris, steuert Konstantin Voit bei.

Eine Sonderstellung nimmt René Hüls ein. Allein präsentiert er drei seiner Arbeiten im Ausstellungsraum des Ernst-Bloch-Zentrums. Dass der 47-jährige Bildhauer früher einmal Discjockey war, davon zeugt seine ebenfalls recht monumentale Arbeit „Industrie Instrumente“. Lautsprecher an der Wand bilden ein großes Rad oder auch eine überdimensionale Blume. Daneben steht ein Plattenspieler auf einem Sockel mit der Aufschrift: „Denn da ist eine leise Stimme / die dich nicht sieht / Du musst dein Leben ändern“. Wer sich nämlich angesichts der beeindruckenden Zahl an Lautsprechern auf einen ohrenbetäubenden Lärm gefasst gemacht hatte, sieht sich getäuscht. Stattdessen ist nur ein leises Rauschen zu hören, wie es die Endlosrille am Ende einer Schallplatte erzeugt, wenn jedes Staubkörnchen Abwechslung und Aufmerksamkeit erregt. Der Betrachter wird so auf sich selbst zurückgeworfen und im Sinne des Rilke-Zitats zum Nachdenken gebracht.

Kritik an gleichgeschalteter Welt

Zusammen mit seinen anderen im Bloch-Zentrum zu sehenden Arbeiten – einer aus einer Menge gleichförmiger Quadrate gebildeten Weltkarte und einer großen, in Bronze gegossenen Eins als einem der beiden Grundelemente der binären Digitaltechnik – will der Künstler „Industrie Instrumente“ als Kritik an einer mathematisierten, zusehends gleichgeschalteten Welt verstanden wissen. Auch Kapitalismuskritik klingt bei René Hüls an. „Alles bekommt einen Börsenwert“, sagt er. „Und nur drei Prozent der Weltbevölkerung profitiert davon.“

Termin

Eröffnung am Freitag, 22. November, um 19 Uhr, im Ernst-Bloch-Zentrum. Nach Reden unter anderen von Kulturdezernentin Cornelia Reifenberg und Staatssekretär Denis Alt wird die Ausstellung im Kunstverein besichtigt. Am 16. Januar um 18 Uhr kommt René Hüls zum Gespräch ins Bloch-Zentrum

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