RHEINPFALZ-Report Wohnen in Lu (3) RHEINPFALZ Plus Artikel Wie wohnen die Ludwigshafener?

Ludwigshafen ist längst nicht mehr nur eine Stadt zum Arbeiten, sondern auch zum Wohnen. Hier: ein Blick über den Hemshof.
Ludwigshafen ist längst nicht mehr nur eine Stadt zum Arbeiten, sondern auch zum Wohnen. Hier: ein Blick über den Hemshof.

20 Quadratmeter im Studentenwohnheim oder ein großes Haus mit Garten für die ganze Familie. Sechs Ludwigshafener in sechs verschiedenen Stadtteilen haben ihre Türen für uns geöffnet. Geschichten von verzweifelter Wohnungssuche, von einem Neuanfang und vom großen Glück auf kleinem Raum.

Gartenstadt: Erstbezug in der Mietwohnung

Das Abendessen köchelt auf dem Herd in der neuen Küche. Zum 1. März ist Nadine Riemann-Saeed mit Mann und fünfjährigem Sohn in die neue Wohnung gezogen. 40 Wohnungen hat die Wohnungsbaugesellschaft GAG hier in der Gartenstadt errichtet. Familie Saeed ist Erstbezug. So wie alle anderen im Haus. International, viele Familien mit Kindern, was Nadine Riemann-Saeed richtig gut gefällt. Es sei eine tolle Hausgemeinschaft. „Hier hilft jeder jedem.“ Da klingelt auch mal jemand mit Kuchen an der Tür.

Vorher lebte die dreiköpfige Familie in einer Wohnung in der Stadtmitte. Die Zwei-Zimmer-Bleibe sei ihnen zu klein geworden. Auch aus der Innenstadt wollten sie weg. „Wir waren lange auf der Suche. Ausreichend Wohnraum ist sehr teuer“, berichtet die 31-jährige gelernte Altenpflegerin, die eine Umschulung zur Finanzbuchhalterin macht. „Wenn beide Partner arbeiten, geht einer nur für die Wohnung arbeiten.“ Zudem hätten Vermieter oft sehr hohe Ansprüche. Und noch eine Erfahrung musste Riemann-Saeed leider machen. Den Satz: „Wir wollen keine Ausländer.“ Das habe sie erschreckt. Ihr Mann Bahzad ist Iraker, lebt aber seit 16 Jahren in Deutschland.

Eine Freundin entdeckte die GAG-Anzeige im Internet. Auch sie wohnt nun mit im Haus. Drei Zimmer, Küche, Bad und ein kleiner Raum als Abstellkammer, knapp 80 Quadratmeter. Ist Nadine Riemann-Saeed Mieterin aus Überzeugung? „Eigentum verpflichtet sehr und ist mit viel Arbeit und vielen Kosten verbunden“, sagt sie. Auch das Geld für den Kauf müsse man erst mal haben. „Und hier muss ich nicht abends im Bett überlegen, wo ich als Nächstes viel Geld investieren muss“, nennt sie die Vorzüge als Mieterin. Sie hätten alternativ über Mietkauf nachgedacht. Ein Modell, bei dem man zunächst als Mieter einzieht, den Wohnraum aber innerhalb einer bestimmten Frist kaufen kann. Doch nun ist sie hier glücklich.

Mitte: 20 Quadratmeter im Studentenwohnheim

Die Wohnwelt von Natalie Stuka ist rund 20 Quadratmeter groß. Seit zweieinhalb Jahren lebt die 20-Jährige im Studentenwohnheim in der Heinigstraße. Die Autos rauschen an ihrem Fenster vorbei, die Hochstraße Süd ist in Sichtweite. Mehr Stadtzentrum geht nicht. Für Stuka ist ihr Einzelapartment „praktisch gelegen“: zum Ostasieninstitut (OAI) am Rhein, an dem sie mit Schwerpunkt Japan studiert.

174 Studenten leben in dem Wohnheim. Manche auch in Doppel- oder Dreierapartments. Neben der zentralen Lage nennt Natalie Stuka einen weiteren unschlagbaren Vorteil: Nur 270 Euro warm zahlt sie für die Miete des möblierten Zimmers mit Pantryküche und Bad. Die junge Frau kommt aus Ludwigshafens Partnerstadt Dessau in Sachsen-Anhalt. Gerade wenn man eine Stadt vorher gar nicht kenne, sei ein Wohnheim sehr praktisch. „Man hat andere Studierende um sich herum, die man um Hilfe bitten kann.“

Für ein Einzelzimmer hat sie sich bewusst entschieden: „Man hat ein bisschen mehr Ruhe und Privatsphäre.“ Dass es mit der Ruhe, direkt an der Heinigstraße gelegen und mit der einen oder anderen partyfreudigen WG im Flur, nicht immer hinkommt, hat die Studentin aber auch schon erfahren. Hin und wieder habe sie sich nach etwas anderem umgesehen. Ist aber geblieben. Vor allem wegen der praktischen Aspekte und der Menschen. „Der Hausmeister ist immer da, wenn man etwas braucht“, lobt sie. Erst kürzlich hat sie eine neue Küche bekommen. Und ihr Apartment hat sie sich persönlich eingerichtet: das eine oder andere Plüschtier, der pinkfarbene Flamingo-Lampion, Notenständer, Noten und Geige. Ist ein Zimmer im Wohnheim eher zweckmäßig, oder ein wirkliches Zuhause? Stuka überlegt. „Ein bisschen von beidem. Das Wohnheim selbst ist zweckmäßig, mit dem Drumherum kann man sich wohlfühlen.“

Maudach: Das erste Eigenheim

Es hat gedauert, aber jetzt haben sie es gefunden. „Unser Traumhaus“, wie Daniela Scheuenstuhl-Nwankwo sagt. Im Dezember 2020 sind sie in das große Eigenheim mit Garten in Maudach eingezogen. Im Stadtteil leben sie bereits seit ein paar Jahren, vorher allerdings zur Miete. „Wir wollten etwas Eigenes. Den Kindern eine feste Heimat geben“, sagt die 38-jährige Lehrerin und schaut auf die beiden Töchter und den Sohn: sechs, vier und ein Jahr alt.

Fünf Jahre lang haben sie nach etwas Eigenem gesucht. Stellenweise sei es eine quälende Suche gewesen, wie sie berichtet. Wie viele Häuser sie sich angeschaut haben? „15, 20, mehr?“, sagt sie und blickt fragend zu ihrem Mann. In fünf Objekten der engeren Wahl seien sie gemeinsam mit einem Gutachter gewesen. „Und es war gut, dass wir ihn mit dazu geholt haben“, erzählt sie und berichtet von hohen Folgekosten, die bei einem Kauf wohl auf sie zugekommen wären. In einem anderen Objekt habe es noch Mieter gegeben, „die wir hätten rausschmeißen sollen“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Auch den Gedanken, selbst zu bauen, hatten die beiden. „Aber finden Sie mal was in der Nähe, wo man nicht allein für das Grundstück so viel zahlt, dass fürs Haus kein Geld mehr da ist“, sagt Scheuenstuhl-Nwankwo. Die Suche sei ernüchternd gewesen. Doch vor allem ihr Mann habe nicht aufgeben wollen.

Beide sind keine Ur-Ludwigshafener: Daniela Scheuenstuhl-Nwankwo kommt aus Nürnberg, ihr Mann aus Nigeria. Auch wenn sie die Situation des Wohnungsmarktes in der Stadt als „schlecht“ bezeichnet, sagt Scheuenstuhl-Nwankwo, dass sie „trotz allem immer wieder Glück“ gehabt hätten, etwa mit freundlichen Vermietern. Ihr neues Zuhause haben sie über Freunde gefunden. Eine große Überwindung sei der Schritt zum Eigenheim da nicht mehr gewesen. Schließlich haben sie sich fünf Jahre lang darauf vorbereitet.

Die Nwankwos sind überglücklich: „Wir haben hier Platz, jeder hat seinen Platz. Es ist unseres. Unsere Heimat. Wir sind angekommen“, sagen sie über ihr Traumhaus.

Pfingstweide: Viele Generationen gemeinsam

Weil ihre Tochter sie näher bei sich haben wollte, ist die 84-jährige Lieselotte Scheller im November in die Pfingstweide gezogen: von ihrer Eigentumswohnung in Oggersheim ins Haus Noah. „Hier war gerade etwas frei“, nennt sie auch den Zufall als einen Grund, warum sie nun hier wohnt. „Allen gerechtes Wohnen“ ist das Motto des Haus Noah der BASF Wohnen und Bauen – ein Mehrgenerationen-Ansatz. Im Haus gibt es Eigentum, Miete, kleinere Wohnungen für Einzelpersonen und größere für Familien.

Sich an eine neue Wohnung zu gewöhnen, sei ihr anfangs schwer gefallen. „Doch jetzt bin ich froh, dass ich es gemacht habe. Alle sind sehr nett und freundlich“, berichtet sie sowohl von der Concierge, die im Eingangsbereich des Hauses ihren Arbeitsplatz hat, wie auch von den Bewohnern in ihrer Etage – allesamt Senioren. Dass sie von den weiteren Menschen im Haus noch niemanden kennengelernt hat, ist Corona geschuldet. Denn eigentlich gehören regelmäßige Aktivitäten und die Möglichkeit, sich in Gemeinschaftsräumen zu treffen, zum Konzept. Organisiert vom Verein „Pfingstweide Miteinander“ werden dabei auch die Bewohner des Stadtteils eingebunden.

Dabei, schnell im neuen Zuhause anzukommen, half Hund Roxy. Lieselotte Scheller berichtet, wie alle gleich begeistert von dem aufgeweckten Vierbeiner waren. „Durch den Hund kommt man ins Gespräch.“ Auch ihr Balkon, den sie eifrig bepflanzt, macht der Seniorin Freude. Rund 30 Quadratmeter, zwei Zimmer, Küche und Bad bewohnt sie. „Sauber und schön und groß genug“, beschreibt sie ihre Wohnung sachlich. Es gibt auch einen ins Zimmer integrierten Hausnotruf.

Lieselotte Scheller ist ein Ludwigshafener Original, in einer Betriebswohnung in der Walzmühle zur Welt gekommen. Die aktive Frau, die immer noch nach Oggersheim auf den Markt fährt, freut sich auf die Zeit nach Corona. Wenn sie ihre Freunde zu einer Geburtstagsfeier in einen der Gemeinschaftsräume einladen kann und wieder mehr Leben ins Haus Noah kommt.

Hemshof: Wohngemeinschaft aus Überzeugung

Gemütlich ist es bei Gisela Witt in der Wohnung – und beim Gespräch in der Küche kommen der Reporterin Erinnerungen an die eigene Studentenzeit, an die Zeit der Wohngemeinschaften (WGs). Doch es gibt auch Berufstätige, die diese Wohnform gegen keine andere tauschen möchten. „Ich lebe schon fast immer in Wohngemeinschaften“, berichtet die 62-jährige Kunst- und Medienpädagogin, die in Ludwigshafen vor allem durch ihre politische Arbeit bei den Grünen bekannt ist. Die Vier-Zimmer-Wohnung im Hemshof, 100 Quadratmeter, teilt sie sich mit ihrem 55-jährigen Mitbewohner, der allerdings nur montags bis donnerstags dort wohnt, wenn er in Ludwigshafen arbeitet. Alleine wäre ihr die Wohnung, in der sie nun seit mittlerweile 17 Jahren lebt, zu teuer, berichtet Witt. Was aber nicht der Hauptgrund für die Wahl einer WG ist. Ein, zwei Jahre habe sie mal alleine gelebt. Ihr Fazit: „Das ist nichts für mich.“

Und was ist mit den typischen WG-Streitthemen? „Die meisten Putzarbeiten mache ich. Er hat die Aufgabe, die oberen Fenster zu putzen“, sagt Witt und lacht. An die komme ihr Mitbewohner schlichtweg besser dran.

Ihr Umfeld reagiere oft erstaunt. „Du wohnst in einer WG? Mit einem Mann?“, heißt es dann. Viele sagen auch, dass sie sich so etwas fürs Alter nicht vorstellen können. Doch Gisela Witt möchte am liebsten nie wieder etwas anderes. „Wenn du alleine bist, fährst du Einbahnstraße in deinen Gewohnheiten. So musst du sie immer mal in Frage stellen. Eine WG erhält die Flexibilität.“

Während ihr Mitbewohner im IT-Bereich regelmäßige Arbeitszeiten hat, habe sie als Selbstständige „ein ganz unregelmäßiges Leben“. Doch die Unterschiede seien kein Problem. Sie versteht sich gut mit ihrem Mitbewohner, man unternehme auch mal etwas gemeinsam. In einer WG sei es wichtig, miteinander zu reden, die Privatsphäre und die Grenzen des anderen zu achten. Sie könne WGs jedem empfehlen, der Menschen mag, gerne in Gemeinschaft ist und auch mit Kompromissen leben kann. „Es ist ein gutes Training, um Rücksicht zu nehmen“, sagt sie.

Mundenheim: Selbstständig im Betreuten Wohnen

Hannelore Stein und ihr Mann hatten ein Haus in der Gartenstadt, selbst gebaut, jahrzehntelang belebt. Dann wurde ihr Mann krank. Die beiden entschieden sich für einen Umzug und schauten sich eine Seniorenresidenz an. Doch das war nichts für sie. „Da sind Sie gebunden und müssen zu bestimmten Zeiten zum Mittagessen erscheinen“, sagt Stein. Sie wählten Betreutes Wohnen in Mundenheim. Ihr Mann ist inzwischen verstorben. Doch für Hannelore Stein kam es nicht in Frage, wieder auszuziehen. „Ich fühle mich hier unglaublich wohl“, sagt sie. Anderthalb Jahre hätten ihr Mann und sie damals gewartet. Für sie war klar: „Wenn, dann nur diese Wohnung.“ Drei Zimmer, Küche, Bad, ein herrlich großer Balkon.

Viele hätten ein falsches Bild von Betreutem Wohnen, sagt Stein, und zu hohe Erwartungen an das, was an Betreuung automatisch mit dazu gehöre. „Ich bin ein normaler Mieter in einer behindertengerechten Wohnung“, klärt sie auf und zeigt auf die breiten Türrahmen und das behindertengerechte Bad. Ein bisschen mehr ist es natürlich schon. Es gibt Ansprechpartner im Haus und einen Notruf im Zimmer, dreimal die Woche werde ein Mittagessen im Speisesaal angeboten. Einmal im Monat gibt es ein Frühstück, dazu Angebote wie Vorträge und Sport. Wer ergänzende Hilfe oder Pflege braucht, kann dies dazu buchen. Die Wohnform passt zu Hannelore Stein, einer 85-Jährigen, die sehr selbstständig ist, Auto fährt, Dinge unternimmt.

Ist es für ältere Menschen schwierig, Wohnraum zu finden? „Eigentlich nicht“, sagt Stein. „Aber man muss sich eben auch darum kümmern.“ Sie schätzt das Zusammenleben mit Gleichaltrigen. „Weil wir alle das gleiche hinter uns haben. Die meisten von uns haben ihren Partner verloren und viel aufgegeben“, sagt sie und denkt dabei an ihr früheres Haus. Auch unterstütze man sich gegenseitig. „Man braucht sich nicht zu erklären. Das tut gut.“

Von Rebekka Sambale

Zum Weiterlesen

  • Teil 1 des Reports („Wenn Wohnraum zur Ware wird“) lesen Sie hier.
  • Teil 2 des Reports (Interview: „Der Markt ist nicht überhitzt“) lesen Sie hier.

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