Ludwigshafen Wie von Asteroiden bombardiert
Die Festspiele Ludwigshafen stellen zeitgenössischen Tanz aus Australien mit zehn höchst unterschiedlichen Produktionen erstmals in umfassender Breite in Europa vor. Die einzigartige Verschmelzung von Tanz, Ton und Projektion in „Multiverse“ vom Australian Dance Theatre hat jedenfalls einen überwältigenden Eindruck hinterlassen: eine große Produktion im kleinen Format auf der Hinterbühne.
Das vor gut 50 Jahren gegründete Australian Dance Theatre in Adelaide ist die älteste zeitgenössische Kompanie Australiens. Es gastierte schon einmal vor vielen Jahren im Theater im Pfalzbau. Garry Stewart, seit 1999 künstlerischer Leiter, wird zur choreographischen Weltspitze gezählt. Überschneidungen verschiedener Künste ziehen ihn in besonderem Maße an. So brachte ihn ein Aufenthalt als „Thinker-in-Residence“ an der Deakin University in Melbourne auf die Idee zu „Multiverse“. Die treibende Kraft des Tanzstücks sind Video-Projektionen, die den Zuschauer geradezu anspringen. Sie sind computergeneriert von einer vielköpfigen Crew der Deakin Universität, vereinfacht gesagt: eine hochästhetische Visualisierung von Mathematik. Getragen von einem physisch erregenden elektronischen Sound, entfalten sie eine emotionale, astrale, transzendente Anmutung. Durch 3D-Brillen betrachtet, die an die Besucher ausgegeben werden, verstärkt sich diese ins Monumentale. Zu sehen sind einschießende Röhren und Linien. Sie drehen sich in Endlosspiralen oder verdichten sich zu Volumina, die wie sich ständig umformende Kronen, Blüten, skulpturale Objekte über der Szene zu schweben scheinen. Wir sehen ein feuerrotes Feld aus tektonischen Platten. Einmal schiebt es sich bis zu einem tiefen Horizont, ein andermal liegt es wie der Horizont über einer schwarzen Leere. Einzelne Blöcke lösen sich und schießen auf das Publikum zu. Es werden immer mehr; man fühlt sich wie von Asteroiden bombardiert. Andere Bildsequenzen eröffnen abgründige Tiefen, die wie Höhlen aus technoiden Gestängen, felsartigen Partikeln oder architekturalen Quadern gebaut sind. Rote Funken schießen auf, verfestigen sich zu Ornamenten und stieben wieder auseinander. Ein blauer Raum weitet sich, in dem felsartige Gebilde aufragen wie Inseln in einem Urmeer. Durch einen leeren Raum hoppsen riesige bunte Bälle. Der Drive der Bildsequenzen folgt punktgenau einem irritierend aufregenden Soundtrack. Die Größe und Wucht der virtuellen abstrakten Gebilde wirkt wie der gewaltige Atem eines menschliche Dimensionen sprengenden Universums. Was aber ist und tut darin der Mensch? Tanztechnisch stellt sich Garry Stewart ein Problem, das seit Jahren viele Choreographen fasziniert: Tänzer und Projektion so miteinander zu verbinden, dass sie sich optimal ergänzen; dass die Tänzer nicht in der Projektion untergehen oder die Projektion beiläufig wirkt. Garry Stewart hat dies bravourös gelöst. Seine drei Tänzer (Samantha Hines, Matte Roffe, Kimball Wong) in hellen Kostümen zwischen sportlich und verspielt-futuristisch sind Antreiber und Getriebene des Bildgeschehens. Sie wirken genau so wie sich der kleine Mensch im großen Universum heute sieht: als Macher und als Gemachter. Bewegung, Projektion und Sound sind so unglaublich synchron, dass sie als interaktiv wahrgenommen werden. Die Tänzer ducken und winden sich unter den Volumina virtueller Baldachine. Sie werden in Hohlräumen drehender Spirallinien eingeschnürt. Sie tanzen am Rand von Abgründen. Mit den Händen ziehen sie rote Bänder aus, zwischen ihren sich spreizenden Beinen farbige Linien. Sie werfen Funken in den Himmel und entzünden leuchtende Fackeln. Sie tanzen Menschen im Angesicht höherer Mächte. Ihre Bewegung hat die charakteristische Ambivalenz von anpassender Unterwerfung und neugierigem Aufbegehren. Meist sind sie allein. Im Duo suchen sie Gleichklang oder Ergänzung, im Trio zwischenmenschlichen Halt. Die virtuelle Welt erscheint als fröhlich-wunderbares Feuerwerk oder als existenzielle Bedrohung. Und einmal als Spiegelung: Während sich die realen Körper zu dynamischen Figuren verschlingen, tun das drei bunte virtuelle Bälle auf ihre Weise ebenso.