Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Texte zu Tönen werden: Kompositionswettbewerb am Nationaltheater

Diana Syrse gehört einem von sechs Teams an, die im Finale eines Kompositionswettbewerbs des Nationaltheaters stehen.
Diana Syrse gehört einem von sechs Teams an, die im Finale eines Kompositionswettbewerbs des Nationaltheaters stehen.

„Ich stelle mir vor, ich bin in einer Gefängniszelle“, sagt die Komponistin Diana Syrse. Sie versucht, Situation und Gefühle nachzufühlen, die Mersault, Protagonist von Albert Camus’ Erzählung „Der Fremde“, erlebt. Syrse komponiert für einen Wettbewerb des Nationaltheaters Mannheim. Die Gewinner können eine Kammeroper schreiben.

„Ich lese den Text laut und versuche dabei, mich in die Situation und die Charaktere einzufühlen“, erklärt die aus Mexiko-Stadt stammende Künstlerin. Die Szene, die sie für den Wettbewerb vertont, hat aber nicht Camus geschrieben, sondern Martin Mutschler, Librettist am Nationaltheater (NTM). Er habe die im Roman nur angedeutete Interaktion zwischen dem Protagonisten und dessen Mutter explizit gemacht. Als die Romanhandlung einsetzt, ist die Mutter kurz zuvor gestorben. Das NTM hat einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Camus’ Erzählung in Musiktheater umgesetzt werden soll.

Meditation auf dem Sofa

„Wenn ich den Text mehrmals gelesen habe, meditiere ich darüber auf meinem Sofa“, erklärt die Komponistin. In diesem Fall versetzt sie sich in die Gefängniszelle, in welcher der Protagonist sitzt, weil er anscheinend ohne Grund einen Menschen ermordet hat. Der Komponistin entstehen Bilder im Kopf, die visuell, aber auch Klangmalereien sein können. Notizen macht sie sich dann auf einem leeren Blatt – ohne Notenlinien. Im Video-Gespräch zeigt sie eine Seite, die auf den ersten Blick nach wirrem Gekritzel aussieht. „Meine ,dadaistische’ Partitur“, sagt sie und lacht.

Aber die Kritzeleien sind grafische Anhaltspunkte, die sie im nächsten Schritt in Noten und Klänge umsetzt. Nicht immer entstehe eine fertige Melodie, die sie direkt aufschreibe. Ihre Ausbildung als Sängerin helfe ihr, Parts selbst zu singen. Solche Ideen nehme sie manchmal mit dem Handy auf, um sie später auszuarbeiten. Bei der Konkretisierung der Musik könne es Rhythmus und Klang des Textes sein, den sie in Musik überträgt, aber auch bestimmte dramaturgische Momente. Generell sei eine gute Ausbildung hilfreich, denn dabei lerne man die verschiedenen Instrumente und ihre Möglichkeiten kennen. Im Mannheimer Wettbewerb sei aber die Instrumentierung schon vorgegeben: Drei Gesangsstimmen, Geige und Klavier sei die Besetzung.

Arbeit im Team

Schon vorab hat Syrse mit ihrem Team bestehend aus Librettist Mutschler und Thilo Ulrich (künstlerische Beratung) festgelegt, in der Komposition zwei Ebenen abzubilden: die Handlung einerseits, andererseits eine Meta-Ebene aus Gedanken, Gefühlen und Atmosphäre. Nach dem ersten Entwurf habe sie mit dem Team diskutiert. Im Ergebnis hat die Komponistin an einer Schlüsselstelle des Textes nachgearbeitet, um die Intention des Librettisten stärker zu verdeutlichen. Dabei bleibe ihr kompositorisch die nötige Freiheit. „Es gibt manchmal Regisseure, die ganz konkrete Vorstellungen haben, die ich umsetzen soll“, berichtet Syrse. Das mache ihr weniger Spaß, weil das den Kompositionsprozess sehr eingrenze. Für den Wettbewerbsbeitrag habe sie schon mehrere Fassungen erarbeitet.

Mit Musiktheater hat die 36-jährige Künstlerin schon viel Erfahrung. Syrse war als „composer in residence“ an den Kammerspielen München, dem Schauspiel Frankfurt, dem Berliner Ensemble, der Deutschen Oper am Rhein und der Staatsoper Hamburg tätig. Sie hat Komposition in Mexiko-Stadt und München studiert. Derzeit arbeitet sie an einer Dissertation über Methoden der Komposition für Musiktheater.

Opernauftrag für Gewinner

An Wettbewerben nehme sie eigentlich nicht teil. Aber nachdem sie die beiden Künstler des NTM angesprochen haben, habe sie sich darauf eingelassen, und jetzt mache es ihr sogar Spaß. Doch sie bleibt auch entspannt: „Ich glaube, eine Jury hat bestimmte Vorstellungen und einen bestimmten Geschmack. Gewinner wird, wer dazu am besten passt“, meint sie. Aber alle Teilnehmer der Finalrunde seien Profis und gleich gut in ihrer Arbeit. Spannend sei der Wettbewerb, weil alle Teams aus unterschiedlichen Orten und Hintergründen kommen und sehr unterschiedliche Beiträge zu erwarten seien. Die kennenzulernen, darauf freue sie sich.

Das Gewinner-Team bekommt den Auftrag, aus Camus’ Erzählung eine abendfüllende Kammeroper zu machen. Musiker sind Mitglieder des NTM-Ensembles, die Bewertung nimmt eine Jury von sechs Fachleuten vor, auch das Publikum wird eine Stimme abgeben können. Der erste Preis ist mit 20.000 Euro dotiert, der zweite Platz als Kammermusikpreis mit 5000 Euro. Das Finale findet als Zoom-Meeting statt am Donnerstag, 22. Juli, 19 Uhr. Für das Publikum ist die Anmeldung über die Webseite des Theaters kostenfrei möglich.

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