Vorderpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Wie politisch darf die Fasnacht sein?

Kann man den Ukraine-Krieg in der Bütt thematisieren? Darüber gehen die Meinungen der Fasnachter auseinander. Hier ein Motivwage
Kann man den Ukraine-Krieg in der Bütt thematisieren? Darüber gehen die Meinungen der Fasnachter auseinander. Hier ein Motivwagen, der 2022 für den Karnevalsumzug in Düsseldorf gebaut worden war und dann bei einer Demonstration in Berlin genutzt wurde.

Ukraine-Krieg, Corona und hohe Inflation: Die Weltpolitik ist seit Monaten im Krisenmodus. Eignen sich diese Themen für die Bütt? Oder soll die Fasnacht vielmehr für Ablenkung und etwas Aufmunterung sorgen? Das sehen Redner aus der Region unterschiedlich.

Wenn Thomas Kehl bei den Prunksitzungen des Carnevalvereins Chorania Frankenthal am 27. und 29. Januar als wortgewaltiger Chef des Protokolls in die Bütt steigt, wird er in wohlgesetzten Reimen vom Leder ziehen und so manches heiße Eisen anpacken. Kehl ist dafür bekannt, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und Missstände beim Namen nennt. Dabei thematisiert der Frankenthaler auch die gegenwärtig bedrückende politische Großwetterlage. „Selbst wenn die Zeiten nicht lustig sind, kann ich das, was in der Welt geschieht, nicht einfach ausklammern“, sagt der Vollblutfasnachter, seit 18 Jahren Sitzungspräsident der Chorania.

 Thomas Kehl
Thomas Kehl

Ärger über Aus für Umzug

Thomas Kehl wird Putins Angriffskrieg in der Ukraine ebenso verarbeiten wie die Auswirkungen der Energiekrise. Auch auf den blamablen Auftritt der DFB-Elf bei der Weltmeisterschaft in Katar macht er sich seinen Reim. Harsche Kritik will er am Polizei- und Ordnungsbehördengesetz üben, das in Frankenthal und andernorts zur einer Absage des Fasnachtsumzugs führte. Kehl befürchtet, dass die verschärften Sicherheitsvorschriften der Straßenfasnacht den Todesstoß versetzen könnten. Ausklammern wird der Protokoller hingegen die Begleitumstände des Rückzugs des Frankenthalers Christian Baldauf vom Fraktionsvorsitz der Landes-CDU. Stattdessen sollten andere lokale Themen nicht zu kurz kommen. Um auf aktuelle Ereignisse reagieren zu können, schreibt er seinen Vortrag erst kurz vor dem Auftritt. Dabei greift der Sitzungspräsident der Chorania vorzugsweise auf sein privates Archiv mit RHEINPFALZ-Artikeln zurück.

„Krieg nichts für Fasnacht“

Ganz anders sieht Andreas Scherer, Böhler Urgestein unter den pfälzischen Büttenrednern, das Thema Ukraine-Krieg. „Dazu fällt mir wirklich nichts mehr ein. Wie will man bei solch einem traurigen Thema, Humor verbreiten und die Leute zum Lachen bringen?“, sagt der 50-Jährige aus Böhl-Iggelheim, der seit 1988 auf der Bühne steht und in Workshops und Seminaren bei der Vereinigung Badisch-Pfälzischer Karnevalvereine seine Erfahrungen weitergibt. Er halte die großen Themen der Politik ohnehin für äußerst schwierig. „Wenn, dann muss es stimmig sein, und man sollte auch die Persönlichkeit dazu sein, sonst macht solch ein Auftritt keinen Sinn“, so Scherer.

Andreas Scherer
Andreas Scherer

Elf Jahre lang hat er den „Pfälzer Winzer“ verkörpert, diesmal wird Scherer als „Hilfssheriff vom Ordnungsamt“ auftreten. Der studierte Pädagoge nimmt in dieser Rolle die Gendersprache aufs Korn. „Das Ordnungsamt als Behörde für die ordnungsgemäße Durchführung der Fasnacht hat auch darauf zu achten“, meint er augenzwinkernd. Das tut er in dieser Kampagne ganz ohne Gage. Dafür bittet der 50-Jährige um Spenden für Menschen im Ahrtal.

Große Politik und Lokales

Aus Erfahrung weiß Horst Kapp, seit 1999 der „Till“ in der Speyerer Fasnacht der Karnevalsgesellschaft SKG: Mit Krisen muss man in der Bütt unterschiedlich umgehen. Für seinen 15- bis 20-minütigen Vortrag in diesem Jahr sei schon klar, dass das Ahr-Hochwasser von 2021 und der Umgang der politisch Verantwortlichen damit eine Rolle spielen werden. „Wenn mir zu einem wichtigen Thema etwas Lustiges einfällt, kommt es in den Vortrag. Man kann die Krisen aber auch ernsthaft angehen und Schlüsse daraus ziehen“, erklärt der pensionierte Polizist sein Verständnis der Rolle des Till. In der Speyerer Fasnacht greift diese Figur die „große“ Politik auf und der Leierkastenmann – dargestellt von Aaron Bettag – das Kommunale. Auch hier kommen die Texte aus Kapps Feder.

 Hosrt Kapp
Hosrt Kapp

Vieles wird der 65-Jährige erst in den Wochen vor der Sitzung am 10. Februar schreiben. Das betreffe etwa den Krieg in der Ukraine, den er in ernsthafter Weise behandeln will. Bei der Inflation, die viele Leute beschäftigt, ist er sich noch unschlüssig, ob er sie aufnimmt: „Wenn, dann eher kurz und einordnend: Meine Meinung ist, dass der Staat die Bürger schon bestmöglich unterstützt.“

Nächtliches Redenschreiben

Seit mehr als 55 Jahren schreibt Erich Miller Büttenreden, seit Jahrzehnten steht der 66-Jährige aus der Fasnachtshochburg Mechtersheim, ganz im Süden des Rhein-Pfalz-Kreises, als Protokoller in der Bütt. Die Themen für seine Reden und Lieder sammelt er über das ganze Jahr. Ideen liefern ihm die RHEINPFALZ, Amtsblätter und Dorfgespräche. „Ich höre mich auch in Kneipen um“, sagt Miller und lacht. Trotzdem müsse er sich vieles aus den Fingern saugen, die Themenfindung sei manchmal schwierig. Er wolle die Zuhörer zum Lachen bringen. Corona, Krieg und Inflation drücken dagegen nach seiner Meinung auf die Stimmung und dienen nicht zum Fröhlichsein und Schunkeln.

 Erich Miller
Erich Miller

„Als Protokoller ist es im Moment schwierig. Ich kann nicht bloß die große Weltpolitik thematisieren. Die Menschen wollen nicht immer nur negative Nachrichten“, sagt der Mechtersheimer. Er probiert in der aktuellen Lage dennoch, etwas zum Lachen zu finden, und nennt als Beispiel die Panzerlieferungen an die Ukraine. „Wir wollen alle keinen Krieg, liefern dann aber Panzer, vielleicht kann ich es so auf den Punkt bringen.“ Seine Büttenreden entstehen oft mitten in der Nacht. „Da ich ab 3 Uhr nicht mehr schlafen kann, stehe ich auf, setze mich hin und schreibe bis 7 Uhr“, erzählt Miller. Und das drei- bis viermal die Woche, in schätzungsweise zehn Wochen vor der Kampagne. Das Corona-Jahr 2021, in dem keine Karnevalveranstaltungen möglich waren, empfand Miller daher als erholsam, wie er zugibt.

„Mit Fingerspitzengefühl“

Ein Vollblutnarr – erst im badischen Reilingen, dann in Oggersheim – ist auch Karlheinz Elsenbast. In erster Linie stand er als Sänger auf der Bühne, hat aber auch ein Herz für die Bütt, ohne sie selbst zu besteigen. „Man kann nicht alles machen, da gibt es andere, die machen das besser als ich“, sagt das „Karlsche“ mit dem losen Mundwerk und einer klaren Meinung. „Wir brauchen keinen Protokoller oder Till, der das lokale Geschehen auf den Korn nimmt. Das verstehen nur diejenigen, die aus der gleichen Stadt oder dem Ort kommen“, sagt der 71-jährige Präsident und Vorsitzende der KV „Hans Warsch“. Der Krieg sei kein närrisches Thema. „Das ist ein Verbrechen, wie soll da Stimmung entstehen?“, sagt Elsenbast. Es gebe genug Themen, bei denen der Humor im Vordergrund stehe. „Etwa aus der großen Politik, aber sie müssen stimmig sein und die Menschen zum Lachen bringen.“ Wie die mehr als peinlichen Auftritte der Ex-Bundesverteidigungsministerin oder der Auftritt der deutschen Fußballer in Katar.

Karlheinz Elsenbast (links) bei der der Baruerreierstürmung in Oggersheim.
Karlheinz Elsenbast (links) bei der der Baruerreierstürmung in Oggersheim.

Die Krawalle an Silvester in Berlin oder Hamburg, als Einsatzkräfte angegriffen wurden, gehören für ihn auch nicht in die Bütt. „Man braucht schon etwas Fingerspitzengefühl bei dem, was man in der heutigen Zeit vorträgt“, sagt Elsenbast, der aus gesundheitlichen Gründen in der laufenden Kampagne nicht mehr als Stimmungskanone auf die Bühne steigen wird. Kein gutes Gefühl hat er mit Blick auf die Zukunft der Fasnachtskultur. „Die Umzüge werden in vielen Orten abgesagt, aber auch Prunksitzungen, das macht mir sehr große Sorgen“, meint Elsenbast. Dieses Brauchtum dürfe nicht verschwinden.

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