Mannheim
Wie nah Horror und Humor zusammenliegen, beweist Kabarettist Reiner Kröhnert
„ER – Jetzt wird’s merzwürdig!“ nennt sich Kröhnerts aktuelles Programm. Ein erklärungsbedürftiger, nicht eben leicht verständlicher Titel, der sich auf Stephen Kings Horrorklassiker „Es“ und Bundeskanzler Friedrich Merz bezieht, der dem Kabarettisten als das wahre „Gruselwesen“ unserer Zeit erscheint. Auf der Bühne spielt Stephen King weiter keine Rolle, dafür Bundeskanzler Friedrich Merz umso mehr.
Reiner Kröhnert dürfte der beste, will heißen: treffendste Merz-Imitator sein, den wir haben. Der 1,98 Meter große Kleinkünstler gleicht dem Regierungschef schon von Statur und klebt sich nur so etwas wie einen Teppichrest als Haarbüschel auf die hohe Stirn, um sich mit einem charakteristischen Zucken in den Augen in den 70-Jährigen zu verwandeln.
„Mehr Krieg wagen“, möchte er als solcher und sieht in der Bundeswehr die „potenziell stärkste Armee Europas“ nur als „brachliegendes Humankapital“, solange keiner stattfindet. „Frieden gibt’s auf jedem Friedhof“, zitiert Kröhnert den Kanzler, der sich hier für „ein bisschen Krieg, ein bisschen Drecksarbeit“, wie er es nennt, ausspricht. Beistand, jetzt verschwindet der Teppichrest von der Glatze, erhält Merz von Verteidigungsminister Boris Pistorius, der als Bestreben ausgibt: „Erst, wenn sich wieder die Angst des Feindes in der eigenen Pupille spiegelt, wissen wir, was es bedeutet, ein kriegstüchtiges Volk zu sein!“
Mühelose Verwandlung
Der so überzeugende Parodist benötigt kaum Kostüme und Requisiten, lediglich einen Sessel, im Zentrum der Bühne platziert, der es ihm gestattet, die unterschiedlichen Haltungen einzunehmen, um seine Figuren oder die Situationen, in denen sie sich befinden, zu charakterisieren. Dabei sind Kröhnerts Porträts erfreulich weit entfernt von anderen, oberflächlicheren Parodien, die wie Karikaturen nur einzelne Charakteristika aufgreifen und herausstellen. Gerade an den zurückliegenden Fasnachtstagen waren solche wieder vielfach zu erleben. Kröhnert vermag das Wesen der Figuren, die er verkörpert, vollständiger, gleichsam rundum zu erfassen. Immer wieder neu, wie in all seinen Programmen, verwandelt sich der 68-Jährige scheinbar mühelos in die verschiedensten Gestalten, denen er dann nicht nur in Stimme und Ausdruck, sondern ebenso sehr in Haltung, Gestik und Mimik erlebenswert nahekommt. Geboren in Schriesheim an der Bergstraße, kurzzeitig beim Mannheimer Kabarett Dusche aktiv und heute im Landkreis Kusel zu Hause, schlüpft er nicht zuletzt in die Haut Prominenter aus der Region.
Knacki mit hartem Aufschlag
Der Kurpfälzer Ex-Tennisprofi Boris Becker („der Knacki mit dem härtesten Aufschlag, den wo’s überhaupt gibt“) oder der Ludwigshafener Reality-Star Daniela Katzenberger („mein Opa hat gesagt, Daniela, du bist der Knaller, dich könnt’ man im Krieg glatt als Dum-Dum-Geschoss einsetzen“) finden auf diese Weise den Weg ins Mannheimer Kabarett Klapsmühl’.
Nicht zu vergessen, Donald Trump, der als „Gruselwesen“ Friedrich Merz doch noch weit übertrifft, und just von einem unwillkommenen Besuch in Kallstadt, der pfälzischen Heimat seiner Vorväter, zurückkehrt. Der US-Präsident wettert in Kröhnerts Darstellung gegen „Fake News“ und verbreitet selbst welche, vor allem aber missversteht er, herrlich komisch, die Kraftausdrücke und Schmährufe der Kallstadter Bürger völlig: „behämmerter Sprücheklopper“, „stinkischie Babbelgosch“ oder „dorchgeknalltes Schlappmaul“ gelten ihm als Lob und Beifall, die ihn „stolz und glücklich“ machen.
Die unheilvoll eindrücklichste Rolle
Baden-Württembergs scheidender Ministerpräsident plant die Kulturrevolution im Land und will der geliebten Mao-Bibel den „Kretschmann-Katechismus“ nachfolgen lassen, Joachim Gauck predigt, Robert Habeck windet sich, und Cem Özdemir, der im März zum „Minischterpräsident“ gewählt werden möchte, steht schon „Mistgabel bei Fuß“.
Reiner Kröhnerts unheilvoll eindrücklichste Rolle jedoch, man muss es so ehrlich sagen, bleibt Adolf Hitler, der im grünen Scheinwerferlicht, gespenstisch und giftig zugleich, Merz als seinen Kanzler-Nachfolger nicht gelten lässt und sich selbst als entthronten Löwen wahrnimmt, dem nunmehr ein blinder Grottenolm im Staatsamt nachgerückt sei.