Ludwigshafen Wie macht man eine Revolution?
Schillers „Demetrius“-Fragment wird nur selten aufgeführt. Tobias Rausch liest es als gescheiterte Demokratiebewegung und führt es während der Schillertage mit Laien, Profi-Schauspielern und einer Politikberaterin auf.
„Ein tolles Sujet“, schwärmte Schiller ein Jahr vor seinem Tod am 9. Mai 1805 in einem Brief an den Jugendfreund Wilhelm von Wolzogen. Schließlich blieb sein „Demetrius“-Drama jedoch mit zwei rudimentär ausgeführten Aufzügen und einem Entwurf der weiteren Handlung Fragment. Andere Dramatiker machten sich später an eigene Bearbeitungen, darunter Friedrich Hebbel und in der Gegenwart noch Volker Braun. Aufführungen des „Demetrius“ sind angesichts des fragmentarischen Zustands jedoch eher selten. Der freie Regisseur Tobias Rausch, bekannt für sein Recherchetheater in der Art von Rimini-Protokoll und mit seiner Bürgerbühnen-Inszenierung „High Voltage“ vom Herbst 2015 am Nationaltheater, stellt nun eine eigenwillige Inszenierung des Stoffes mit Laiendarstellern und Schauspielern aus dem Ensemble des Nationaltheaters vor. Dabei könnte die Handlung des Dramenfragments so erscheinen, als wäre sie eigens für die diesjährigen Schillertage mit ihrem Motto „Nach der Freiheit ist vor der Freiheit“ entwickelt worden. Schiller griff aber, wie in anderen Dramen auch, auf ein historisches Ereignis zurück und brachte es als Tragödienstoff auf die Bühne. In Polen erschien tatsächlich zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein gewisser Demetrius und behauptete, der als tot geltende Zarensohn zu sein. Der auf dem Thron sitzende Usurpator Boris Godunow müsse gestürzt, Moskau erobert und Russland mit Krieg überzogen werden, proklamiert er in Schillers Drama. Polen müsse seine freiheitliche Verfassung (einer Adelsrepublik) in das despotisch regierte Nachbarland tragen. „Ich will nicht herrschen über Sklavenseelen“, lässt Schiller seinen Demetrius mit dem für ihn typischen Pathos ausrufen. Als Moskau erobert ist, Boris Godunow sich umgebracht hat, muss der Sieger seinen großen Irrtum einsehen. Die Mutter des ermordeten Zarensohns erkennt ihn nicht, dafür gibt sich ihm dessen gedungener Mörder zu erkennen. Er, der den falschen Demetrius als Kleinkind nach Polen gebracht und als Zarensohn ausgegeben hat, fordert nun den Lohn, den sein Auftraggeber Boris Godunow ihm damals vorenthalten hat. Überdies drängt im eroberten Moskau eine polnische Verschwörergruppe an die Macht. Demetrius erkennt, dass er nur als Werkzeug gedient hat. Am Ende kommt der zum brutalen Gewaltherrscher gewandelte Demetrius in einem Volksaufstand ums Leben. „Demetrius“, von Schiller unter dem Eindruck der napoleonischen Eroberungsfeldzüge entworfen, ist nicht nur sein düsterstes Stück. Mit ihm verlegt der Dramatiker außerdem den Schauplatz erstmals nach Osteuropa. Tobias Rausch hat Schillers gesamteuropäische Perspektive noch erweitert. In einer Art Vorspann lässt er im Keller des Werkhauses sechs Mannheimer Bürger, die aus Ägypten, Syrien, der Türkei und der Ukraine stammen, von ihren Erfahrungen in den Ländern mit mehr oder minder gescheiterten Demokratiebewegungen erzählen. Außerdem ist eine Österreicherin dabei, die Kontakte nach Myanmar unterhält, wo kürzlich eine Militärdiktatur gewaltlos einer demokratischen Regierungsform gewichen ist. Im Studio Werkhaus folgt auf ihre Erzählungen eine Aufführung der ausgeführten zwei Aufzüge des Schillerschen Dramas mit vier Schauspielern, und anschließend tritt überraschend die Politikberaterin Anja Dargatz aus Stuttgart auf und spricht über Demokratieförderung. Nicht alles in seiner Inszenierung des „sehr deprimierenden Dramas“, sagt Regisseur Tobias Rausch, sei hundertprozentig ernst zu nehmen. „Wir spielen mit der fragmentarischen Form“, sagt er. Insbesondere der dritte Akt sei sehr ironisch. Nichtsdestoweniger hat der Regisseur bei der Recherche mit Mitgliedern der einstigen serbischen Widerstandsbewegung Otpor, die früher gegen Miloševic arbeitete und inzwischen unter dem Namen Canvas Aktivisten auf der ganzen Welt in Formen des gewaltlosen Widerstands berät, Kontakt aufgenommen. So völlig aussichts- und hoffnungslos wie Schiller sieht der Regisseur die gegenwärtige Weltlage also offenbar nicht. Termin Uraufführung heute um 20 Uhr im Studio Werkhaus. Weitere Vorstellung 23. Juni.