Mutterstadt / Worms Wie Künstler mit geistigen Handicaps die Welt kommentieren

Frida Kahlo auf einer Bluse interpretiert.
Frida Kahlo auf einer Bluse interpretiert.

Wie Künstlerinnen und Künstler mit geistigen Handicaps verarbeiten, was in der Welt vor sich geht, zeigt eindrücklich die Ausstellung „Kunst von Menschen mit einer anderen Sichtweise“ des Historischen Vereins Mutterstadt. Die Werke des inklusiven, preisgekrönten Atelierblau aus Worms beeindrucken mit tiefgehenden Sichtweisen.

Nur ein paar einfache Striche scheint Künstler Dietmar Grafe gezeichnet zu haben, und man möchte auf den ersten Blick das Bild ob dieser Einfachheit unterschätzen. Schaut man aber genauer hin, dann fällt auf: Das kleine Mädchen auf lilanem Grund ist mit nur einem einzigen Strich gezeichnet worden. Und irgendwie kommt einem das nackte Kind bekannt vor. Schaut man auf das unscheinbare kleine Schild daneben, fällt es wie Schuppen von den Augen – „Das Napalm-Mädchen Kim Phuc“, das Mädchen mit den schweren Verbrennungen, dessen Foto auf traurige Weise durch die Napalm-Angriffe im Vietnamkrieg weltbekannt wurde.

Kritik am Greenwashing

Überhaupt lohnt ein zweiter Blick. Denn die Anordnung alte Kassierkasse und drei Einmachgläser deutet erst einmal nicht auf Umweltsünden hin, wie der Titel „Ablassbriefe der Neuzeit oder Freikauf von Umweltsünden“ verdeutlicht. Dann aber sprudeln die Assoziationen bei der Betrachtung der Wörter „Wasser“, „Natur“ und „Sand“ auf den Einmachgläsern. Bei Wasser sind es mit Plastik und Öl verseuchte Meere. Der Erdboden wird ebenfalls mit Pestiziden und Plastik verunreinigt. Der Planet wird verwüstet, und Greenwashing, der neue Ablasshandel, treibt dies voran.

Wenn Wasser wild sein darf

Dazu passen auch wunderbar die Bilder von Mutter Natur und das von Martin Luther, die in der Nähe ausgestellt sind. Die Botschaft„Wir brauchen Demokratie und soziale Gerechtigkeit, mehr Freiheit, mehr Frieden auf der Erde anstatt Weltkrieg“ steht eingebettet in ein reiches Früchte- und Pflanzenangebot. Auf die Kluft zwischen Arm und Reich weist die Kombination Koffer, Schuhabdruck, silberner Löffel und trauriger Junge hin. Ein anderes Bild zeigt Wasser, wie es ist, wenn es so sein darf, wie es sein soll: wild, ungebändigt, frei von allen Belastungen. Vielleicht schaut Frida Kahlo inmitten der reichhaltigen Natur auf einer Bluse deshalb so böse, weil alles den Bach runtergeht? Und weil das „Schmerzenskind“, eingewickelt in Plastik, auf die Tötung neugeborener Mädchen in manchen Teilen der Erde hinweist?

Lesezeichen

Kunstwerke des Atelierblau bei den Lebenshilfe Werkstätten Worms und die Geschichten dahinter fangen die Fotos von Stefan Ahler ein, die im Kalender 2024/25 veröffentlicht sind– erhältlich im Werkstattladen. Kontakt: atelierblau@lebenshilfe-worms.de.

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