Ludwigshafen
Wie ein Projekt Kindern den Start ins Leben erleichtert
„Ich lese gern“, sagt Betül. Mit ihrer Mentorin Anita Grossmann sitzt die Achtjährige in einem Klassenraum der Goetheschule Nord (Hemshof). Im Duett lesen sie laut aus der Fibel für die dritte Klasse. Sie nehmen teil an „Deine Lernbox“, einem Baustein des Projekts „Deine Lernbox – alles drin für Schülerinnen und Schüler in der Metropolregion Rhein-Neckar“. Weil die Pandemie das Lernen für viele Kinder noch schwerer gemacht hat, stellt Kinderhelden, eine gemeinnützige Gesellschaft, Kindern erwachsene Helfer zur Seite. Sie sollen den Start ins Leben für die Kinder erleichtern.
Seit einem Jahr hat sich der Einsatz der „Helden“ bewährt. Nun sollen weitere 30 Schüler der Goetheschule Nord und der Ruppertschule von dem Projekt profitieren, das die Metropolregion Rhein-Neckar zusammen mit der BASF durchführt. Kinderhelden sucht Menschen, die ehrenamtlich einmal pro Woche für zwei bis drei Stunden mit den Kindern lernen und spielen wollen. „Sei kein Frosch. Werde Held!“ steht auf der leuchtend grünen Karte, mit der die Mentoren neue Freiwillige gewinnen wollen.
Kinder erweitern Horizont
„Sehr cool“, fand Betül das Schlittschuhlaufen. Vor den Ferien stand sie zum ersten Mal auf dem Eis. Anita Grossmann hatte die Idee dazu. Im Ebertpark die Tiere beobachten, die Stadtbücherei besuchen, ins Museum oder einfach mit dem Kind auf dem Schulhof Fußball spielen, wenn sie mit den Hausaufgaben fertig sind. Die Mentoren haben viele Ideen, was sie mit ihren Schützlingen unternehmen können, berichtet Linn Schöllhorn, Geschäftsführerin der Kinderhelden. Die Kinder, aber auch ihre Helfer lernten dabei, den Hemshof und Ludwigshafen mit anderen Augen zu sehen.
Noch nicht sehr lange lebt Betül mit ihrer Familie in Deutschland. Zu Hause wird Türkisch gesprochen. „Meine Mama liest aber gerne Bücher auf Deutsch“, erzählt Betül stolz. Auch die Führerschein-Prüfung hat ihre Mutter bereits bestanden. Betül spricht schon fließend Deutsch. Nur mit „der, die und das“ tut sie sich noch ein bisschen schwer. Mathe, Sachunterricht, Kunst und Sport mag sie in der Schule am liebsten. Das wöchentliche Treffen nutzt Grossmann, damit Betül noch sicherer in der deutschen Sprache werden kann.
Türkische Küche kennengelernt
Doch auch die Mentorin lernt dazu. Über Betüls Lieblingsgericht Joghurtsuppe zum Beispiel. „Ich würde gerne türkisch kochen lernen“, wünscht sich die Controllerin, die bei der BASF arbeitet. Im Moment ist sie im Homeoffice. Die Zeit, die sie mit Betül verbringt, wird sie nacharbeiten. „Chancengleichheit ist enorm wichtig“, findet sie. Sie möchte Aufmerksamkeit, Zeit und Hilfe schenken. „Das macht Spaß, ist gut für das Kind und die Gesellschaft und ist auch für meine Weiterentwicklung und meine Zukunft wichtig“, sagt sie über ihren Einsatz.
„Leider kein Märchen – immer noch bestimmt das Elternhaus die Bildungschancen eines Kindes“, erfährt man auf der Karte der Kinderhelden. Viele der Schüler, die oft mit großen Familien in kleinen Wohnungen leben, genießen die Aufmerksamkeit, die anders als in der Schule oder zu Hause allein ihnen gilt. Die Mentoren sind zwei bis drei Stunden lang nur für ein Kind da. „Die Kinder freuen sich über jede Hand, die man ihnen reicht“, weiß Claudia Neubauer, die Rektorin der Goetheschule Nord. „Die Kinder können mutiger sein, sie trauen sich mehr als in einer Gruppe“, berichtet sie. „Die Eins-zu-Eins-Unterstützung ist wichtig für unsere Kinder“, betont Konrektorin Carmen Kolbe. „Wenn es ihnen seelisch gut geht, sind sie aufnahmefähiger“, ist Neubauers Erfahrung.
Passende Paten
Auch die Lehrer hat die Pandemie in ihrer täglichen Arbeit sehr belastet. Sie wählen aus, welche Kinder das Eins-zu-Eins-Mentoring am besten gebrauchen können. Natürlich müssen auch die Eltern zustimmen. Die Mentoren sucht das Team von Kinderhelden aus. „Wer bringt welche Stärken mit“, erläutert Schöllhorn, wie ihre Organisation die Kinder und ihre Helfer zusammenbringt. Nicht nur in der Metropolregion Rhein-Neckar, sondern auch im Bereich Frankfurt-Rhein-Main, Stuttgart, Hamburg, Hannover und München ist die Organisation Kinderhelden tätig, die sich über Spenden finanziert.
Termin
Am 29. März um 17 Uhr findet die nächste Info-Session online statt. Einladungslink unter mail@kinderhelden.info. Weitere Informationen unter www.kinderhelden.info.