Ludwigshafener Geschichte(n)
Wie ein BASF-Chemiker die Färberei revolutionierte
Viele Hausfrauen erlebten noch vor einem Jahrhundert ihr blaues Wunder, wenn sie am Waschzuber nicht genau aufpassten: Nach dem Waschtag war das Wasser oft blauer als die gereinigten Stoffe – und wer versehentlich Weißwäsche und farbige Wäsche mischte, sorgte gelegentlich für „poppige“ Bettbezüge. Denn erst durch die Erfindung von wasch-, licht- und wetterechten Farbstoffen durch den genialen BASF-Chemiker René Bohn (1862-1922), das Indanthrenblau-RS, wurde die in der Regel ungewollte Mehrfarbigkeit der Wäsche verhindert – auch die beruflichen Wäscherinnen in aller Welt konnten aufatmen.
Die Erfindung von Bohn wurde am 6. Februar 1901 vom Kaiserlichen Patentamt rechtlich geschützt – immerhin war der neu entwickelte Farbstoff weltweit der Grundstein für eine völlig neue Klasse unverwüstlicher optischer Hilfsmittel vor allem für Baumwolle, dann auch für Kunstfasern nicht nur im Haushalt, sondern auch in der ganzen Wirtschaft. Die prosperierende Farbchemie hatte mit dieser bemerkenswerten Entwicklung auf ihrem Gebiet ein neues Zeitalter erreicht. Den jahrzehntelang gängigen Namen „Indanthren“ erhielt der Farbstoff übrigens mit einem Kunstwort – einem Akronym mit Silben aus Indigo und Anthrazen.
Verblüffende Forschungsergebnisse
Der Erfinder René Bohn war zu diesem Zeitpunkt in Fachkreisen längst ein Begriff. Der in Dornach im Südelsass geborene Chemiker, der 1883 in Zürich promoviert hatte und ein Jahr später am 16. April 1884 in die Alizarinabteilung der BASF eintrat, wurde ein Kurpfälzer: Er wohnte in Mannheim, wo er am 6. März 1922, einen Tag vor seinem 60. Geburtstag, starb. Sein Grab befindet sich auf dem Mannheimer Hauptfriedhof und wird von einer einfachen Kalksteinsäule geschmückt. In Ludwigshafen wurde eine Straße nach ihm benannt und die BASF lädt seit 1998 illustre Gäste in ihr renommiertes „Business-Hotel René Bohn“ mit 80 Zimmern und elf Appartements in der Nähe des Feierabendhauses ein.
Mit aufsehenerregenden Forschungsergebnissen in der Farbstoffchemie sorgte Bohn schon ein Jahr nach seinem BASF-Eintritt für Furore. Er entwickelte im Jahresrhythmus Alizarinmarron (1885), Anthrazenblau (1886), Anthrazenschwarz (1887) und im Jahr 1888 mit Carbazolgelb, Alizaringrün und Alizarinblaugrün gleich drei neue Farbstoffe, denen weder Wetter noch Witterung etwas anhaben konnten. Sein Kollege und Freund Paul Julius (1862-1931) beschrieb die Erfindungen von Bohn so: „Stets eigenartig, verblüffend neu und deshalb grundlegend.“
Erstmals farbechte Textilien
Dabei hatte Bohn an seinen eigenen Arbeiten gelegentlich seine Zweifel. So war er sich nicht im Klaren, ob ihm mit Indanthren eine Erfindung gelungen war, die selbst das seit 1897 weltweit erfolgreiche Indigo der BASF in den Schatten stellte. In einem Schreiben an die BASF-Werksleitung vom 17. Januar 1901 liest sich das zum Thema Indanthren so: „Ob dieser neue Farbstoff technische Verwendung finden wird, lässt sich natürlich noch nicht sagen.“ Seine Skepsis schien begründet, denn die professionellen Färber waren wegen der angeblichen komplizierten Verfahrensweise zunächst zurückhaltend und erst nach einem Werbefeldzug nach dem Ersten Weltkrieg, unter anderem mit Modenschauen, gelang der Durchbruch – auch dank der Werbefigur „Indanthrenerl“, die ein farbiges Dirndlkleid trug.
Der Farbstoff Indanthren, der erstmals farbechte Textilien garantierte und damit für eine neue Epoche in der Färberei sorgte, trug seit 1921 ein unverwechselbares Kennzeichen – ein großes „I“. Erst 1974 wurde dieses Markenzeichen („Waschecht, lichtecht, wetterecht“) abgeschafft. Heute ist es nicht mehr notwendig, denn farbechte Textilien sind dank René Bohn seit vielen Jahrzehnten in aller Welt verbreitet. Für Bohn zahlte sich seine Erfindungsgabe und Experimentierkunst bei der BASF aus: 1906 wurde er stellvertretendes Vorstandsmitglied, 1911 Leiter der Alizarinabteilung, 1919 ordentliches Vorstandsmitglied und bereits 1914 wurde er zum Professor ernannt.