Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Jüdische Gemeinde: Angst vor Angriffen, Gottesdienste unter Polizeischutz

Einwohner von Kfar Azza – einem Kibbuz in der Nähe des Gaza-Streifens, wo Terroristen der radikalislamischen Hamas besonders bru
Einwohner von Kfar Azza – einem Kibbuz in der Nähe des Gaza-Streifens, wo Terroristen der radikalislamischen Hamas besonders brutale Gräueltaten begangen haben – halten Plakate von israelischen Geiseln, die sich in den Händen von Hamas-Kämpfern befinden.

Wie erleben Juden hier in Deutschland die Zeit nach dem brutalen Angriff der Hamas auf Israel? Welche Ängste treiben sie um, welche Hoffnung haben sie? Darüber hat Eva Briechle mit Marina Nikiforova, der Geschäftsführerin der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz gesprochen.

Frau Nikiforova, am 7. Oktober hat die radikalislamische Hamas Israel angegriffen, rund 1400 Menschen wurden dabei äußerst brutal getötet. Die israelische Armee hat jetzt ihre Bodeneinsätze ausgeweitet, mit dem Ziel, die Herrschaft der Hamas und ihre militärischen Fähigkeiten zu zerstören. Welche Frage wird Ihnen hier in Deutschland als Geschäftsführerin einer Jüdischen Kultusgemeinde derzeit am häufigsten gestellt?
Die Jüdische Kultusgemeinde hier in der Pfalz ist wie eine große Familie – bei drei Gemeindehäusern in Ludwigshafen, Speyer und Kaiserslautern sowie insgesamt 572 Gemeindemitgliedern in der ganzen Pfalz kennen wir uns alle. Und mit sehr vielen von ihnen habe ich tatsächlich erst kürzlich telefoniert, denn ich hatte Geburtstag. So gut wie immer kam direkt nach den Glückwünschen die Frage, ob ich persönlich und auch die jüdischen Einrichtungen gut beschützt sind.

Sind sie das nach Ihrem Empfinden? Welche Sicherheitsmaßnahmen werden denn aktuell ergriffen?
Unsere Gemeindehäuser stehen aktuell alle unter Polizeischutz. Und zwar bei jeder Maßnahme, die wir dort anbieten. Sei es nun ein Sprachkurs, ein Programmangebot für Senioren oder die Sprechstunde der Sozialarbeiterin.

Ist das eine Reaktion auf den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober oder gab es das vorher auch schon?
Die Gottesdienste, die wir freitags, samstags und an allen Feiertagen feiern, stehen schon recht lange unter Polizeischutz. Ich glaube, seit dem Oktober 2019, als ein Rechtsextremist einen Anschlag auf die Synagoge in Halle verübt hat. Seitdem jetzt aber der Krieg in Israel angefangen hat, finden sämtliche unserer Angebote und Veranstaltungen unter Polizeischutz statt.

Das muss sich furchtbar für Sie anfühlen.
Ja, aber das ist heute hier in Deutschland Realität. Und besser so, als ohne Polizeischutz.

Haben Sie Angst, wenn Sie auf Ihren alltäglichen Wegen hier in der Region unterwegs sind?
Ich persönlich habe keine Angst – noch nicht. Aber natürlich muss man ganz klar sagen, dass zum Beispiel unsere Männer sich in der Öffentlichkeit schon längst nicht mehr mit der Kippa zeigen, also der traditionellen religiösen Kopfbedeckung. Und ich als Frau trage meine Kette mit dem Davidstern nicht mehr.

Sie selbst sind nicht nur Jüdin, sondern stammen auch aus der Ukraine.
Ja, mein Herz ist auf zwei Seiten gebrochen.

Es muss eine enorme Belastung für Sie sein, dass die Heimatländer ihrer Verwandten angegriffen wurden und sich jetzt im Krieg befinden.
Es ist schrecklich, und natürlich kann man die Gedanken daran auch nicht abschalten. Meine Schwiegermutter, die in der Ukraine lebt, habe ich letztens am Telefon gefragt, ob sie schlafen konnte. „Nein, nicht viel“, hat sie geantwortet, „die Sirenen haben die ganze Zeit geheult“.

Und Ihre Verwandten in Israel, was hören Sie von dort?
Nach dem Massaker der Hamas habe ich sie gefragt, ob sie mit ihren Kindern nach Deutschland kommen wollen. Doch sie haben mir darauf geantwortet: „Wir sind Israelis und werden unseren Staat verteidigen.“ Sie sind alle im Wehrdienst. Und diejenigen, die nicht im wehrpflichtigen Alter sind, engagieren sich ehrenamtlich für die Armee oder für Israelis, die aus Sicherheitsgründen jetzt in ihrem eigenen Land umgesiedelt werden müssen.

Im Moment steht von der israelischen Seite aus – zumindest ist das mein Eindruck – ein gewisser Vorwurf im Raum, dass insbesondere die deutsche Zivilbevölkerung sehr zurückhaltend mit Solidaritätsbekundungen ist. Einer der Gründe dafür dürfte jedoch auch Unsicherheit bei der klaren Positionierung sein – denn das Wissen um das Rechts Israels, sich selbst gegen Terror zu verteidigen geht einher mit der Empathie für eine palästinensische Zivilbevölkerung, die wegen der israelischen Gegenoffensive nun ebenfalls unzählige Tote und Vertriebene zu beklagen hat, darunter sehr viele Kinder. Ist das ein Punkt, über den man auch in Israel spricht? Oder sind dafür der Schmerz und die Wut nach dem Massaker der Hamas zu groß?
Natürlich ist das ein Punkt, über den auch in Israel gesprochen wird. Aber in erster Linie dreht sich das, was ich von dort höre, um die Forderung, dass die Hamas nach diesem schlimmen Terrorangriff vom 7. Oktober vernichtet werden soll. Egal, wie hoch der Preis dafür ist.

Der israelische Intellektuelle Yuval Noah Harari hat geschrieben, die meisten Israelis seien nach dem 7. Oktober nicht in der Lage, Mitgefühl mit den Palästinensern zu empfinden. Es sei schlicht kein Platz für fremdes Leid – und den Palästinensern gehe es ähnlich. Für Ausgewogenheit zu sorgen und so den „Raum für Frieden“ zu bewahren, sei deshalb die Aufgabe all jener, die nicht Teil des Konflikts sind. Sehen Sie das ähnlich?
Tatsächlich, das muss ich einfach zugeben, ist es auch für mich sehr schwer Mitleid zu empfinden, nachdem die Hamas so viele israelische Kinder brutal umgebracht hat.

In Deutschland hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier alle Bürger zum Schutz jüdischen Lebens aufgerufen. Wie sehr zweifeln Juden, die hier leben, gerade daran, dass Deutschland auch auf Dauer ihre Heimat sein kann?
Einige meiner jüdischen Verwandten, die hier aufgewachsen sind und sich bislang zuallererst auch immer deutsch gefühlt haben, sagen jetzt plötzlich: Ich weiß nicht, ob meine Familie hier eine Zukunft hat. Weil sie schlichtweg nicht mehr zur Arbeit gehen können, ohne sich Sorgen um ihr Kind zu machen – denn es besucht eine jüdische Kita, die unter Polizeischutz steht. Ich selbst bin letztens aus einem Bus ausgestiegen und sah ein muslimisches Paar, das sein Kind im Kinderwagen auf ein Kissen gelegt hatte, auf dem die türkische Flagge zu sehen war. Natürlich freue ich mich sehr darüber, zu sehen, wie sicher sich Muslime hier in Deutschland fühlen. Ich frage mich als Jüdin dann aber direkt: Was würde passieren, wenn eine jüdische Familie mit seinem Kind und einem Kissen mit israelischer Flagge unterwegs wäre?

Haben Vertreter von muslimischen Verbänden Kontakt mit der Jüdischen Gemeinde aufgenommen, nachdem die Hamas Israel angegriffen hat? Gibt es an dieser Stelle einen Austausch?
Nein. Bei mir haben sich seit dem 7. Oktober wirklich sehr viele Menschen gemeldet und ihre Solidarität zum Ausdruck gebracht. Wir bekommen auch finanziell Unterstützung für die Opfer in Israel, zum Beispiel durch unsere eigenen Gemeindemitglieder, die teils schon in fortgeschrittenem Alter sind und nur Sozialhilfe beziehen. Auch das Bistum Speyer hat uns kürzlich eine 1000-Euro-Spende zukommen lassen, nachdem wir ein Spendenkonto eröffnet hatten. Aber von den muslimischen Verbänden hat sich niemand bei der Jüdischen Gemeinde gemeldet.

Wie sieht es mit dem Kontakt zur Lokalpolitik aus? Erfahren Sie von dieser Seite Unterstützung?
Als die Hamas am Freitag, 13. Oktober, zum „Tag des Zorns“ und zur Gewalt gegen Israel aufgerufen hatte, war Speyers Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler bei uns im Gottesdienst, um ein Zeichen zu setzen. Sie hat nicht gezögert, uns zu unterstützen.

In Ludwigshafen sind israelische Nationalflaggen, die die Stadtverwaltung an Masten angebracht hatte, beschädigt und gestohlen worden. Hat man dies zum Anlass genommen, Kontakt mit Ihnen aufzunehmen?
Es gab mal ein paar E-Mails, aber keinen direkten Kontakt zum Beispiel zur Oberbürgermeisterin.

Was hoffen Sie persönlich in diesen Tagen für den Staat Israel?
Als die israelische Premierministerin Golda Meir 1973 den damaligen amerikanischen Senator Joe Biden traf und ihm die Bedrohungen schilderte, mit denen ihr Land konfrontiert war, sagte sie zu ihm, die Israelis hätten eine Geheimwaffe – und die heißt: Wir haben einfach keinen anderen Ort, an den wir gehen können. Wir dürfen nicht verlieren. Ebenfalls von Meir stammt ein anderer Satz, auf den sich viele Israelis auch heute noch beziehen: „Wir können nicht mit Terroristen verhandeln, die uns nur raus haben wollen.“ Ich hoffe deshalb für Israel, dass die Hamas besiegt werden kann.

Zur Person

Marina Nikiforova (56), die derzeit ohne Bild in der Zeitung genannt werden will, stammt aus der Ukraine, lebt seit April 1998 in Deutschland und hat an der Fachhochschule Erfurt Studien der Jüdischen Sozialarbeit und Sozialpädagogik absolviert. Seit August 2015 ist sie Geschäftsführerin der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz. Die Gottesdienste und Aktivitäten der insgesamt 572 Gemeindemitglieder – die überwiegend aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion kommen – finden in den drei Gemeindehäusern in Speyer, Ludwigshafen und Kaiserslautern statt.

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