Ludwigshafen
Wie aus Klärschlamm Energie gewonnen wird
Fast wie eine unscheinbare kleine Garage steht der Neubau neben einer fauchenden BASF-Anlage. Dabei muss neue Technologie nicht immer eindrucksvoll sein. Das gilt auch für das neue Heizkraftwerk Nord. Hier liegt eine Keimzelle der Klimawende in Ludwigshafen, waren sich die Gäste der Einweihung am Mittwochvormittag sicher.
Mit dem Heizkraftwerk auf dem Gelände der BASF-Kläranlage schlagen die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL) gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. „Es ist ein Beitrag zur Versorgungssicherheit“, sagte der technische Vorstand Thomas Mösl. Und nachhaltig sei das Kraftwerk neben der Klärschlammverbrennungsanlage außerdem.
Seit 1974 in Betrieb
Schon mit der Einweihung der Kläranlage im Jahr 1974 habe man sich um Nachhaltigkeit bemüht – ohne dass es damals überhaupt einen Namen dafür gegeben hätte, so Tilman Hezel, Senior Vice President Infrastructure and Plant Services, Vizepräsident also Infrastruktur und Werksangelegenheiten der BASF. Schließlich habe man von Anfang an Klärschlamm in drei Öfen verbrannt und Anfang der 1990er Jahre mit zwei neuen Öfen die Voraussetzungen für Wärmekoppelung geschaffen.
„So haben wir 45.000 Megawattstunden pro Jahr ausgekoppelt und sparen 310.000 Tonnen CO2“, sagt Hezel. Damit verwenden die TWL die Wärme der Klärschlammverbrennungsanlage sowohl zur Versorgung privater und gewerblicher Verbraucher, stellen vor allem die Fernwärmeversorgung der Pfingstweide sicher und versorgen außerdem einige Z-Gebäude der BASF außerhalb des Werksgeländes mit Energie und Wärme. „Ich freue mich, dass so ein innovatives Projekt als Partnerschaft zwischen Industrie und Nachbarschaft funktioniert“, meinte Dezernent Andreas Schwarz (SPD), der die Stadtspitze vertrat.
Für 20 Jahre gepachtet
Für zunächst einmal 20 Jahre ist das Gelände für das Heizkraftwerk an die TWL verpachtet, verriet Hezel. Verlängerung nicht ausgeschlossen. Immerhin haben die TWL hier in knapp zwei Jahren – Baubeginn war mitten während der Pandemie im Jahr 2021 – ein modernes Heizkraftwerk mit einer Leistung von 25 Megawattstunden Fernwärmeleistung errichtet. Die TWL verwenden dafür die Wärme aus der Klärschlammverbrennungsanlage. Die wird zunächst über eine Dampfturbine geführt und erzeugt damit Strom. Mit der Restwärme wird dann über einen Heizkondensator das Fernwärmenetz gespeist, vornehmlich für den Bereich Pfingstweide. „Wir sprechen hier von einer doppelten Nutzung mit einem hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplungsprozess“, erläuterte Zoltan Meszaros, Bereichsleiter Erzeugung bei den TWL.
Gerade der Stromausfall am 10. März habe gezeigt, dass Versorgungssicherheit eine wichtige Rolle spielt, sagte Mösl. Und mit dem neuen Heizkraftwerk werden zudem die Gasturbinen aus dem Heizkraftwerk Pfingstweide ersetzt. Damit sei das neue Heizkraftwerk Nord ein Teil der TWL-Klimastrategie zur Umsetzung der Klimawende in Ludwigshafen durch ein Netz dezentraler und mit erneuerbarer Energie gespeisten Wärmequellen. „Wir sparen damit rund 15 Prozent Primärenergiequellen“, rechnete Mösl vor. Nur wenn alle Energiequellen effizient genutzt werden, könne die Energiewende weg von fossilen Energiequellen wie Gas oder Öl gelingen.
Zeitplan eingehalten
Rund drei Millionen Euro haben die TWL dafür investiert. Begonnen haben die Planungen für den Neubau bereits 2017, wurden dann ab 2020 bis zum Baubeginn ein Jahr später konkretisiert. „Wir lagen komplett im Zeitrahmen“, freute sich Meszaros. Ein Grund dafür sei die große Flexibilität der TWL gewesen. Als beispielsweise nach der Ausschreibung kein Unternehmen für die Elektroinstallation gefunden wurde, habe man dieses Gewerk kurzerhand selbst übernommen. Und weil frühzeitig genug ausgeschrieben worden ist, sei es trotz Pandemie und Ukraine-Krieg nicht zu Lieferengpässen auf der Baustelle gekommen. „Deshalb können wir die Anlage zwei Jahre nach Baubeginn pünktlich und unfallfrei in Betrieb nehmen“, freute er sich.
Dabei sei die Anlage zunächst einmal dafür gedacht, Schwankungen der Wärmeauskopplung und Spitzenlasten in der Versorgung abzusichern. Eine Ausweitung der Nutzung in den kommenden Dekaden ist bereits angedacht. „Wir wollen noch mehr grüne Wärme nutzen“, kündigte Zoltan Meszaros an.