Ludwigshafen „Wer treibt uns an?“

„ Rendite ist alles, Profit ist euer Gott “, singt ein Dutzend Leute, aber nicht im Konzertsaal, sondern am rechten Platz, gleich vor dem Werktor 7 der BASF, wo Arbeiter, Angestellte und Führungskräfte am Donnerstag um 16 Uhr ein- und ausgehen. Es ist einer der vier Beschwerdechöre, die sich auf Initiative des Ludwigshafener Kunstvereins formieren und in dem die Bürger ihrem Unmut Luft machen können. BASF-Mitarbeiter sind beim Chor der Arbeit dabei, Pflegekräfte, Wissenschaftler und Lehrer, erzählt Kunstverein-Leiterin Barbara Auer. Lauter Menschen, die ihre Erfahrung in der Arbeitswelt eingebracht haben, um ein Libretto zu formulieren, das von den Musikern Bernhard, Roland und Anna Vanecek passend vertont wurde. „Immer schneller, immer besser und wir brennen aus“, singen sie in einem handfesten Gesang, der an das Dialogische der Gospels erinnert und sich als Ohrwurm im Kopf festsetzt. Schließlich geht es hier um knallharte Realität und ernste gesellschaftliche Debatten, die in griffige Bilder übersetzt wurden: „Mein Nachbar braucht drei Jobs, damit er leben kann“, „Könnt ihr wirklich arbeiten bis 70?“, fragt eine Chorsängerin im Solo. „Da kannste dein Leben lang lernen“, setzt eine andere nach. Bis zu 15 Leute haben konzentriert in den Workshops am Text gearbeitet, über die Schere zwischen Arm und Reich nachgedacht, über Outsourcing von Arbeitskräften, den Mindestlohn in Deutschland und ihre Ängste in einer globalisierten Wirtschaft. Wenn man seine Beschwerden musikalisch äußere, verändere sich die Stimmung, erzählt Barbara Auer, die mitprobte. „Man kennt ja die Mai-Reden. Da kommt die Botschaft anders rüber.“ Alle, die hier die Stimme erheben und Klartext singen, wissen aber auch: Sie werden mit ihrem schmissigen Lied auf einem Video im Internet nachzuhören sein, wie auch die anderen Beschwerdechöre weltweit dokumentiert wurden (www.complaintschoir.org). Und schon lauert da die nächste Sorge des Arbeitnehmers, wie die Schlusszeile verrät. „Und was ist, wenn mein Chef mich hier jetzt sieht?“