Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel „Wer kommt, darf malen“

So könnte es aussehen. Foto: Privat
So könnte es aussehen.

Eine Unterführung in Oppau ermöglicht Fußgängern, gefahrlos von der Endhaltestelle zum BASF-Tor 12 zu gelangen. Der unterirdische Weg befindet sich in einem beklagenswerten Zustand. Eine Künstlergruppe will das Areal mit Graffiti verschönern. Doch das ist gar nicht so einfach. Warum seit einem Jahr nichts passiert.

Die Unterführung wirkt abstoßend. Kritzeleien prangen auf den Wänden – Buchstabenkürzel von Jugendlichen, die sich hier verewigt haben. Wer hier durchläuft, ist froh, wenn er den Gang durch die Unterwelt hinter sich hat. Dabei haben die Katakomben durchaus einen Sinn: Denn Fußgänger sparen sich dadurch, die verkehrsreiche Umgehungsstraße am Ortsrand von Oppau in Richtung BASF zu überqueren. Die Verbindung zwischen der Endhaltestelle, wo Straßenbahnen und Busse halten, und dem Eingang zum Chemiekonzern ist in die Jahre gekommen und bietet keinen schönen Anblick mehr. Darüber zumindest sind sich alle Beteiligten einigt: Die Stadt, der Ortsbeirat und eine Künstlergruppe.

Die FWG hatte eine Idee: Wie wäre es, wenn junge Leute die Unterführung mit bunten großflächigen Graffiti-Bildern aufhübschen. Ein entsprechender Antrag war schnell formuliert. Was dann begann, bezeichnet Helge Moritz, FWG-Fraktionssprecher im Ortsbeirat, als eine „kafkaeske Debatte“. Zunächst hatte Stadtverwaltung selbst im vergangenen Sommer die Idee, geeignete Flächen in der Stadt zum Besprühen durch Graffiti-Künstler freizugeben. Das Thema landete in den Ortsbeiräten der Stadtteile, weil dort das Wissen um solche Orte vorhanden sein sollte. Doch laut Verwaltung wurde bis zum Frühjahr kein Projekt vorgeschlagen. Die FWG reagierte, und schlug im Mai die Unterführung in Oppau als Pilotprojekt vor. Das Thema landete zunächst im Hauptausschuss des Stadtrats. Die FWG-Fraktion forderte die Verwaltung auf, zu prüfen, ob die Unterführung an der Oppauer Bad-Ausee-Straße nicht Pilotprojekt für die ganze Stadt werden könnte.

Oppauer Künstlergruppe soll Projekt betreuen

Wie die Freien Wähler erläuterten, existiert in Oppau schon länger eine kleine Künstlergruppe, die bislang überwiegend in Mannheim und Heidelberg aktiv gewesen sei, da in beiden Städten bereits vor Jahren Flächen für Graffiti freigegeben wurden. Und Raab und ihre Truppe seien bereit, sich für fünf Jahre um die Gestaltung der Betonwände in der teils nach oben offenen Unterführung zu kümmern. Der Vorschlag stieß auf ein positives Echo: „Grundsätzlich begrüßen wir das“, sagte Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD). Der Hauptausschuss sprach sich einmütig für die Idee aus. Doch dann ging es in die Details.

Kulturdezernentin Cornelia Reifenberg (CDU) gab zu bedenken, dass der Verwaltung durch solche Projekte möglichst wenig Kosten und Personalaufwand entstehen sollte. Außerdem wurde im Ausschuss diskutiert, was denn auf die Wände gesprüht werden sollte. Reifenberg stellte in Aussicht, dass ersten Skizzen unter Einbeziehung des Wilhelm-Hack-Museums bei einem Ortstermin ausgesucht werden könnten. Anhand des „Einstiegsmodells“ in Oppau könne dann entschieden werden, wie man mittelfristig mit dem Thema umgehe, sagte Reifenberg. Letztlich liege die Entscheidung im Fall Oppau aber beim dortigen Ortsbeirat, unterstrich die OB.

Zoff im Ortsbeirat

Wegen der Kommunalwahl passierte in der Angelegenheit erst einmal nichts weiter. Ein neuer Ortsvorsteher und ein neuer Ortsbeirat wurden gewählt, der Ende Juni erstmals zusammentrat. FWG-Mann Helge Moritz, der wieder in den Beirat gewählt wurde, wollte die Gelegenheit beim Schopfe packen und setzte die Unterführung auf die Tagesordnung. Bei der geplanten Freigabe für Graffiti gerieten sich die Ortsbeiratsmitglieder jedoch in die Haare. Moritz drängte darauf, dass die ungepflegte Unterführung möglichst bald und ohne städtische Aufsicht frei von Graffiti-Künstlern besprüht werden kann. Doch die Ortsbeiratsmehrheit störte sich daran, dass den Künstlern dabei völlige Freiheit gegeben werden soll und lehnte den FWG-Antrag ab. Zwar sei es sinnvoll, die Unterführung zum Besprühen freizugeben, doch die Verwaltung müsse erst entscheiden, ob es dafür Vorgaben gibt. Künstlerin Manuela Raab, die ähnliche Projekte in Mannheim verwirklicht hat, saß im Publikum und konnte nur mit dem Kopf schütteln. „Ich verstehe nicht, warum andere Städte Graffiti als Kunstrichtung fördern und legale Flächen ohne Wenn und Aber einfach freigeben, während das in Ludwigshafen nicht geht“, meinte Raab.

In Mannheim gibt’s legale Flächen

Sie hatte eine Präsentation vorbereitet, mit der sie aufzeigen wollte, dass die legalen Graffiti-Flächen in Mannheim und Heidelberg gut genutzt werden. Doch das durfte sie nicht, weil es in der Ortsbeiratssitzung nicht in der Tagesordnung vorgesehen war. In Mannheim darf laut Stadtplanung auf den sogenannten Legalflächen unkontrolliert und ohne definierten künstlerischen Anspruch gesprüht werden – und dies immer wieder neu. Wer kommt, darf malen. Die Stadtplaner sprechen von einer „Ventilfunktion“ für die lokale Sprayer-Szene, das legale Angebot soll dabei helfen, illegales Sprühen zu vermeiden. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die Legalflächen ein überregionales Interesse ausgelöst haben. Über das Internet informiert sich die Szene über die Legalflächen und sprüht drauf los. Bilder werden ins Netz gestellt. Das zieht auch künstlerisch talentierte Leute an und die Wände werden zu einer Art öffentlicher Galerie mit ständig neuen Werken, urteilen die Mannheimer Stadtplaner.

So ähnlich stellt sich das auch Künstlerin Manuela Raab für die Oppauer Unterführung vor: „Die Künstler gehen einfach hin und lassen ihrer Kreativität freien Lauf. Die Bilder bleiben jeweils so lange stehen, bis ein neuer Künstler vorbeikommt und das Kunstwerk des Vorgängers wieder übermalt. Eine Art Wechselausstellung im öffentlichen Raum entsteht.“ Zudem würden in Ludwigshafen Graffiti-Workshops für Kinder und Jugendliche angeboten. Wer danach weiter legal sprühen wolle, müsse nach Mannheim oder Heidelberg fahren. Für Raab völlig unverständlich.

Ortsvorsteher will Lösung finden

Während der Sommerferien wird sich beim Thema Oppauer Unterführung voraussichtlich nicht viel tun. Der neue Ortsvorsteher Frank Meier (SPD) will aber mit der Künstlerin und der Verwaltung noch mal über das Graffiti-Projekt reden und im September nach der Sommerpause dem Ortsbeirat berichten. „Im Prinzip ist ja niemand dagegen. Ich will der jungen Frau helfen“, sagt Meier. Es müsse aber klar geregelt sein, dass keine radikalen politischen Parolen oder sexistische Bilder an die Wände der Unterführung gesprüht werden. Er sei zuversichtlich, dass sich eine Lösung finde.

Kommentar

Einen Versuch wert

Es ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar, warum es in Ludwigshafen keine legale Flächen für Graffiti gibt. Seit einem Jahr wird über die sogenannten Freiflächen für Graffiti geredet. Die Verwaltung ist richtigerweise für die Einführung. Passiert ist aber so gut wie nichts, weil sich die Beteiligten uneins sind, wie das konkret ablaufen soll. Die Kernfrage in der Debatte: Sollen die Verantwortlichen den Sprayern bei der Gestaltung völlig freie Hand lassen? Ja, sagen die Künstler und die FWG. Und sie haben dafür auch Argumente: In Mannheim und Heidelberg gibt es gute Erfahrungen mit den Legalflächen. Doch in der Praxis hat sich auch gezeigt, dass es auch weiterhin illegale Graffiti gibt und nicht nur Künstler die legalen Flächen besprühen. Parolen-Schmierer fühlen sich sogar dadurch herausgefordert. Umso wichtiger ist es, dass sich eine Gruppe um einen Bereich kümmert und dort ein Auge drauf hat. In Oppau ist dies der Fall. Es wäre einen Versuch wert, den Künstlern freie Hand zu lassen. Denn die Unterführung ist ohnehin schon von größtenteils untalentierten Leuten verschmiert worden. Schlimmer kann es eigentlich nicht werden. Es ist naiv zu glauben, dies alles kontrollieren und reglementieren zu können. Zur Not hilft: einfach drüberstreichen.

Und so sieht es aus. Foto: umi
Und so sieht es aus.
Viele triste Flächen. Foto: umi
Viele triste Flächen.
Schmiereien gibt es auch. Foto:umi
Schmiereien gibt es auch.
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