Quintessenz RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn sich Journalisten im Hemshof treffen

Christiane Vopat
Christiane Vopat

Seit dem Frühjahr 2023 sorgen einige Ludwigshafener Grundschulen – insbesondere die Gräfenauschule im Hemshof – für Schlagzeilen. Denn viele Schulanfänger in unserer Arbeiterstadt, die seit Jahrzehnten Migranten anzieht, sprechen kaum oder gar kein Deutsch und kommen daher schon in der ersten Klasse nicht mit. Darüber hat sogar das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet. Diese eine Facette der Einwanderungsgesellschaft in Ludwigshafen hat sehr große Wellen geschlagen.

Dabei ist das Thema vielfältig: Mittlerweile haben unter den jungen Menschen in der größten Stadt der Pfalz mehr als 60 Prozent einen Migrationshintergrund. Daher war ich im September auch sehr gespannt auf ein dreitägiges Journalistentreffen, zu dem der SWR Vertreter meiner Zunft aus ganz Deutschland ins Cinema Paradiso & Arte im Hemshof eingeladen hatte. Wo könnte man besser über „Migration und Medien“ diskutieren als an diesem stimmungsvollen Ort mitten im Multikultiviertel meiner Wahlheimatstadt?

Impulse von Experten

Die Organisatoren stellten eingangs fest, dass wir nicht nur in Ludwigshafen in einer Einwanderungsgesellschaft leben, sondern dass auch bundesweit mittlerweile fast jeder Dritte eine Migrationsgeschichte hat. Wie stellen sich Medienhäuser auf diesen Wandel ein, und wie können Medien diese Gesellschaft angemessen und repräsentativ abbilden? Wie gelingt der nachhaltige Zugang zu migrantischen Themen, Perspektiven und Protagonisten? Wie gelingen die Zusammenarbeit und der offene Diskurs in divers besetzten Redaktionen am besten? Darüber wurde ausführlich und teils auch durchaus kontrovers in der zweiten Ausgabe der SWR-Zukunftstage debattiert. Journalisten aus der ganzen Branche, also aus Zeitungen, vom Hörfunk und Fernsehen und aus digitalen Formaten, waren mit von der Partie.

Diskutieren und informieren: Bei den „Zukunftstagen“ im September wurde das „Cinema Paradiso“ zu einem Treffpunkt der Medienbran
Diskutieren und informieren: Bei den »Zukunftstagen« im September wurde das »Cinema Paradiso« zu einem Treffpunkt der Medienbranche.

Die Medienleute sprachen nicht nur über, sondern mit den Menschen vor Ort, etwa beim Besuch verschiedener Projekte. Sie waren zum Beispiel in der Mannheimer Moschee und in der Anne-Frank-Realschule plus in West zu Gast und diskutierten mit der städtischen Integrationsbeauftragten Hannele Jalonen, mit Ludwigshafener Brückenbauern und dem Hemshof-Ortsvorsteher Osman Gürsoy (SPD), dessen Familie schon in der vierten Generation in Ludwigshafen lebt. Spannende Impulse gab es zudem von Experten auf dem Podium. Das hat meinen Horizont erweitert.

Als Experten und Verantwortliche aus Medienhäusern mit dabei waren die Kommunikationswissenschaftlerin und Medienkritikerin Nadia Zaboura, der Didaktiker Karim Fereidooni von der Ruhr-Universität Bochum, Ella Schindler von den Neuen Deutschen Medienmacherinnen, RHEINPFALZ-Chefredakteur Yannick Dillinger, der ARD-Vorsitzende und SWR Intendant Kai Gniffke und Ulla Fiebig, Direktorin des SWR Rheinland-Pfalz.

Magische Räume

Restlos begeistert waren alle Teilnehmer vom Tagungsort Cinema Paradiso & Arte im Hemshof. Diese magischen Räume hatte wohl kaum ein Besucher in einem Hinterhof in der Hemshofstraße erwartet. Schon am ersten Abend der Medientage war zudem deutlich geworden, dass die Einwanderungsgesellschaft viel Stoff für höchst interessante Berichterstattung bietet. Ich fühlte mich beflügelt.

Über den Titel „Ugliest City“ für Ludwigshafen konnte Karim Fereidooni von der Universität Bochum übrigens nur müde lächeln. „Lassen Sie sich nichts einreden“, meinte er amüsiert. „Kommen Sie mal ins Ruhrgebiet.“ Als gebürtige Westfälin weiß ich nur zu gut, was er meint.

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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