Ludwigshafen Wenn Krieg und Flucht die Farben rauben

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Wer um Hussein Ahmads Geschichte weiß, wird verstehen. Verstehen, warum ihm die Farben in seinem Inneren abhanden gekommen sind. Verstehen, warum seine Kunst plötzlich so anders ist. Im Otterstadter Remigiushaus zeigt der Syrer seine neuesten Kunstwerke. Weiß, Schwarz und Grau dominieren. Aus weichen Linien sind harte Kanten geworden. Was in den Bildern steckt, ist die Geschichte einer Vertreibung aus der Heimat, dem Zurücklassen der Familie und der Ankunft in der Fremde.

Europa ist vor allem eines: dreieckig. Jedenfalls wenn man es mit den Augen eines Künstlers betrachtet, der in Syrien aufgewachsen ist, einem Land in dem die Architektur von kubischen Bauten und runden Kuppeln geprägt ist. Hussein Ahmad war in seiner Heimatstadt Aleppo ein bekannter Künstler, bis ihn der Bürgerkrieg von seiner Familie getrennt und bis nach Deutschland gebracht hat. Seit eineinhalb Jahren lebt und malt der inzwischen anerkannte Flüchtling in Waldsee. Im Moment zeigt der 48-jährige einen Teil seiner Bilder im Remigiushaus in Otterstadt. Ein halbes Jahr lang sind sie dort zu sehen. Angefangen hat alles damit, dass er Künstler getroffen und von ihnen zunächst die arabische Kalligraphie kennengelernt und sich dann Stück für Stück alle Techniken angeeignet hat. „Es wurde eine richtige Freundschaft daraus“, sagt er. Younes Kabbaj, ein gebürtiger Marokkaner, der sich als Dolmetscher im Waldseer Netzwerk Asyl engagiert, steht neben ihm. Denn noch spricht Hussein Ahmad wenig Deutsch. Irgendwann habe er seinen eigenen Stil gefunden. Kalligraphie und arabische Architektur wurden zu seinen Themen. Damit wurde er berühmt, weit über seine Heimat hinaus und erhielt viele Auszeichnungen und Zertifikate. Allein in Syrien hatte er 15 Ausstellungen. Seit 2001 verkauft er seine Bilder online in Europa, Amerika und der arabischen Welt. Doch dann kam der Krieg und Hussein Ahmad musste seine Heimat verlassen. In Europa angekommen war nichts mehr so, wie es einmal war und schon gar nicht die Städte. Keine Kuppeln, keine Rechtecke, alles war plötzlich dreieckig. Daher zeigen auch die meisten seiner Bilder nun dreieckige Formen. Aber nicht nur deswegen. „Das Dreieck ist ein uraltes Symbol, nicht nur im Christentum, sondern in vielen Kulturen“, erklärt Ahmad und erinnert an die Pyramiden aber auch an das sagenumwobene Bermuda Dreieck. Besonders aber interessiere er sich für die Architektur. Deswegen male er auch Kirchen. Hussein Ahmad ist glücklich, dass er hier malen kann, doch die Bedingungen könnten besser sein. Das kleine Fenster seines Zimmers geht auf einen Flur der wiederum nur Licht durch Glasbausteine bekommt. Noch kann er im Freien in einem Waldseer Garten arbeiten, doch wenn der Winter kommt wäre es schön, wenn er einen anderen Raum zum Malen fände. Hussein Ahmad kann von seinen Bildern leben. Sein Geld reicht aber gerade mal für Farben und Malgründe. Doch eigentlich wollte er damit doch seine Familie unterstützen, seine Frau und die vier Kinder – sie leben jetzt in einem Flüchtlingslager in Jordanien –, die er so unsagbar vermisst und die er so gerne nach Deutschland holen würde. Das macht ihn so unendlich traurig, dass er kaum darüber reden kann und es raubt ihm wohl auch seine Farben. Die Bilder in der Ausstellung sind von Schwarz, Weiß und Grautönen beherrscht und haben nur wenige wirklich bunte Stellen. Er zeigt Fotos, die er noch zu Hause in Syrien gemalt hat, bunt und sichtbar sprühend vor Lebensfreude. Auf die Frage, wo denn die Farben nun hingekommen seien antwortet er auf Deutsch. „Keine Ahnung.“ Und lässt dann von Younes Kabbaj übersetzen. „Die Farben kommen von innen und da sind jetzt keine mehr.“ „Sehnsucht nach Frieden“ hat er seine Ausstellung genannt, denn neben Musik und Literatur könne gerade die Kunst die Botschaft von Frieden zeigen. Und vielleicht wird Hussein Ahmad hier irgendwann wieder Farben in seinem Inneren finden. Die Bilder und das Schicksal des Künstlers berühren den Betrachter sehr wahrscheinlich. Sicher aber schärfen sie den Blick für das eigene Land. Denn wer das Remigiushaus verlässt sieht – vielleicht zum ersten Mal bewusst – die dreieckigen Dächer und spitzen Kirchtürme. Stimmt, Europa ist wirklich dreieckig. Info Die Bilder können auf Anfrage per E-Mail an buergerbuero@otterstadt.de oder unter Telefon 06232 36062 im Remigiushaus angesehen werden.

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