Mannheim
Wenn der Fuß „kanak“ macht: Wie Kaya Yanar mit seinem Körper und seiner Familie spricht
Kaya Yanar wird im Rosengarten schon bejubelt und herbeigeklatscht, noch bevor er die Bühne betritt: Der einstige Shootingstar, der 2000 durchstartete und mit der Fernsehsendung „Was guckst du?!“ seine Ethno-Comedy wohnzimmerkompatibel machte, hat es geschafft: Ganze Familien sitzen im Publikum – und die Oma hat die Karten spendiert. Der 51-jährige Frankfurter, der mit Frau und zwei Kindern in Zürich lebt, spricht alle Generationen an, auch die junge, weil er auf seinen sozialen Kanälen zockt, Kleinanzeigen kommentiert und bei Youtube-Formaten wie „Mann im Mond“ als Gast herumblödelt. Seine Online-Auftritte erwuchsen aus dem Lockdown 2020, aus dem auch sein Programm „Fluch der Familie“ geboren ist. „Die Hiobsbotschaft Corona kam zeitgleich mit dem Nachwuchs: Mein Sohn heißt Covid, der zweite Omikron“, sagt Kaya Yanar und schiebt in die Lacher beschwichtigend hinterher. „War nur’n Scherz.“
Unterm Sternzeichen Klageweib
Vieles ist jedoch kein Witz, geradezu bitterer Ernst, nur eben charmant verpackt. „Die Kindheit meiner Kinder ist viel glücklicher als meine“, meint Yanar und wundert sich, als er mitleidiges Stöhnen aus den Reihen erntet. „Was ist das für ein komisches Geräusch? Ich wusste gar nicht, dass wir hier Kühe haben.“ In der Interaktion mit dem Publikum läuft er stets zu Hochform auf, und schon glucksen wieder alle glücklich. Er erzählt: Die Ehe der Eltern war arrangiert, als sie in den 1960er-Jahren einwanderten, die 17-jährige Mutter mit Babybauch und ohne Deutschkenntnisse. Erst nach der Scheidung holte sie den Hauptschulabschluss nach und machte eine Kosmetikausbildung. „Eine Topfrau“, betont Yanar. „nur etwas dramatisch, unter dem Sternzeichen Klageweib geboren“. Außerdem ging sie überall verloren, habe sich aber mit der Behauptung gewehrt: „Kaya, du hast selbst keine Orientierung, nur Orient im Kopf.“
Dabei bestand die Tragik der Familie darin, dass die beiden Söhne nur Deutsch konnten – und heute ein Beispiel für gelungene Integration darstellen –, während die Eltern nur Türkisch beherrschten. Wenn Yanar sich selbst zitiert, dann mit der gepressten Stimme des ordnungsliebenden Deutschen, die man aus seinen Programmen gut kennt, während sein Vater in sonorem „Stichwortdeutsch“ rätselhaft kommuniziert: „guckst du … Blödmann … Parkplatz.“
„Der Vater schächt die Schaf“
Die Abendgeschichte bestand aus Lichtauschalten, noch bevor die Jungs das Bett erreicht hatten. Es wäre auch seltsam gewesen, wenn der Vate gesungen hätte: „Schlaf Kindlein schlaf, dein Vater schächt die Schaf. Deine Mutter schneidet Dönerlein …“ Statt mit dem Kind zum Arzt zu gehen, habe der Vater alles bis zum Beinbruch mit dem türkischen Desinfektionsmittel Kolonya behandelt. Und dieser Ruf nach „Kolonyaaaa“ wird am Abend immer wieder nachhallen, wie ein Fluch. Ebenso der Ausspruch des Bruders, ein Mathegenie, das auf die Bitte um Hausaufgabenhilfe nur schrie: „Denk doch mal naaach!“
Nüchtern betrachtet ist das alles gar nicht lustig, beschwipst von Yanars komischer Darstellung aber schon. Später resümiert der Comedian: Er ist in diese Familie hineingeboren worden, um darüber witzeln zu können. Er habe das Lachen immer vorgezogen, auch dem Sex, bekennt er und demonstriert die Entstehung eines „Busenfurzes“.
Weiter geht es im Libretto des Programms mit Hochzeit, Schwangerschaft und Geburt. Seit 12 Jahren ist Kaya Yanar glücklich mit einer Schweizerin liiert; seine Kinder sind zwei und vier Jahre alt und wachsen zweisprachig auf. Das erste Wort war „Alter!“, ein Fluch, den der Kleine von Kaya Yanar im Auto aufgeschnappt habe. Seine Kinder seien eben Türken oder besser „Schwürken“ und werden später mal so reden: „Hast du Problem …“, zitiert Yanar in drohender Türstehermanier und setzt in Schwyzerdütsch ein langes säuselndes „ …, oder?!“ hinzu.
Verständnis für Flaute im Bett
Obwohl Yanar unter dem „Spiegelreflexsyndrom“ leidet, wie er mal bekannte und wodurch er zum kopfwackelnden Inder mutiert, sobald er Bollywoodklänge hört, imitiert er in „Fluch der Familie“ weniger andere Kulturen als in älteren Programmen. Vielleicht gebremst von einer „Cancel Culture“, dabei haben ihm gleich zwei Wissenschaftler von US-amerikanischen Unis in ihren Studien bescheinigt, wie geschickt er in seiner transkulturellen Comedy mit Stereotypen spielt und für das kulturübergreifend Humane plädiert. Vielleicht ist es nur folgerichtig, dass er auf Körperwitze und Geräusche setzt, die das Menschsein lautmalerisch unterstreichen. Vielleicht auch nur, weil das offenbar beim Publikum ankommt. Statt mit den Stimmen in andere Kulturen zu schlüpfen, redet Yanar mit seinen Körperteilen. Der Pimmel äußert Verständnis für die Flaute im Bett und freut sich auf die Tour. Der Fuß, der bei einem Basketballspiel „knack macht oder in meinem Fall kanak“, verlangt nach einem Arzt. Wirklich lustig wird es, als Yanar Fan beim Candlelight-Dinner Wein einschenken will, sich vorbeugt und nicht ahnt, dass hinten „einer auf der Startbahn hockt“ und wie ein Pilot ansagt: „Ready for Take-off. Meine Damen und Herren, willkommen beim Flug 747 Airfurz. Die Türen sind geschlossen, wir warten auf Starterlaubnis.“ Und dann war der romantische Abend „am Arsch“.
Bettelnde Koffer im Regen
Das schreiendste Lachen erntet Yanar mit einer geradezu poetischen und „wahreren“ Erzählung, als seine Mutter und sein Bruder nach Ibiza zur geplanten Hochzeit anreisen, während das Fest vor lauter Regen ins Wasser zu fallen droht. Yanar fährt los, um Zelte zu besorgen, sieht, wie „die Scheibenwischer Überstunden machen“. Am Auto vor ihm klappt der Kofferraumdeckel auf und zu, die Koffer schauen ihn an und rufen um Hilfe, während er sich schepplacht, weil die Deppen nichts davon merken. Bis seine Frau ihm sagt. „Die Deppen sind deine Familie!“