Ludwigshafen Wenn alles im Umbruch ist
Um Menschen, die mitten in eine Zeitenwende geraten sind, geht es in dem Film „Schneeblind“. Die Mannheimer Produzentin Karoline Henkel und der Regisseur Arto Sebastian lassen ihr Filmdrama in der unmittelbaren Nachkriegszeit im ärgsten Kältewinter im Schwarzwald spielen. Im Mannheimer Kino Odeon haben sie ihren Film vorgestellt.
Es ist die düstere Geschichte zweier versehrter Familien kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der 16-jährige, fast blinde Peter und sein Vater Heiner (Kai-Ivo Baulitz) reisen im Gefolge eines Soldaten, der sie unentdeckt über die Schweizer Grenze führen soll. In Zürich soll es einen Arzt geben, der Peters Augenleiden heilen kann, behauptet Heiner, der jedoch als ehemaliger SS-Offizier auch auf der Flucht vor den Alliierten ist. Als der Soldat unterwegs an einer Kriegsverletzung stirbt, bringen sie den Toten zu dessen Familie. Wilhelm (Martin Umbach) und Helene Egger leben mit ihrer Tochter Sophie (Amelie Herres) auf einem abgelegenen Hof im Schwarzwald und haben nun den Tod des Sohnes und Bruders zu beklagen. Der Vater allerdings ist auf seinen toten Sohn, den Nazi, nicht gut zu sprechen: „Er hat uns und den Hof alleine gelassen. Soll er verrotten!“ schimpft er. „Er het sei’m Land so gedient, wie er’s für richtig g’halte het“, entgegnet die Mutter, die von der gebürtigen Freiburgerin Inka Friedrich gespielt wird. Der blinde Peter zeigt sich verblendet: „Ich hätte nichts lieber getan, als mein Leben auf dem Feld der Ehre fürs Vaterland zu geben“, tönt er. „Was macht eigentlich ein junger Mensch, der im Dritten Reich mit ganz festen moralischen Prinzipien aufgewachsen ist, die er für richtig hält und die dann von einem Tag auf den anderen nicht mehr gelten?“ sei die zentrale Frage gewesen, der er bei der Entwicklung des Films nachgegangen sei, berichtet Arto Sebastian. Dem blinden Peter, dargestellt von Jonathan Berlin („Die Freibadclique“), wird „komplett der ideologische Boden unter den Füßen weggerissen“, sagt der Regisseur, der das Drehbuch zusammen mit Silke Morgenroth schrieb. „Es gibt in diesem Moment auch noch nichts richtiges Neues, keine wirkliche Alternative, an die man sich halten kann, einfach weil alles am Boden liegt.“ Ein Schauplatz wie der abgelegene Hof der Eggers, dazu die sogenannte Stunde Null, der Neuanfang nach dem Zusammenbruch des NS-Staates, eigne sich ganz besonders, existenzielle Fragen aufzuwerfen und abzubilden, so Sebastian. „Woher nehme ich den moralischen Kompass in mir, wenn die Gesellschaft das gerade nicht mehr hergibt, wenn alles im Umbruch ist und der Ort, vom Schneesturm isoliert, aus der Zeit gefallen?“ „Schneeblind“ ist der überzeugende, ja, erstaunlich reife Diplomfilm für Sebastian, Karoline Henkel und Jasper Philipp Mielke an der Filmakademie Baden-Württemberg. Die 30-jährige Mannheimerin, der Hannoveraner Sebastian und der Schleswig-Holsteiner Mielke sind sich beim Studium in Ludwigsburg begegnet und riefen 2016 gemeinsam die Produktionsfirma Wood Water Films ins Leben. Das junge Unternehmen sitzt in Mannheim und Berlin und hat nach „Radikal“, einem viertelstündigen Schul- und Lehrfilm, der im Auftrag des hessischen Innenministeriums entstanden ist, nun mit „Schneeblind“ seinen ersten Langfilm auf den Weg gebracht. Die nächsten Projekte laufen bereits. In Marokko entsteht derzeit die Langzeitdoku „Behind Closed Doors“ rund um den Anbau von Cannabis und in Berlin und Potsdam der tragikomische Episoden- und Kinofilm „Dímelo tú – Sag du es mir“. Arto Sebastian selbst plant einen Kinofilm mit dem Arbeitstitel „Am Anfang die Kinder“. „Eine obsessive Liebesgeschichte. Sie wird bestimmt auch ein bisschen düster, geht aber mehr in Richtung Thriller“, verspricht der Regisseur in Mannheim. „Schneeblind“, der seine Uraufführung 2017 bei den Biberacher Filmfestspielen hatte und gleich den Publikumspreis gewann, wird im November in der Reihe „Debüt im Dritten“ im SWR-Fernsehen zu sehen sein.