Mannheim
Weltkriegsbunker: Betongewordene Mahnmale oder Orte für Besonderes
Im Stadtteil Lindenhof soll über dem ehemaligen Pfalzplatzbunker schon seit Jahren ein Kindergarten entstehen. Kurz vor dem Durchbruch des Projekts ist es wegen des Ukraine-Kriegs vorerst auf Eis gelegt worden.
Eine weite, versiegelte Fläche. Aber auch viele grüne Flecken durch Gemeinschaftsgarten, Jugendtreff, Kinderspielplatz, Fußballtore und Sportgeräte. Daneben eine Interims-Container-Kita für 80 Kinder. Der Pfalzplatz im Lindenhof ist seit über 80 Dekaden graue Betonfläche, wird aber dank vieler Stadtteil-Projekte zunehmend belebt. Unten drunter aber ist seit Jahrzehnten nichts geschehen. Kaum vorstellbar, dass unter der Erde einst bis zu 10.000 Menschen in Mannheims größtem Tiefbunker Schutz suchten.
Zivilschutzbindung für Bunker
Schon seit Jahren steht eine Umwidmung der denkmalgeschützten Fläche im Raum. Nach einem Beschluss des Gemeinderats von 2019 sollte der Pfalzplatz mit einer siebengruppigen Kindertagesstätte überbaut werden. Die Stadt arbeitete zwei Varianten heraus, auch die Entwicklung von Wohnraum sei möglich, derzeit aber wird keine Option verfolgt. Der Grund: Das Bundesinnenministerium sprach im Oktober 2022 eine Zivilschutzbindung für Bunker aus. Sie müssen demnach im Bedarfsfall als Schutzraum zur Verfügung stehen. Konkret soll das für 600 Anlagen gelten, zwölf davon befinden sich in Mannheim. Auch der Pfalzplatzbunker ist davon betroffen.
„Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hat die Bundesregierung die Entwidmung öffentlicher Schutzräume bis auf weiteres ausgesetzt. Das hat auch Auswirkungen auf die Pläne für den Pfalzplatz, die aktuell ruhen müssen“, teilt Corinna Hiss vom Baudezernat mit. Wie lange genau, gilt als unklar. Vom Katastrophenschutz werden die Schutzräume derzeit auf ihren Zustand geprüft. Die Stadt gehe jedoch nicht davon aus, dass sie nochmal als Not-Unterschlupf genutzt werden können. Eine Aufhebung der Zivilschutzbindung sei derzeit aber auch nicht möglich, werde aber von der Verwaltung geprüft. Erst dann können die Pläne für eine Entwidmung des Bunkers weiter verfolgt werden.
Umwidmung ist kostspielig
Die meisten der Schutzbauten sind während der NS-Zeit entstanden. Unter dem Hof des Schlosses, unter dem Paradeplatz, in Schönau oder Käfertal wurden sie meist von Zwangsarbeitern erbaut, denen bei einem Bombardement der Zutritt verwehrt wurde. In den 1980er-Jahren erfolgten Umbaumaßnahmen zum Schutz vor ABC-Waffen. Seit Ende des Kalten Kriegs wirken sie wie betongewordenen Mahnmale eines eigentlich als abgeschlossenen geglaubten Kapitels.
Ein Blick auf die noch bestehenden Bunker verdeutlicht aber, dass sie einen kaum beachteten Leerstand verkörpern. Eine Umwidmung und neue Nutzung erweist sich nicht nur wegen der dicken Wände und fehlenden Fenstern als kostspielig. Die meisten sichtbaren Schutzräume, ob im Almen- oder Waldhof, gehören fest zum Stadtbild, werden von außen oft mit Graffitikunst verziert, bleiben innen aber ungenutzt und dienen allenfalls als Stauraum.
Stadtarchiv in altem Schutzraum
Heute werden die oft unter Denkmalschutz stehenden Gebäude als unliebsames Kind mit wenig Zukunftspotenzial gesehen. Und doch gibt es auch viele Neunutzungen: Unweit des MVV-Hochhauses im Luisenring zog 2018 das Rechenzentrum der Stadt in einen früheren Hochbunker ein. In Feudenheim wurde auf dem Dach eines Bunkers eine Penthouse-Wohnung errichtet, in Sandhofen ein Zeitgeschichtliches Museum im Erdgeschoss eines Luftschutzbunkers eröffnet.
Der wohl bekannteste Schutzraum Mannheims ist der Ochsenpferchbunker in der Neckarstadt-West, der seit 2014 mit dem Marchivum das Archiv der Stadt beherbergt. Dort ist die Transformation gelungen, ohne die Geschichte der dicken Gemäuer zu vergessen. In einem speziellen Bunkerraum wird per Videoinstallation explizit auf die Historie des Kriegsgebäudes eingegangen, das nach dem Zweiten Weltkrieg als zweifelhafte Wohnstätte für Heimatvertriebene fungierte.
Einziger Bunker mit Entwicklungskonzept
„Auch der Pfalzplatz soll aufgrund seiner Lage in seiner Nutzung optimiert werden“, betont Hiss. Der unterirdische Bunker selbst könne in einer Variante auch als Tiefgarage umfunktioniert werden. Zudem besäße ein Schutzraum in der Meerfeldstraße mitten im Wohnquartier Lindenhofs Potenzial für ein Bürgerhaus. Die grundsätzliche Entscheidung über die Entwidmung von Schutzräumen liege jedoch bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA), die im Besitz vieler Bunker ist.
Der Pfalzplatzbunker sei derzeit der einzige Bunker in Mannheim mit einem konkreten Entwicklungskonzept. Aber auch für andere Ex-Schutzräume sollen im Rahmen eines städtischen Bunkerkonzepts Entwicklungs- und Nutzungsoptionen erarbeitet werden. „Erste Untersuchungen hinsichtlich energetischer und ökologischer Aspekte wurden bereits veranlasst“, sagt Hiss. Es kommt also Bewegung in die Bunker, sofern sie nicht von ihrer Vergangenheit eingeholt werden.