Ludwigshafener Geschichte(n)
Welche Funktion der Basisstein bei Oggersheim hat
Der 37 Meter hohe Südwestturm der zweitürmigen Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Oggersheim ist in Luftlinie genau 19,794925 Kilometer vom nordöstlichen Turm des Kaiserdoms in Speyer entfernt. Diese wegen ihrer Genauigkeit fast unglaubliche Information kann man am sogenannten Basisstein auf freiem Feld nahe der Autobahn A 650 ablesen.
Vermessungsauftakt vor 200 Jahren
Der Stein wurde vor fast genau 200 Jahren zum Auftakt der amtlichen Vermessung der Pfalz 1149 Meter südlich der Kirche von den bayerischen Behörden am Pfennigsweg aufgebaut. Der knapp 1,50 Meter hohe Sandsteinsockel markiert das Nordende der Grundlinie dieser aufwendigen Landesvermessung. Sein fast identisches südliches Pendant steht mitten im Wohngebiet im Speyerer Norden an der L 534 – wenige Meter links der Straße von Speyer nach Waldsee.
Die vor 200 Jahren gestartete Landesvermessung gilt – so die populärwissenschaftliche Münchener Zeitschrift „Die Pfalz“ in einer detaillierten Darstellung des aus Mutterstadt stammenden Experten Ulrich Magin – noch heute als ingenieurstechnische Großtat. Weil nach der Pfalz-Vermessung die bayerischen Finanzbehörden erstmals die Grundsteuer in ihrem wohlhabenden linksrheinischen Gebiet „Rheinpfalz“ exakt ermitteln konnten, wurde zur Vorbereitung mit dem Steuerrat Thaddäus Lämmle ein Finanzexperte aus München in die Pfalz entsandt. Dort nahm er mit zwei Landvermessern und einigen Soldaten, die fürs „Grobe“ zuständig waren, eine heutzutage kaum noch denkbare Detailarbeit in Angriff. Nachdem er mit der Wallfahrtskirche im Norden und dem Kaiserdom im Süden zwei trotz der Entfernung wechselseitig sichtbare Ausgangspunkte festgelegt hatte, legte er los.
Vier Meter lange Stangen
Mit vier Meter langen Stangen als „Arbeit- und Messgerät“ seiner Assistenten maß er die Entfernung zwischen den beiden späteren Basissteinen auf einer Ideallinie Abschnitt für Abschnitt aus – 3828 Mal mussten seine Helfer die Vier-Meter-Stangen anlegen, ehe schließlich das Ziel erreicht war. Zwischen den beiden etwa 15 Kilometer von einander entfernte Punkten wurden störende Hügel in der Landschaft „platt“ gemacht und Stege über Bäche gebaut – aber nur ein einziger Baum musste gefällt werden. Zwei Monate lang dauerte diese Kärrnerarbeit bei Wind und Wetter, ehe das Resultat nach damaligen Maßeinheiten perfekt war: 6783,87 Ruten waren schließlich abgeschritten und registriert worden.
Per Triangulation, die schon den Arabern 1200 Jahre zuvor bekannt war, wurden die wenigen fehlenden Kilometer und Zentimeter zum Dom und zur Wallfahrtskirche hinzugefügt, so dass es zu einer vor 200 Jahren mathematisch genauen Grundlinie zwischen den beiden Gotteshäusern von 19.795,2800 Metern kam. Triangulation ist eine Abstandsmessung durch Winkelberechnung – also ein Fachgebiet der Mathematik. Die heutige noch geringfügig genauer festgestellte Entfernung ist das Resultat von elektronischer Vermessung. Zum Oggersheimer Basisstein am Pfennigsweg, der vor rund 45 Jahren laut Info auf der Metalltafel an der Frontseite von der Arbeitsgemeinschaft der Oggersheimer Vereine renoviert wurde, kann man bequem spazieren – er liegt nur etwa 800 Meter südöstlich des Backsteinweihers im Westen der BG-Klinik.