Quintessenz RHEINPFALZ Plus Artikel Was uns der D-Day lehrt

 Vor dem 80. Jahrestag des D-Day: Ein Soldat spielt auf seiner Trompete während einer Kranzniederlegungszeremonie in der Normand
Vor dem 80. Jahrestag des D-Day: Ein Soldat spielt auf seiner Trompete während einer Kranzniederlegungszeremonie in der Normandie.

Die Landung der Alliierten in der Normandie jährt sich am 6. Juni zum 80. Mal. Der D-Day gilt als die größte Militäroperation aller Zeiten. 150.000 alliierte Soldaten – Amerikaner, Briten, Franzosen, Polen sowie Kanadier – landeten an nur einem Tag an der Küste. Es war der Anfang der Befreiung Frankreichs, das von Nazi-Deutschland besetzt war.

Wie es der Zufall wollte, haben meine Frau und ich vor zwei Jahren einen Urlaub in der Normandie in einem hübschen Ferienhäuschen an der Küste verbracht. Was wir nicht ahnten: Vor unserer Terrasse lag „Gold Beach“. So lautete der Deckname für diesen Strandabschnitt bei der Landung der alliierten Truppen. Die Briten hatten die Aufgabe, das Küstenörtchen Arromanches zu erobern.

Bei Ebbe zieht sich hier das Meer einige Hundert Meter zurück und gibt den Blick frei auf gewaltige Betonklötze, die sonst vom Wasser des Ärmelkanals umspült werden. Wir rätselten, was es damit auf sich haben könnte. „Das hat bestimmt irgendetwas mit dem Krieg zu tun“, meinte meine Frau, die beste Ehefrau von allen. Die Neugier trieb uns ins D-Day-Museum nach Arromanches.

Dort erfuhren wir, dass die Briten die Aufgabe hatten, einen künstlichen Hafen namens Mulberry-Port zu bauen. Die regulären Hafenstädte befanden sich in deutscher Hand. Die Vorbereitungen für das Mulberry-Projekt hatten 1943 schon über ein Jahr zuvor begonnen. Vorgefertigte riesige Betonhohlkästen mit Seeventilen im Boden wurden nach der geglückten Landung von England über das Meer an die normannische Küste geschleppt. Vor Ort wurden die 115 Betonblöcke geflutet und bildeten tonnenschwere Wellenbrecher sowie drei Landungsbrücken.

Bereits am 14. Juni 1944 – also acht Tage nach dem D-Day – war der Mulberry-Hafen vor Arromanches einsatzfähig. In den folgenden 100 Tagen wurden 400.000 Soldaten, vier Millionen Tonnen Material und 500.000 Militärfahrzeuge an Land gebracht. Ohne diesen Nachschub wäre der Feldzug zur Befreiung Frankreichs schnell vorüber gewesen.

Michael Schmid
Michael Schmid

Noch heute lässt sich die gewaltige Dimension dieses Vorhabens erahnen, wenn man auf einen Hügel klettert und die lang gezogene Meeresbucht mit den noch ganz gut erhaltenen Betonkästen betrachtet. Es gibt in der Gegend auch viele Soldatenfriedhöfe – ein Meer aus weißen Kreuzen. Nach der Landung dauerte die Schlacht um die Normandie noch über zwei Monate. Über 100.000 Menschen, darunter 20.000 Zivilisten, starben in den 80 Tagen.

„Es ist einfach schrecklich, was Menschen anderen Menschen antun“, sagte meine Frau zu mir nach dem Museumsbesuch. Wir waren beide nachdenklich. Der Himmel riss auf, die Sonne schien und eine frische Brise wehte düstere Gedanken fort. Wo früher britische Panzer an Land rollten, fahren heute bei Ebbe französische Traktoren über den Strand zu den Austernbänken. Strandsegler fegen übers Watt. Menschen mit hochgekrempelten Hosenbeinen gehen in der weiten Landschaft spazieren, um die Seele baumeln zu lassen. Es ist ein friedlicher Ort, mit freundlichen Menschen – und auch als Deutscher ist man heute hier gerne gesehen.

80 Jahre ist der D-Day nun her. Ein Tag, der bis heute Auswirkungen hat. Das Ende von Hitlers Schreckensherrschaft in Europa begann. Als Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg wurde eine europäische Friedensordnung geschaffen, mit Deutschland und Frankreich als Partnern. Dieses Europa ist nicht fehlerlos und hat Reformbedarf. Aber wenn man in der Geschichte zurückblickt, ist die Europäische Union bei Weitem das Beste, was den Menschen auf diesem Kontinent widerfahren ist. Die EU hat ihnen Frieden, Freiheit und Wohlstand gebracht.

Wozu Krieg und Nationalismus führen, lässt sich aktuell im Osten Europas beobachten. Am 9. Juni ist Europawahl: Wir sollten unser Wahlrecht nutzen – und Extremisten jeglicher Couleur eine Abfuhr erteilen. Das lehrt uns der D-Day.

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

Mehr zum Thema
x