Bestseller der Buchhandlungen RHEINPFALZ Plus Artikel Was Prinz Harry mit seinen Memoiren „Reserve“ verdient – und welchen Preis er zahlt

Das Cover von Prinz Harrys Memoiren: Die Ähnlichkeit mit denen Andre Agassis ist sicher nicht rein zufällig. Die erste Auflage d
Das Cover von Prinz Harrys Memoiren: Die Ähnlichkeit mit denen Andre Agassis ist sicher nicht rein zufällig. Die erste Auflage der deutschen Ausgabe mit 200.000 Exemplaren war Ende Januar vollständig ausgeliefert.

Unangefochtener Star der Januar-Bestsellerlisten ist allenthalben Prinz Harry. Seine „Reserve“ hat in vier von sechs Buchhandlungen in Ludwigshafen und Mannheim den Spitzenplatz eingenommen. Die „Spiegel“- und „Focus“-Sachbuchlisten führt er ohnehin an. Und es gibt Hochrechnungen, wie sich die Medienkampagne auf sein Bankkonto – und die Beliebtheitsskala – auswirkt.

Der Massengeschmack ist eben so berechenbar, wie es die Verlage annehmen. Das Kalkül des Droemer Knaur Verlags ist wieder einmal aufgegangen, als Sebastian Fitzeks „Mimik“, der soundsovielte Thriller des deutschen „Master of Horror“, im Dezember das umsatzstarke Weihnachtsgeschäft angeführt hat. Im Januar folgt nun Harold, Earl of Sussex, Königssohn und von aller Welt nur Prinz Harry genannt, der – wie die anderen Mitglieder der Royal Family ebenfalls – zu den bevorzugten Objekten der Klatsch- und Tratschpresse gehört. Ursprünglich war die Veröffentlichung ebenfalls schon für das Weihnachtsgeschäft vorgesehen. Der Tod Königin Elizabeths, der Großmutter Prinz Harrys, machte jedoch eine Überarbeitung erforderlich.

Crash der Beliebtheitswerte

Die Spekulation des New Yorker Verlagsriesen Penguin Random House, mit Prinz Harrys Namen einen Weltbestseller zu landen, scheint sich zu erfüllen. Erst seit Anfang Januar auf dem Markt, schießen seine im noch recht lebensfrischen Alter von 38 Jahren veröffentlichten Memoiren durch die Decke. Die deutsche „Spiegel“-Bestsellerliste Sachbuch eroberten sie bald nach ihrem Erscheinen am 10. Januar gleich dreimal: einmal auf Platz eins unter dem Titel „Reserve“ in der deutschen Übersetzung, dann mit dem Originaltitel „Spare“ auf den Plätzen drei und vier in der englischen und US-amerikanischen Fassung.

Die Buchveröffentlichung dürfte sich also auf dem Bankkonto des Herzogs und der Herzogin von Sussex, Harry und seiner amerikanischen Frau Meghan, auszahlen. Dem Ansehen und dem Ruf des Ehepaares allerdings scheint sie weniger förderlich gewesen zu sein. 37 Millionen Euro soll der Verlag dem Prinzen gezahlt haben, davon 20 Millionen als Vorauszahlung. Der Vertrag sieht allerdings auch noch die Autobiographie von Ehefrau Meghan vor. Mit den Netflix-Dokus, in denen das Ehepaar schon seine in der Königsfamilie spielende „Horrorstory“ vermarktet hat, belaufen sich seine Einnahmen auf geschätzte 94 Millionen Euro.

In Beliebtheitsumfragen ist der jüngere Sohn Lady Dianas, der „Königin der Herzen“, seit der Veröffentlichung dafür gewaltig abgestürzt. Und das nicht nur in England, sondern auch in den USA. Würde es sich um Börsenwerte handeln, müsste man wohl von einem Crash sprechen. Die wenigsten nehmen Harry edle Werte wie Wahrheitsliebe und „Schutz“ vor Verleumdungen durch die Presse, die ihn angeblich zur Veröffentlichung veranlasst haben, ab. Dazu gibt es in „Reserve“ zu viele Ungenauigkeiten, Verzerrungen, offenkundige Fehler.

Kampf gegen „Menschenrechtsverletzungen“?

Die amerikanische „Robert F. Kennedy Stiftung für Menschenrechte“ freilich zollte ihm Anerkennung, indem sie dem Ehepaar neben dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenkyj ihren Preis für das Jahr 2022 zusprach, weil es „heroisch“ gegen „Menschenrechtsverletzungen“ im englischen Königshaus angehe. Manche Briten hat diese Einschätzung amüsiert, andere, und es ist die Mehrheit, schlugen die Hände über dem Kopf zusammen oder waren gar empört.

J. R. Moehringer, Harrys Ghostwriter, der schon die Autobiographie des Tennisstars Andre Agassi aufbereitet hat und sich auf gestörte Vater-Sohn-Verhältnisse versteht, ist ebenfalls um eine Million Dollar reicher. Ob solch ein käuflicher Skribent, der um einer reißerischen Darstellung willen engagiert worden ist, nicht fehl am Platze ist, zumal wenn es sich um Memoiren handelt, sei einmal dahingestellt. Denn ein Memoirenleser will ja vornehmlich wissen, mit wem er es da zu tun hat, wie der Schreiber die Worte wählt, wie er die Sache in seiner Erinnerung darstellt. Um das vielzitierte Bonmot des Grafen de Buffon anzubringen: „Der Stil, das ist der Mensch selbst“. In „Reserve“ trägt der Königssohn Kleider, die im Buckingham Palast verpönt sind: Second-Hand-Ware.

Juli Zehs Streitgespräch

Wäre nicht Prinz Harry, hätte Juli Zehs zusammen mit Simon Urban geschriebenes Streitgespräch „Zwischen Welten“ im Januar wohl den ersten Platz eingenommen. Nach „Unter Leuten“ und „Über Menschen“ also wieder ein sprachspielerischer Titel der Schriftstellerin und Verfassungsrichterin. Mit Ilija Trojanow ist sie 2009 in „Angriff auf die Freiheit“ dem Überwachungsstaat und dem zunehmenden Abbau von Bürgerrechten entgegengetreten. In dem Briefroman „Zwischen Welten“ nun geht es um Klimawandel, Agrarpolitik, Energiewende, Ukrainekrieg, Rassismus, Gendern und MeToo, kurz: um alles, was in der Gegenwart auf den Nägeln brennt und die Gesellschaft zerreißt.

Dass Juli Zeh sich wegen ihrer Meinungen auf Twitter Diffamierungen ausgesetzt sieht, wäre eigentlich gar nicht der Erwähnung wert, so alltäglich, fast selbstverständlich sind diese anonymen Pöbeleien in den sogenannten „sozialen Medien“ inzwischen geworden. Nur der Schreiber der hetzerischen Aufforderung „Ihre Bücher sollten verbrannt werden!“ sei an Heinrich Heines prophetischen, aus der historischen Erfahrung der spanischen Inquisition gewonnenen Satz erinnert: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Lesetipp

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Fabian Reinecke von Bücher Bender in Mannheim empfiehlt Jörg Bongs Geschichtsbuch „Die Flamme der Freiheit“ über die 48er Revolution, die sich 2023 zum 175. Mal jährt und Pfälzer und Badener besonders betrifft. Auf 560 Seiten erzählt Jörg Bong vom Beginn der Revolution in Paris, der damals achtgrößten deutschen Stadt, weil es von deutschen Emigranten dort nur so wimmelt. Am 24. Februar 1848 stürzt der König und flieht außer Landes. Die folgenden Tumulte sind das Signal für die unterschiedlichsten Freiheitsbewegungen in Europa und eben auch in den 34 deutschen Staaten.

Jörg Bong schreibt unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec sehr erfolgreiche Bretagne-Krimis. Er versteht es also, Spannung zu erzeugen, weiß Fabian Reinecke: „,Die Flamme der Freiheit’ liest sich wie ein großer Roman.“ Zwei weitere Teile sollen noch in diesem Jahr folgen.

Bestsellerlisten

Buchladen Gartenstadt

1. Prinz Harry: Reserve

2. Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

3. Juli Zeh: Über Menschen

4. Viveca Sten: Kalt und still

5. Dörte Hansen: Zur See

Leseecke Oppau

1. Prinz Harry: Reserve

2. Juli Zeh und Simon Urban: Zwischen Welten

3. Katharina Fuchs: Unser kostbares Leben

4. Erik Axl Sund: Waldgrab

5. Ewald Arenz: Der große Sommer

Thalia in der Rheingalerie

1. Prinz Harry: Reserve

2. Colleen Hoover: Nur noch ein einziges Mal

3. Sebastian Fitzek: Mimik

4. Ayla Dade: Like Snow We Fall

5. Jane Wonda: Very Bad Kings

Buchhandlung Frank

1. Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie

2. Mariana Leky: Kummer aller Art

3. Anne Jacobs: Stay Away From Gretchen

4. Juli Zeh und Simon Urban: Zwischen Welten

5. Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis

Bücher Bender, Mannheim

1. Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis

2. Juli Zeh und Simon Urban: Zwischen Welten

3. Ewald Arenz: Die Liebe an miesen Tagen

4. Raphaela Edelbauer: Die Inkommensurablen

5. Julian Barnes: Elizabeth Finch

Thalia auf den Planken

1. Prinz Harry: Reserve

2. Juli Zeh: Über Menschen

3. Colleen Hoover: Nur noch ein einziges Mal

4. Brianna Wiest: 101 Essays, die dein Leben verändern werden

5. Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

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