Ludwigshafen Was ist Heimat?

91-80488081.jpg

Während viele Theater die Flüchtlingskrise zum Thema machen und als „moralische Anstalt der Nation“ wohlmeinende Betroffenheit und schöne Illusion feilbieten, ist die Comedia Köln eine herzerfrischende Ausnahme. Mit ihrer Produktion „Taksi to Istanbul“ gastierte die Theatergruppe im Ludwigshafener Pfalzbau. In ihrem Stück kommen Kinder und Enkel türkischer Immigranten zu Wort, humorvoll, selbstkritisch, manchmal herzergreifend sprechen sie über ihr Leben in zwei Heimaten. Die Brüche überdeckt coole Schnoddrigkeit.

Die Produktion ist zwei Jahre alt. Spielerisch geht sie eine Grundsituation menschlicher Befindlichkeit an, denn Migration ist so alt wie die Menschheit. Das Produktionsteam fuhr in einem gelben türkischen Taxi durch Köln, um Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund über ihre Vorstellungen von Identität und Heimat zu befragen. Die drei Darsteller sind Nachkommen türkischer Immigranten und Absolventen der Kölner Arturo Schauspielschule. Aus den Antworten der Jugendlichen und den biografischen Erfahrungen der Darsteller haben Hannah Biedermann und Manuel Moser, der auch Regie führt, einen losen Handlungsfaden aus Spielszenen und Erzähltheater geknüpft. Die Darsteller agieren mit fast nichts. Wenn sie nicht gerade einmal kurz und meist mit Ironie tanzen, reden sie ununterbrochen in recherchierten Satzsplittern aus vielen Mündern. Alles passt zusammen, reißt mit, erheitert oder berührt. Unter dem Bühnenspaß liegt ein Hauch von Traurigkeit, und Traurigkeit mutiert zum ausgelassenen Spaß. Klischees und Vorurteile eignen sich vortrefflich für solche Ambivalenz. Sie werden mit viel Laune inszeniert, aber niemals zum Selbstzweck ausgewalzt. Aus dem gelben Taxi wurde auf der Bühne als einzige Ausstattung ein aus rohem Holz gezimmertes Vehikel. Es wird hin- und hergeschoben, auf- und zugeklappt, umgekippt. ist Auto, Eisenbahn, Bus, Imbissbude, Haus. Die drei Akteure tragen orientalisch anmutende Pluderhosen, bunte Turnschuhe und lange Schlabbershirts. Sie spielen die Reise nach Istanbul. Die Stadt am Bosporus ist für die Jugendlichen aus Köln eine Art Traumziel: riesengroß, wunderschön und alle Menschen sind nett und entspannt. Was würden sie im Gepäck der Gefühle mitnehmen? „Den Dom und den Karneval“, sagt Sibel. „Unterhosen“, sagt Harun, „denkt doch praktisch.“ Gespielt wird mit nichts, und was gespielt wird, ist meist widersprüchlich, manchmal so absurd, dass einer der Drei nicht folgen kann. „Stell es dir einfach vor“, sagen dann die beiden anderen. Die Darsteller sind in Motivation und Spiel bühnenwirksam gegeneinander abgesetzt. In ihre Figuren ist viel von der eigenen Biografie eingeflossen; das macht sie authentisch. Sie fühlen sich in Köln daheim. Istanbul ist ein undeutlicher Traum, von dem sie nicht wirklich wissen, ob sie ihn überhaupt träumen wollen. Sibel Polat ist wie ihre Figur noch in der Türkei geboren, als Kurdin, aber Kurdistan als einen eigenständigen Staat gibt es ja nicht. Trotz Schlabberhemd wirkt sie mädchenhaft. Sie agiert ausgleichend und bekennt sich zu ihren tiefen Gefühlen. Sie möchte nach Istanbul, weil dort ihr geliebter Großvater begraben liegt, der 1963 als Gastarbeiter nach Deutschland kam. Harun Ciftci und Faris Metehan Yüzbasioglu sind in Deutschland geboren. Harun kehrt den Macho hervor, cool den echten, lächerlich dessen Karikatur. Er ist abwechselnd Türke, bei Tanzen und Anmache oder als Sultan, und Deutscher als Obrigkeitsperson und Kompassfreak. Er will in Istanbul einfach nur Urlaub machen. Faris ist der Clown. Er macht das Navi und das Radio, dem auf den Kopf gehauen wird, um es zum Schweigen zu bringen. Er weiß eigentlich überhaupt nicht, was er in Istanbul will. In dem schnurrigen Fantasie-Roadmovie gehen nur die Gefühle und Gedanken auf Reisen, die Reisenden selbst bleiben in Köln. „Ich will meinen Großvater noch öfter besuchen“, sagt Sibel. Gemeinsam stellen sie sich vor, die eine Hälfte ihres Lebens in Köln, die andere in der Türkei zu verbringen. Aber wenn sie einmal alt sind, wollen sie in Köln leben und wie ihre Landsleute auf der Bank sitzen oder auf einem Kissen im Fenster liegen und das Leben in Deutschland betrachten.

x