Ludwigshafen
Was hinter dem neuen Konzept für den Freischwimmer steckt
Auf dem Rasen im Innenhof zieht ein automatischer Mähroboter seine Runden. Aus einem Gebäudeflügel wird gerade ein digitaler Firmenworkshop übertragen, aus dem früheren Lehrschwimmbecken sind Cello-Klänge zu hören. Von hier aus streamt die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz derzeit einmal wöchentlich ihr Digitales Klassenzimmer, in dem Instrumente – coronabedingt per Video – vorgestellt werden. In anderen Räumen sitzen unterdessen Unternehmer an Coworking-Arbeitsplätzen.
Die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL) hatten Anfang 2017 mit dem Umbau des früheren Hallenbads Nord in der Pettenkoferstraße begonnen, um daraus ein Gründerzentrum zu machen. Zwischenzeitlich sollte auch mal das Stadtmuseum einziehen. Von beidem ist inzwischen keine Rede mehr. Der neue Geschäftsführer der Freischwimmer GmbH, Jozua Knol, und sein kleines Team wollen das Haus als Innovations- und Kulturzentrum etablieren.
Firma ist TWL-Tochter
Die Freischwimmer GmbH ist eine hundertprozentige Tochter der TWL und Jozua Knol seit November Geschäftsführer. Der 61-Jährige hat einen denkbar ungewöhnlichen und vielfältigen Lebenslauf. Dieser vereint namhafte Stationen im Bereich Medien und Kultur – so etwa bei Sony Music und der Bertelsmann Music Group – mit führenden Tätigkeiten im Energiesektor, darunter bei Total und Gazprom Energy. „Es ist nicht einfach, aber eine Chance“, habe er gedacht, als er auf die freie Stelle in Ludwigshafen angesprochen wurde. Die Aufgabe habe ihn gereizt. Zur Stadt hat der gebürtige Holländer, der viel rumgekommen ist und heute mit seiner Familie im Rheingau lebt, eine besondere Beziehung. Seine Jugend habe er in Frankenthal verbracht, berichtet Knol, und sei damals regelmäßig zu Konzerten in die Eberthalle gegangen.
Einfach ist die Aufgabe, aus dem Freischwimmer etwas zu machen, in der Tat nicht. Keines der vorherigen Konzepte ist auch nur ansatzweise in Gang gekommen, zumal ein Teil des historischen Areals immer noch Baustelle ist. Auch das soll sich bald ändern. Die Arbeiten am Außenbereich befänden sich in den letzten Zügen. Auch der bislang leere linke Gebäudeflügel soll mit Leben und langfristigen Mietern gefüllt werden. Der obere Teil soll für ein Jahr, der untere gleich für zehn Jahre belegt werden – mit wem, das verrät Knol noch nicht.
Hochkarätige Experten
Neben allen kreativen Ideen geht es Knol darum, den Freischwimmer wirtschaftlich zu betreiben. Dazu setzt er auf vier Säulen. Einerseits auf Vermietung der Räume an Dritte, zum Beispiel für Seminare oder als Büroflächen. Daneben sollen in einer „Academy“ Fortbildungen angeboten werden und als dritte Säule Vortragsreihen Interessierte gegen Eintritt zu gesellschaftlich relevanten Themen zusammenbringen. „Ich möchte nicht, dass der Freischwimmer provinziell ist“, sagt Knol und will sowohl für die Academy als auch für Vorträge „hochkarätige Experten aus dem gesamten Bundesgebiet“ gewinnen. Referiert werden soll über gesellschaftliche Veränderungen, über die Energiewende, urbanes Leben und vieles anderes. Um an bekannte Redner zu kommen, soll ihm auch das Netzwerk helfen, das er bei seinen früheren Tätigkeiten aufgebaut hat.
Die vierte Säule ist die Kultur. Im Sommer sollen die ersten Klassikkonzerte im Innenhof stattfinden, unter anderem mit dem Hindemith-Quartett, auch mit der Staatsphilharmonie. Jazz und Pop werden im Hallenbad ebenfalls erklingen. Daneben sind Weinseminare geplant – und coronabedingt auch virtuell möglich. Und Jozua Knol möchte die Städtepartnerschaft mit Antwerpen wiederbeleben und Verbindungen vom Freischwimmer aus in diesen „Hotspot für Kreative und Wachstumsunternehmen“ schaffen. „Ich glaube, dass das, was wir jetzt machen, passt“, sagt er bei einem Rundgang durch die Räume, die ganz bewusst den Charme des alten Hallenbads weiterleben lassen. „Jeder der hier rein kommt, sagt: Wahnsinn!“, ergänzt er. Nun soll dazu passend dauerhaft Leben in das Gebäude einziehen.
Einwurf: Viel Erfolg!
Ende 2016 als ambitioniertes Projekt enthusiastisch vorgestellt, hat der Freischwimmer viele Tiefpunkte hinter sich. Lange bauliche Verzögerungen, mehrere grundlegende Konzeptänderungen, häufig wechselndes Personal und nicht zuletzt horrend gestiegene Baukosten, die zwei TWL-Vorstände den Posten gekostet haben. Nun tritt Jozua Knol als neuer Geschäftsführer mit seiner Idee von einem Innovations- und Kulturzentrum an. Ob das zum Erfolg führt? Dieser schönen und ganz besonderen Immobilie und ihrem motivierten Team ist es zu wünschen. Beide hätten es verdient.