Ludwigshafen / Dannstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Was die Tuning-Szene antreibt – und wie die Polizei damit umgeht

Egal ob Anfang 20 oder Mitte 40: die Leidenschaft für Autos verbindet.
Egal ob Anfang 20 oder Mitte 40: die Leidenschaft für Autos verbindet.

Zu laut und zu schnell – so sehen viele die Tuningszene. Doch hinter auffälligem Lack steckt oft mehr als Show. Was treibt die Szene an? Und wie geht die Polizei mit ihr um?

Der Himmel über dem Dannstadter Gewerbegebiet hängt schwer und grau. Der Regen hat den Asphalt in eine spiegelnde Oberfläche verwandelt. Die Lichter der Werkstätten flackern auf der nassen Straße, als ein tiefes Grollen die Stille zerreißt – kein fernes Gewitter, sondern der Sportauspuff eines violett folierten VW Golf. Das vibrierende Brummen hallt an den Blechwänden der Lagerhallen wider. Behutsam manövriert der Fahrer seinen tiefergelegten Wagen vom Bordstein – nichts darf schleifen.

Die Felgen glänzen, unter der Motorhaube warten rund 500 PS auf ihren Einsatz. Mit dem kompakten Familienauto, als das der Golf einst vom Band rollte, hat dieses Unikat nur noch wenig zu tun. „Da steckt so viel Geld drin wie in mancher Eigentumswohnung“, sagt Jose Lorenz, der Mann hinter dem Lenkrad. Der 43-Jährige betreibt eine Folier-Werkstatt in Dannstadt – und lebt seine Leidenschaft für Autos.

Angefangen hat er als Jugendlicher mit Freunden: „Wir saßen stundenlang in der Garage und haben an unseren Mopeds geschraubt – bis sie liefen“. Wenn er hinter dem Steuer seines Golfs sitzt, fühle er sich in diese Zeiten zurückversetzt: „Auch als Erwachsener muss man manchmal noch das Kind in sich rauslassen.“

„Sehen und gesehen werden“

Für Lorenz gehört zum Tuning vor allem eines: „Sehen und gesehen werden“. Ziel sei es, das eigene Auto zu präsentieren, zugleich aber auch die Arbeit von anderen zu würdigen. Klar grenzt er sich und die Tuningszene dabei von sogenannten Posern ab: „Klar fahre ich auch mal an der Eisdiele vorbei und gebe ein bisschen Gas – aber keine zehn Runden am Stück, immer und immer wieder“. Das unterscheide technikverliebte Tuner von Posern, die im Grunde nur Angeben wollen.

Auch Alexander Lehmann kennt die beiden Gruppen. Der 32-Jährige aus der Führungsgruppe der Polizeidirektion in Ludwigshafen hat sich auf getunte Fahrzeuge spezialisiert. „Wir wollen die Szene differenziert betrachten und nicht alle über einen Kamm scheren“. Die Polizei wisse, wer seine Fahrzeuge legal umbaut – und wer nur auffallen will und dabei andere gefährdet.

Kennt sich mit getunten Autos aus: Polizeibeamter Alexander Lehmann.
Kennt sich mit getunten Autos aus: Polizeibeamter Alexander Lehmann.

Während Ludwigshafen kein Hotspot für Tuner sei, sehe die Lage in Mannheim anders aus, berichtet Lehmann. Die Polizei aus der Nachbarstadt reagiere darauf mit verstärkten Kontrollen. Eine Verschiebung der Szene über den Rhein sie aber nicht zu beobachten: „Es gibt trotz der vielen Kontrollen in Mannheim keinen erkennbaren Verdrängungseffekt von dort.“ Falls das doch irgendwann passieren sollte, so der Beamte, sei die Polizei in Ludwigshafen gut aufgestellt.

Die Beamten sind gefragt

Tuning ist ein komplexes Thema – und verlangt ein hohes Maß an technischem Verständnis. Lehmann bringt sechs Jahre Erfahrung im Streifendienst in Speyer mit und hat seinen Blick für Modifikationen an Autos geschärft. Zusätzlich besucht er regelmäßig Aufbauseminare an der Hochschule der Polizei, um sich auf dem Gebiet weiterzubilden.

Die Auswahl an Anbauteilen sowie Anbietern sei riesig. Um bei Kontrollen fair zu urteilen und mit Tunern auf Augenhöhe zu sprechen, müsse man technisch immer auf dem neuesten Stand sein, erklärt Lehmann. Für den 32-Jährigen steht fest: „Ich interessiere mich schon lange für Autos und getunte Fahrzeuge können sicherlich auch gut aussehen – die Verkehrssicherheit steht aber immer an erster Stelle“.

Zurück im Dannstadter Gewerbegebiet: Der 21-jährige Jan und der 19-jährige Pascal sind ebenfalls autobegeistert. Beide haben ihre Autos in Eigenarbeit umgebaut – unterstützt von Freunden und Videos im Netz. „Die Szene ist gut vernetzt – da findet sich immer jemand, der hilft“, sagt Jan. Sein BMW bekam unter anderem eine neue Auspuffanlage und neue Felgen – Kosten: rund 6000 Euro.

Dass Tuning in der öffentlichen Wahrnehmung oft kritisch gesehen wird, überrascht die jungen Tuner nicht. „Es gibt leider immer ein paar Leute, die es übertreiben müssen – noch lauter, noch schneller“, erklärt Pascal. Die Folge sei ein pauschales Urteil für die ganze Szene.

Transparenz bei Kontrollen

Mit der Polizei haben Jan und Pascal bislang überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Werkstattbesitzer Lorenz hingegen kennt auch andere Momente: „Ich werde mit dem gleichen Auto 20 Mal kontrolliert, alles ist in Ordnung – aber bei der 21. Kontrolle findet plötzlich doch jemand was. Das kann doch nicht sein“.

Polizeibeamter Lehmann versteht den Frust teilweise, kennt aber auch die andere Seite. „Nicht jeder Kollege hat denselben Wissensstand – besonders bei einem technisch so komplexen Thema wie Tuning.“ Da falle ein Detail manchmal nicht direkt auf. Die Polizei setze auf Transparenz und Aufklärung, um auf potentielle Gefahren durch das Tuning aufmerksam zu machen.

Der violette Golf hat mittlerweile den zweiten Bordstein ohne Kratzer überstanden und reiht sich neben Jans BMW und Pascals Audi ein. Langsam weichen auch die dunklen Wolken und es zeigt sich wieder etwas Blau am Himmel. Wie auf Kommando holen die Tuner ein paar Campingstühle aus ihren Kofferräumen und setzen sich im Halbkreis vor ihre Autos – Zeit zum Fachsimpeln.

„Egal ob Anfang 20 oder Mitte 40 – unsere Leidenschaft bringt uns zusammen“, sagt Lorenz. Für Auto-Enthusiasten gebe es immer etwas zu verbessern. Und manchmal ist der schönste Moment nicht die Fahrt selbst, sondern das Gespräch mit Gleichgesinnten danach – wenn die Motoren längst schweigen.

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