Ludwigshafen
Was die Lebenshilfe Ludwigshafen seit 60 Jahren leistet
„Der Bär sitzt auf dem Bett. Ich habe ein Bett und ein Bad.“ So beschreibt Helga Böhm ihr Zimmer im Hedy-Erlenkötter-Haus in Oggersheim. Die Lebenshilfe, die das Wohnhaus für Menschen mit geistiger Behinderung betreibt, feiert in diesem Jahr 60. Geburtstag. Nicht nur Puzzelchen, den Bären, hat Böhm zum Gespräch mit der RHEINPFALZ mitgebracht, sondern auch einige gerahmte Fotos, die sonst in ihrem Zimmer hängen – Bilder aus ihrem Leben in der Wohngruppe.
Eine große Geburtstagsparty mit vielen Menschen und gemeinsamem Essen ist wegen der Corona-Krise in diesem Jahr nicht möglich. Doch einen Rückblick ist das Jubiläum der gemeinnützigen Organisation, die Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung 1961 gründeten, unbedingt wert. Rund 500 Menschen betreut und beherbergt die Lebenshilfe in ihren Einrichtungen und mit ihren Diensten von Bobenheim-Roxheim und Frankenthal über Ludwigshafen und Böhl-Iggelheim bis nach Speyer.
Es gilt das Normalitätsprinzip
Vier lächelnde Frauen malt Böhm während des Gesprächs über die Geschichte der Ludwigshafener Lebenshilfe. Zu sehen sind Silke Methe, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Ludwigshafen, Angelika Hoffmann, die erste Vorsitzende des Vereins, Judith Heer, Vorsitzende der Stiftung der Lebenshilfe, und Sabine Wieczorek, Leiterin des Kurt-Hahn-Hauses in Maxdorf. Hoffmann und Heer haben selbst Kinder mit geistiger Behinderung. „Menschen mit geistiger Behinderung behandeln, wie jeden anderen auch“, so beschreibt Wieczorek das Normalitätsprinzip, eines der Konzepte der Lebenshilfe.
Dazu gehört auch, zu arbeiten. „Ich habe immer das Geschirr gespült“, berichtet Rosi Wetzstein aus dem Wilhelm-Hiemenz-Haus in Maxdorf von ihrer früheren Arbeitsstätte. Jetzt ist sie in Rente. Gern guckt sie Quizsendungen im Fernsehen, spielt Mensch-ärgere-dich-nicht und Kniffel. Die Zimmer, die die Menschen mit Behinderung alleine bewohnen, dürfen sie nach eigenem Geschmack einrichten. „Alles in Pink oder alles voll mit FCK ist zu finden“, erzählt Wieczorek. In ihrer Freizeit besuchen sie die Spiele des 1. FC Kaiserslautern oder der Friesenheimer Eulen, gehen ins Konzert oder in die Disco oder spielen Bingo.
400 Mitarbeiter
Die Lebenshilfe möchte Menschen mit geistiger Behinderung und deren Angehörige in verschiedenen Lebensabschnitten unterstützen. Ihr Angebot mit rund 400 Mitarbeitern umfasst den Wohnbereich mit stationären und ambulanten Formen, drei Tagesförderstätten, die Hausfrühförderung, die Integrative Kindertagesstätte „Sonnenblume“ und die Offenen Hilfen. „Born to be wild“ – sogar das Lebensgefühl der Biker können Menschen mit geistiger Behinderung als Sozius auf den Maschinen vom Motorradclub „Kuhle Wampe Vaganten“ erleben, der sich bei der Lebenshilfe ehrenamtlich engagiert.
Doch noch immer gebe es Zeitgenossen, die mit Unverständnis auf Behinderte reagieren, die in der Öffentlichkeit unartikulierte Laute von sich geben. Aus einer Arztpraxis sei eine Gruppe ohne Masken während der Corona-Krise hinausgeworfen worden. „Unsere Schützlinge verstehen oft nicht, dass Abstand und Bedeckung von Mund und Nase wichtig ist“, berichtet Geschäftsführerin Methe. „Das muss ein Arzt doch wissen“, meint Wieczorek.
Kaum Über-75-Jährige
Es ist wichtig, dass Menschen mit Behinderung mit ihren Bedürfnissen und Eigenheiten sichtbar sind und für die Umgebung Teil des Alltags werden. Doch nur wer unsichtbar blieb, überlebte einst die Euthanasieprogramme der Nazi-Zeit, in denen Menschen mit Behinderungen als „unwertes Leben“ umgebracht wurden. Daher sind nur wenige Menschen mit Behinderung über 75, konstatiert Heer. „Nach dem Krieg hatten viele Eltern Angst, sich zu outen“, berichtet Hoffmann. Erst Ende 1958 gründete sich in Marburg der erste Ortsverband der Lebenshilfe. „Die Eltern suchten Bildung und Betreuung für ihre Kinder. Als die erwachsen wurden, brauchten sie Arbeitsmöglichkeiten. Je früher sie ihr eigenes Leben leben, desto weniger trauern sie, wenn die Eltern sterben“, weiß Judith Heer, Vorsitzende der Stiftung der Lebenshilfe.
Das Wegsterben der Gründergeneration stellt den Verein vor große Probleme. „Wir brauchen mehr Ehrenamtliche, jüngere Mitglieder“, beschreibt Silke Methe die Herausforderung. Die Geschäftsführerin berichtet auch von zahlreichen Problemen durch das Bundesteilhabegesetz, das Menschen mit Behinderungen eigentlich das Leben leichter machen soll. Viele Bauvorschriften und Genehmigungsverfahren verschiedener Behörden verzögern zudem eigentlich notwendige Bau- und Renovierungsarbeiten. In der Zukunft stehe zum Beispiel ein großer Umbau des Hedy-Erlenkötter-Hauses in der Mörikestraße in Oggersheim an. Gerne würde die Stiftung zudem im Bereich des Kurt-Hahn-Hauses das Raum-und Betreuungsangebot mit einem Neubau auf dem Grundstück in Maxdorf erweitern.