Leichtathletik
Warum Samantha Borutta die Königin im Käfig ist
Entschlossen geht Samantha Borutta jedes Mal in den Wurfring. Dass dieser in Braunschweig nass ist, zwischendurch immer wieder von Helfern mit Handtüchern trockengerieben wird, stört die junge Dame nicht. Sie hatte solche Wetterkapriolen zuletzt ins Training eingebaut beziehungsweise einbauen müssen. Dreieinhalb Umdrehungen und – zack: der Hammer fliiiiegt. Auf 69,08 Meter im ersten Versuch, dann 68,40, 67,27, 67,81 Meter. Alle Würfe reichen zum Sieg, aber Samantha Borutta kennt die Fähigkeiten einer Carolin Paesler, der sie vor einem Jahr an gleicher Stelle noch unterlegen war. „Die anderen können auch über 70 Meter werfen. Ich kann aber nur beeinflussen, wie weit ich werfen kann“, sagt sie sich. Vor, während und nach dem Wettkampf.
Der fünfte Versuch ist ungültig. Sie weiß nicht, dass ihr Vater und Trainer Peter, der Ex-Ringer beim VfK Schifferstadt, im RHEINPFALZ-Gespräch auf der Tribüne sagt: „Sie wird heute 70 Meter werfen“. Aber sie weiß, dass sie es kann – und will!
Immer wieder ruft Peter Borutta während des Wettkampfs seine Tochter „Samy“ zu sich und bespricht mit ihr den Wurf, nachdem er sich mit seiner Frau Annette, „Samys“ zweiter Trainerin, abgestimmt hatte. Denn: Vier Augen sehen mehr als zwei. „Sie muss versuchen, mit dem rechten Fuß mehr Druck zu machen, damit sie wieder vor den Hammer kommt, um beim Abwurf richtig zu ziehen“, sagt Peter. Das ist eine der Erklärungen für eine Optimierung.
Alles legt sie in den letzten Wurf. Mit großem Willen, mit hoher Drehgeschwindigkeit schleudert sie das 4-kg-Gerät in den Wolkenhimmel. Es landet hinter dem weißen Band, das die 70-m-Marke kennzeichnet – 70,56 Meter. Peter und Annette Borutta umarmen sich kurz. Geschafft! Die Mama hatte zu keiner Minute während des Wettkampfs ihre Tochter aus den Augen verloren. Es ist ein blindes Verstehen.
Carolin Paesler (66,78 m) bleibt dieses Mal nur die Silbermedaille. Seit ihrem Wechsel von der TSG Mutterstadt zu Bayer 04 Leverkusen sind Paesler und Borutta Teamkolleginnen. Sophie Gimmler (LC Rehlingen; 65,39 m) wird Dritte.
„Der Titel ist krass, die 70-m-Marke sind mir lieber“
Nach dem Sieg übt sich Samantha Borutta, die am Wochenende davor Team-Europameisterin geworden war, sonntags zurückkam und montags schon wieder im Mutterstadter Wurfkäfig stand, im Interviews geben. „Der Start bei der Team-EM war ein tolles Erlebnis, das mir jetzt noch einmal geholfen hat, dass ich heute weit geworfen habe“, sagt sie. „Ich wusste, ich hab’s drauf, ich muss es nur abrufen“, sagt sie. „Der Titel ist krass, aber die 70-m-Marke sind mir lieber“, sagt sie. „Mein Augenmerk liegt jetzt auf der U23-EM“, sagt sie. Und: „Wenn es mit Tokio klappen würde, wäre es grandios und ich nehme es auch gerne mit.“ Sagt sie. Dafür müsste sie demnächst knappe zwei Meter weiter werfen. Momentan liegt sie in der Weltjahresbestenliste auf Platz 31.
Viel näher sind ihr aber die U23-Europameisterschaften im Juli in Tallinn. Die Team-Europameisterin, die bereits vor zwei Jahren Silber bei den U20-Europameisterschaften im schwedischen Boras gewonnen hatte, wird als Favoritin dorthin fliegen. „Ich setze mir keine Weite als Ziel für die U23-Europameisterschaften. Aber ich weiß, dass ich noch mehr drauf habe“, gibt sie sich sehr zuversichtlich. Sie hat ein sehr hohes und konstantes Niveau erreicht. Es scheint, als könne sie von nichts erschüttert werden. Fürs erste freut sie sich, dass sich ihre harte, unermüdliche, konzentrierte Arbeit im Training auszahlt. Für das Gespräch bedankt sie sich: „Es ist schön, dass meine Leistung so gewürdigt wird.“