Menschen aus der Stadt
Warum Marco Lalli keine Sonntage mag
„Ich mag gern das Leben um mich herum“, sagt Marco Lalli vor dem Carl-Bosch-Gymnasium in der Ludwigshafener Innenstadt, das er als Kind besucht hat. Wenig Leben findet man vor der Schule und rings um das Rathaus-Center an einem Dienstag während des Corona-Lockdowns im Herzen der City. Die Menschen halten Abstand. Nur an den Augen kann man die Stimmung der Menschen, deren Münder und Nasen von Masken bedeckt sind, erahnen. Von den Erfahrungen und Stimmungen während des ersten Lockdowns erzählt Lallis neues Buch „Als wäre immer Sonntag“, das im Januar dieses Jahres im Springer Verlag erschienen ist.
Die Form eines fiktiven Tagebuchs hat der Autor gewählt, der Geschäftsführer und Inhaber von Sociotrend, einem Sozialforschungsinstitut, ist. Der Ich-Erzähler ist wie Lalli Sohn italienischer Einwanderer, der in Ludwigshafen aufgewachsen ist und in Heidelberg lebt. Nicht nur die Lage in der Metropolregion und in Deutschland, sondern auch die Situation in Italien beleuchtet das Buch aus dieser Perspektive.
Fiktives Tagebuch
Marco Lalli mag keine Sonntage. „Sonntage sind langweilig, sie sind deprimierend, sie bedeuten Stillstand und Einsamkeit, sie sind ein Vorgeschmack auf den Tod“, erfährt man vom Ich-Erzähler des fiktiven Tagebuchs „Als wäre immer Sonntag“. Wie Lalli arbeitet er gern und viel, auch am Sonntag, und am liebsten mit Zahlen. Schon als Kind in Edigheim und in der Pfingstweide ziehen ihn Tabellen, Grafiken und Diagramme magisch an. Rationalisierung sei für ihn eine Möglichkeit, mit Ängsten und Bedrohungsgefühlen fertig zu werden, analysiert der promovierte Sozialpsychologe sich selbst.
Zahlen und Daten aus Italien und Deutschland fügt er in seinem Buch zusammen und macht so den Beginn der Pandemie und ihre Ausbreitung verständlich. Dabei hilft ihm seine Zweisprachigkeit. Intensiv verfolgt der Ich-Erzähler nicht nur die deutsche, sondern auch die italienische Presse und schaut so über den nationalen Tellerrand.
Bei der BASF Schicht geschafft
„Ich konnte kein Wort Deutsch“, erinnert sich Lalli an seine erste Zeit als Siebenjähriger fern der Heimat. Doch in der Lessingschule in Edigheim half ihm eine Lehrerin Anfang der 1960er-Jahre mit selbstgemalten Bildern zu den deutschen Begriffen. „Sie hat uns zwar mit dem Stock verdroschen, aber sie hat sich meiner angenommen“, erzählt er.
Seine Mutter lernte die deutsche Sprache gleich mit. Wie auch die Großmutter war sie Lehrerin. Großvater und Vater veröffentlichten Gedichte. Während die Familie in Massa in Italien in gutbürgerlichen Verhältnissen lebte, arbeitete sie sich in Deutschland von ganz unten hoch. In Ludwigshafen schaffte Lallis Vater Schicht bei der BASF.
Auf die konservative Knabenschule
Auf den Straßen von Edigheim, den Feldern und Baustellen, wo später die Pfingstweide entstand, spielte Lalli, wenn er die Hausaufgaben fertig hatte. Als eines von wenigen Kindern aus seiner Klasse bekam er eine Gymnasialempfehlung. Doch am Carl-Bosch-Gymnasium, damals eine konservative Knabenschule, hatte er es als Gastarbeiterkind nicht leicht. „Bei mir wirst du nie etwas Besseres als eine Fünf bekommen“, drohte ein Deutschlehrer. Ob er Lallis weiteren Lebenslauf verfolgt hat, ist nicht überliefert.
Lalli machte am Albert-Einstein-Gymnasium in Frankenthal Abitur, studierte in Heidelberg, promovierte in Darmstadt und betrieb viele Jahre Lehre und Forschung an deutschen Hochschulen, bevor er im Jahr 2002 seine Firma Sociotrend gründete. Mehrere Bücher hat er schon vor „Als wäre immer Sonntag“ veröffentlicht. Sie haben so schöne Titel wie „Himmelsleiter“ und „Die Nacht wird deinen Namen tragen“.
Schwärmerei im Schneeschauer
Für einen Jugendroman mit autobiografischen Zügen sucht Lalli einen Verlag. Er spielt in Ludwigshafen, der Stadt, mit der Lalli immer noch viel Schönes verbindet. Der Held arbeitet im Sommer nach dem Abitur als Werkstudent in einer großen Chemiefirma, erlebt seine erste Liebe und braust mit dem Motorrad nach Italien. „Die Welt ist offen. Sie liegt vor mir“, schwärmt Lalli im Schneeschauer vor dem Rathaus-Center. Ein Traum, den in Corona-Zeiten viele träumen.