Ludwigshafen / Mannheim Warum eine S-Bahn im Oktober frohe Weihnachten wünscht

„Frohe Weihnachten“: Ein schöner Wunsch, der im Oktober aber vielleicht etwas zu früh kommt.
»Frohe Weihnachten«: Ein schöner Wunsch, der im Oktober aber vielleicht etwas zu früh kommt.

Lebkuchen und Adventskalender stehen im Supermarkt – daran hat man sich gewöhnt. Dass aber eine S-Bahn Anfang Oktober frohe Weihnachten wünscht, ist doch noch etwas Besonderes. Haben wir den „Polarexpress“ am Mannheimer Hauptbahnhof gesehen?

Auf einem Abstellgleis am Mannheimer Hauptbahnhof, kurz vor der Auffahrt zur Adenauer-Brücke nach Ludwigshafen, steht eine S-Bahn. Die Anzeigen irritieren ein wenig. „Frohe Weihnachten“ steht dort, wo normalerweise „Osterburken“ oder „Neustadt/W“ steht. Vorne in der Fahrerkabine brennt Licht, ein Mitarbeiter geht um das Fahrzeug. Er trägt aber normale Dienstkleidung – kein „Hohoho“, kein roter Mantel und kein Rauschebart.

Nun wäre es ein billiger Scherz, das so oft gescholtene Transportunternehmen abzuwatschen mit einem Satz wie: „Nach allen Verspätungen war diese Bahn gleich über zwei Monate zu früh.“ Das haben weder der S-Bahn-Fahrer nocht sein Unternehmen verdient. Nein, im Ernst: Ist es nicht ein schönes Zeichen, wenn eine Bahn – und zumindest Jungs haben doch gerne an Weihnachten mit kleinen, schön leuchtend-roten Lokomotiven gespielt – ein frohes Fest wünscht?

Nächster Halt: Nordpol?

Man hätte einsteigen sollen. Eine Bekannte wollte immer einmal wissen, wie es so in Osterburken ist und ist vor einem Jahr mit einer S-Bahn glatt durchgefahren bis zum Endhaltepunkt. Ihr Fazit damals: „Ist halt ein Endhaltepunkt. Aber jetzt weiß ich wenigstens, wo Osterburken liegt.“ Wohin uns die „Frohe Weihnachten“-Bahn gebracht hätte?

Vielleicht eine Geschichte wie diese: „Ein Junge, der nicht an den Weihnachtsmann glaubt, liegt in seinem Bett und kann nicht schlafen. Zu neugierig ist er, ob er nicht vielleicht doch den Schlitten des Weihnachtsmanns hören kann. Der kommt zwar nicht, doch dafür steht der Polarexpress vor der Tür. Auf den Jungen wartet eine außergewöhnliche Fahrt zum Nordpol, bei der er viele andere Passagiere trifft und lernt, dass Wunder nie enden, solange man nur an sie glaubt.“ Das ist die Geschichte des Films „Polarexpress“ mit Tom Hanks als Zeichentrick-Figur.

Wo normalerweise das Fahrziel steht, ist bei dieser S-Bahn ein Wunsch zu lesen.
Wo normalerweise das Fahrziel steht, ist bei dieser S-Bahn ein Wunsch zu lesen.

Man stelle sich vor: Mannheim – Ludwigshafen – Korvatunturi. Das ist ein kleiner Ort in Finnland, wo angeblich der Weihnachtsmann wohnt. Nach Auffassung der Finnen jedenfalls. Es wird allerdings auch behauptet, er lebe in Rovaniemi, vor allem seitdem dort 1998 ein „Santa-Park“ eröffnet wurde, wo man praktischerweise ganz viel Weihnachtsdeko kaufen kann. Ganz einig ist man sich in Finnland auch mit den Nachbarn nicht: Nach Überzeugung der Schweden lebt der Weihnachtsmann im schwedischen Dalarna. So, so oder so: Alles exotische Ziele, die man an einem kalten, regnerischen Dienstag gerne sehen würde. Denn: Die Reise ist das Ziel – und Wunder enden nie, solange man nur an sie glaubt, wie es im Film heißt.

Die Pressestelle der Deutschen Bahn in Frankfurt glaubt nicht an Wunder. Wie es zu der Anzeige kam und ob diese vom Fahrer frei eingetippt werden kann – man will nachfragen „bei den zuständigen Stellen“, wie es auf mehrere Nachfragen heißt. Aber: Die Auskunft dauert und dauert und wird schlussendlich nur das Weihnachtswunder entzaubern.

Bleibt die Vorstellung, dass der S-Bahn-Fahrer vielleicht doch nach der Begegnung in seine Kabine geklettert ist, Mantel und Rauschebart anlegte und mit „Hohoho“ auf seine Tour ging ... Bestätigt oder widerlegt werden kann das jedenfalls nicht: Aufgrund der Kälte und dem allgemeinen Verbot, Bahnanlagen zu betreten, geschah wohl alles unbeobachtet vom Blick eines Zeitungsredakteurs. Der glaubt aber manchmal noch an Wunder, an frohe Weihnachten und Vernunft auf Erden. Und hofft, dass die Weihnachtsbahn bald zurückkommt.

Nachtrag

Weil es bestimmt zumindest den Teil der Leser interessiert, der als Kind noch mit den kleinen Modellbahnen gespielt hat und immer wissen wollte, wie das im Großen so funktioniert: Die Pressestelle der Deutschen Bahn hat geantwortet und eine Illussion zumindest teilweise zerstört. „Unsere Triebfahrzeugführerinnen und Triebfahrzeugführer können in unseren Zügen aus verschiedenen vorgegebenen Sonderzielen wählen“, teilt man mit. Neben den betrieblich notwendigen Anzeigen (so sind beispielsweise alle Knotenbahnhöfe im Netz hinterlegt) gibt es auch diverse weitere Ziele, die auf Knopfdruck angezeigt werden. Dazu zählen „Frohe Ostern!“ und „Frohe Weihnachten!“ – aber auch „Zug schläft!“ oder „Zug macht Pause!“ – Warum aber ausgerechnet „Frohe Weihnachten“ angezeigt wurde ... das bleibt weiter ungeklärt.

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