Menschen aus der Stadt
Warum ein Modellbauer neun Schiffe verschenken möchte
„Verschenken“ möchte John Marshall seine ganze Armada „zum Beispiel an eine Kinder- oder Jugendstätte, ein Kinderheim“. So sollen seine Schiffe am Besten „eine Institution“ anlaufen, „wo sie vielleicht ein bisschen Freude bieten werden“. Gleichzeitig betont Marshall, „dass die Modelle keine Spielzeuge und nur als Deko zu betrachten sind“. Am liebsten würde er „alle auf einmal abgeben“.
Hölzern ist der Rumpf von Katharina M. – wie auch der größte Teil der Aufbauten des bis auf die Takelage detaillierten Zweimast-Seglers, wie Erbauer John Marshall erläutert. Neben Katharina M. sind auch noch andere der insgesamt neun Modellschiffe nach den fünf Enkelkindern des Ehepaars Marshall benannt. Die „Titanic“ mit ihren vier gelben Schornsteinen – im Modell ist nicht nur einer von ihnen eine Attrappe – ist „fast 50 Zentimeter lang“, schätzt Marshall. Rumpf an Rumpf mit einem Boot der Wasserpolizei und einer schicken Yacht ist sie auf dem Tisch von Marshalls Gartenhaus vor Anker gegangen. Auch die Sitzbank des Holzhäuschens ist für Helena mit ihrem Bauch aus Plastik zum Liegeplatz geworden.
„Nur zum Gucken“
„Ich habe keinen Platz mehr“, erklärt Marshall, warum er sich von seinen handgemachten Lieblingen verschiedener Maßstäbe trennen muss. Lackiert sind die Schiffe „meist mit Airbrush“. Das Sprühlackieren hat sich Marshall selbst beigebracht: „Ich habe einen Artikel darüber gelesen, und es hat ganz gut funktioniert.“ Wassertauglich sind die Bausatz-Modelle zwar allesamt „vom Material her“, wie Marshall betont. Allerdings seien keine Motoren installiert, und so habe er auch noch keines schwimmen lassen. Eigentlich sind die Schiffe „nur zum Gucken“, so Marshall.
„Gott sei Dank habe ich dieses Hobby“, fühlt sich der Rentner nicht nur während der Corona-Zeit mit dem Modellbau gesegnet. Zwar kompensiert er damit auch die aktuelle Bewegungseinschränkung: „Wir erkunden gerne die Pfalz“, erzählt John Marshall. Sonst ist er mit seiner auf den Tag genau gleichaltrigen Frau wandernd in der Region unterwegs: „Wir nehmen uns ein Ziel und fahren hin, aber das ist ja jetzt nicht möglich.“
Seit 2009 Pfälzer
Unter die Modellbauer ging Marshall nicht erst mit dem Lockdown. „Nach einem Kreuzbandproblem vor fünf Jahren konnte ich meinen Sport nicht mehr ausüben“, erzählt Marshall, dass seine Frau damals „bald ein Ersatzhobby angemahnt“ habe. Von Flugzeug- sei er im Laufe der Zeit auf Schiffsbausätze umgestiegen.
Pfälzer sind die Marshalls erst seit 2009, obwohl sie schon seit 1971 in Deutschland leben: Nach Nürnberg ging es für den gebürtigen Schotten mit seiner englischen Ehefrau über einen britischen Baustoffhersteller als Arbeitgeber zunächst. Als der Baustoffhersteller 1973 „von einer deutschen Firma mit Hauptsitz in Düsseldorf übernommen“ worden sei, zogen die Marshalls mit an den Niederrhein. „Wir waren 40 Jahre in Krefeld zu Hause“, sagt John Marshall, dass der Umzug über Mutterstadt ins Rheingönheimer Neubruch „keine leichte Entscheidung“ gewesen sei. Andererseits ergänzt Marshall mit Blick auf sein Alter: „Für den Fall der Fälle ist es gut, Sohn und Schwiegertochter nahe zu wissen.“ Doch auch über die Bindung an die in 350 Meter Entfernung lebende Familie hinaus fühlen sich die Marshalls mittlerweile in Rheingönheim „voll integriert“.
Derweil die Gartenhaus-Flotte weichen muss, hat der Paketbote schon den nächsten Bausatz für John Marshall geliefert: Einen Mississippi-Schaufelraddampfer von 84 Zentimetern Länge. Doch bevor John Marshall das eheliche Arbeitszimmer wieder nutzen kann, muss Ehefrau Diana als „Puzzleexpertin“ dort ihr Werk beenden: Erst wenn ihre Welt aus 1000 Teilen zum Ganzen wird, kann der Arbeitstisch wieder zur Werft werden ...
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