Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Warum auf dem Maifeld Derby ein wenig Woodstock-Wehmut herrschte

Knalliges Outfit, kernige Stimme: Pablo van de Poel, der charismatische Frontmann der niederländischen Band DeWolff.
Knalliges Outfit, kernige Stimme: Pablo van de Poel, der charismatische Frontmann der niederländischen Band DeWolff.

Am dritten Tag erschuf der Musikgott die heulenden Gitarren. Der Sonntag beim Mannheimer Maifeld Derby zumindest steht ganz im Zeichen der kreischenden Umhängeinstrumente. Mehr Fuzz-Sound mit verzerrten Saiten-Effekten als Synthie-Pop, wirkt das Finale des Festivals wie eine Rückkehr in die Zeiten des psychedelisch angehauchten Rock ’n’ Roll. Und versprüht somit ein wenig Woodstock-Wehmut im Mannheimer Reitstadion.

Der frühe Sonntagnachmittag ist bei der zehnten Auflage des Festivals traditionsgemäß besonders rhythmusverliebten Gruppen vorbehalten. Dino Brandão und seine Band lassen sich das nicht zweimal sagen. Wie eine Huldigung an Jimi Hendrix wirkt das völlig entfesselte Gitarrengebrause. „Wir spielen warme, heiße Musik“, sagt der Schweizer, haut zwischendrin auf die Percussions, genießt das Trompetenspiel seiner Kollegen und zappelt wie vom Blitz getroffen über die Bühne.

Wie ein stampfender Zug bringen zeitgleich drei Frauen aus Wien im „Biergarten d’amour“ ihre Zuhörer in Schwung. Dives bezeichnen sich als „All-Female-Band“ und bieten eine Melange aus Garage, Surfrock und Punk. Überhaupt ist der dritte Tag fest in alpiner Hand. Die beiden stark an die 80er-Jahre orientierten Gruppen Culk und Oehl versüßen den Wiener Nachmittag auf der kleineren Bühne. „Alles bleibt anders“, hat Sänger Ari Oehl gleich noch die passende Botschaft auf den Lippen.

„Total geil!“

Und was ist beim Maifeld Derby in Pandemie-Zeiten eigentlich anders als sonst? Dan aus Mannheim hält dem Independent-Musikfest vor der Haustür schon seit fünf Jahren die Treue. Die abgespeckte Version war für ihn kein Grund, fernzubleiben. „Ich habe mir sofort ein Drei-Tages-Ticket gekauft und war gespannt, was aufgrund der Corona-Auflagen überhaupt umsetzbar ist“, sagt der 46-Jährige. Sein Fazit: „Total geil! Sie haben es echt gut hinbekommen, auch wenn man es nicht mit der typischen Festival-Atmosphäre der Vorjahre vergleichen kann.“

Musikalische Entdeckungsreise

Für gewöhnlich finden sich auf dem Maifeld Derby vier Bühnen, spielen jeweils zwei Bands zeitgleich, hat man immer die Qual der Wahl und viele Nebenschauplätze, mit einem humorvollen Steckenpferd-Dressur-Reiten, Schnapsständen, Foto-Shooting, Kleider- und Schmuckbasar oder Schminkständen: „Man schlendert einfach rum und lässt sich überraschen, diesmal läuft alles eher nach Reihenfolge, deutlich dezenter. Aber ich bin heilfroh, wieder hier zu sein“, sagt der Mannheimer – und findet auch am Sonntag faustdicke Überraschungen bei seiner musikalischen Entdeckungsreise.

Der Schweizer Reverend Beat Man mimt mit E-Gitarre und Mini-Schlagzeug den Alleinunterhalter, während Eidgenosse Dagobert (trotz Sonnenscheins in schwarzer Kluft) bewusst trashig klingende Liebesschnulzen singt. Je später der Abend, desto stärker rückt der Band-Fokus von den hohen Bergen ins flache Land. „Das wird was heute, ich fühle es jetzt schon. Eigentlich können wir schon loslegen“, sagt der Niederländer Pablo van de Poel beim Soundcheck, der vor dem Auftritt von DeWolff schon zum Spektakel wird. Hammond-Orgel, knallige Hippie-Outfits, kernige Stimme, erinnert der Frontmann nicht nur optisch an Axl Rose und kreischt mit seiner Gitarre um die Wette.

Viele Frauen auf der Bühne

Besucher Tristan ist extra aus Leipzig angereist. Und zwar eigentlich, erzählt er, nur wegen Bands, die alle schon am Freitag auf der Bühne standen. „Ich finde es schön, dass so viele weibliche Künstlerinnen vertreten sind“, erklärt er. Und lässt sich drei Tage lang vom guten Festival-Geist leiten. „Es ist schon ein verrücktes Gefühl, man kann die Pandemie zumindest kurz vergessen. Und doch weiß man, Corona schwebt noch über uns“, sagt der 22-Jährige über die von ihm empfundenen kleinen Momente der emotionalen Befreiung.

Der Schlussakkord gehört The Notwist, einer Electro-Jazz-Band aus Oberbayern, die bereits 2013 auf dem Maifeld zu Gast war. Mit einer orchestralen Besetzung und ausgedehnten, sich wandelnden Instrumentalstücken stimmen sie die Zuhörer auf einen leicht melancholischen Nachhauseweg ein. Anders die explosiven Niederländer Yin Yin, die mit ihren asiatisch-psychedelischen Funkklängen das Publikum auf den letzten Festival-Metern nochmals in Tanztrance versetzen – und das Maifeld Derby unter dem Corona-Stern auf eine leichte Formel bringen: Auch wenn das Musikfest nur mit halber Kraft fahren konnte, fühlte es sich genau in diesen Momenten fast doppelt so gut an.

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