Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Warum auch junge Leute zur Darmkrebsvorsorge gehen sollten

Setzt sich für Vorsorge ein: Professor Jürgen Riemann.
Setzt sich für Vorsorge ein: Professor Jürgen Riemann.

Der Ludwigshafener Professor Jürgen F. Riemann ist als Vorstandschef das Gesicht der Stiftung Lebensblicke, die sich für die Information der Bevölkerung bei der Darmkrebsfrüherkennung einsetzt. Saskia Helfenfinger-Jeck sprach mit dem 78-Jährigen über Vorsorge in Zeiten von Corona, den Forschungsstand und warum immer mehr junge Leute an Darmkrebs erkranken.

Herr Professor Riemann, hat Corona das Thema Darmkrebsvorsorge verdrängt?
Derzeit werden alle Medien, ob Print, Fernsehen oder Radio, von einem Thema beherrscht: Corona. Jeden Tag werden neue Zahlen durchs Dorf getrieben. Die Menschen sind verunsichert, weil sie mit den blanken Zahlen nichts anfangen können. Heute zum Beispiel meldet das Robert-Koch-Institut 200.000 Neuinfektionen. Was der Eingeweihte doch inzwischen weiß, ist, dass bei Omikron von diesen 200.000 nur wenige wirklich ernsthaft erkranken. So wie bei einer Grippe auch. Einige wenige werden sehr krank und sterben auch, jeden Winter mal mehr, mal weniger. Aber die Zahl als solches erschreckt natürlich. Unser Bestreben als Stiftung Lebensblicke ist es, dem auch andere Zahlen entgegenzuhalten, die genauso wichtig sind.

Wo wir beim Thema Darmkrebs und Darmkrebsvorsorge wären …
Wir haben in Deutschland seit 2002 ein sehr gutes Vorsorgeangebot für den Darmkrebs, bestehend aus einem Stuhltest und einer Darmspiegelung. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern können wir in Deutschland sogar wählen, was wir haben wollen. Trotz dieser Möglichkeiten sind die Zahlen noch viel zu hoch. Jährlich erkranken etwa 55.000 Menschen neu an Darmkrebs. Was aber noch viel schlimmer ist, dass 24.000 daran sterben. Wenn Sie das für die letzten drei Jahre hochrechnen, sind das schon über 70.000 Menschen. Das geht schon fast an die Zahl derer ran, die an Covid gestorben sind.

Gerade bei Darmkrebs ist die Vorsorge doch das A und O, oder?
Genau. Durch die Vorsorgemaßnahmen müssten solche Zahlen nicht sein. Wenn die Menschen die Angebote annehmen würden, wäre der Darmkrebs wahrscheinlich eine zu vernachlässigende Größe. An einer Darmspiegelung nehmen zirka zwei bis vier Prozent der Anspruchsberechtigten pro Jahr teil, und den Stuhltest nutzen nur etwa 15 bis 20 Prozent: Ich finde, das muss nicht sein, und das ist ja auch eine der zentralen Aufgaben der Stiftung Lebensblicke, sich dies bewusst zu machen und das in der Öffentlichkeit so zu kommunizieren. Dennoch sind in den letzten 15 Jahren trotz der nur moderaten Teilnehmerraten die Zahlen der Neuerkrankungen um 20 bis 30 Prozent und ähnlich auch die der Sterblichkeit zurückgegangen.

Warum nutzen immer noch so wenige Menschen, die Möglichkeit zur Darmkrebsvorsorge?
Wir haben in Deutschland wahrscheinlich eine Drittel-Gesellschaft. Das eine Drittel ist absolut vorsorgewillig, nimmt alles in Anspruch, ein weiteres Drittel ist durch Motivation und Information bereit, das zu machen. Und ein Drittel will mit alledem nichts am Hut haben. Und das ist schwer aufzubrechen. Warum soll ich zur Vorsorge? Ich bin doch gesund. Außerdem kann bei der Darmspiegelung ja etwas passieren. Darüber aufzuklären, das sind unsere Themen.

Wie können Sie den Menschen die Angst vor einer Darmspiegelung nehmen?
Man kann sagen, dass die Darmspiegelung eine sehr sichere Methode ist. Die Komplikationsrate ist extrem gering. Die Größenordnung liegt bei etwa 1 pro 1000 Darmspiegelungen. Dass es zu einem tödlichen Zwischenfall kommt, ist eine absolute Rarität. Auch die Darmvorbereitung ist in den letzten zehn bis 15 Jahren deutlich einfacher geworden. Man muss nicht mehr Unmengen an Flüssigkeit trinken. Es gibt inzwischen schmackhafte Lösungen, die den Darm sauber machen und ihn auf die Spiegelung vorbereiten. Es gibt heute bei der eigentlichen Untersuchung meist eine Schlafspritze, so dass man nichts mitbekommt. Und wenn dann tatsächlich eine Vorstufe entdeckt wird, wird diese direkt abgetragen. Wenn nichts gefunden wird, hat man in der Regel zehn Jahre Zeit bis zur nächsten Darmspiegelung. Das ist doch eine gute Botschaft. Der Darmkrebs ist ein langsam wachsender Krebs, der durch regelmäßige Früherkennung rechtzeitig diagnostiziert und dann auch geheilt werden kann.

Der Stuhltest ist auch nicht jedermanns Sache.
Der Stuhltest ist deutlich besser geworden. Heutzutage werden sogenannte immunologische Tests (FIT) eingesetzt, die nicht mehr verfälscht werden, wenn jemand beispielsweise rotes Fleisch gegessen hat. Untersuchungen zeigen, dass der FIT, wenn er konsequent alle zwei Jahre durchgeführt wird, ähnlich sicher ist wie eine Darmspiegelung. Wir arbeiten derzeit an einem Modellprojekt mit Krankenkassen. Die Leute haben dann die Möglichkeit, über Computer, Tablet oder Smartphone ihren Test anzufordern und können sich dadurch einen Weg zum Hausarzt sparen, um den Test abzuholen. Dies hat den Vorteil, dass das Angebot niederschwellig ist und man selbst aktiv werden kann.

Warum sollte man dennoch unbedingt zur Vorsorge gehen? Welche Menschen gehören zur Risikogruppe?
Da kommt ein ganz wichtiger Punkt ins Spiel. 25 von 100 Menschen, die an Darmkrebs erkranken, sind familiär vorbelastet. Man muss ganz klar sagen: Wer in der Familie einen leiblichen Verwandten hat, der an Darmkrebs erkrankt ist, hat ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst daran zu erkranken. Gerade solchen Menschen raten wir unbedingt, die Vorsorge in Anspruch zu nehmen. Und das betrifft auch die Jüngeren.

Mittlerweile erhalten alle Menschen ab 50 Jahre eine Einladung zum Darmkrebs-Screening per Post. Ist das der richtige Weg oder sollte eine Darmkrebsvorsorge nicht schon viel früher beginnen?
Statistisch gesehen ist der Darmkrebs ein Krebs des älteren Menschen. Sie haben aber recht. Der Gesetzgeber hat vor allem auch auf Drängen unserer Stiftung entschieden, dass Männer bereits mit 50 eine Darmspiegelung in Anspruch nehmen können. Bisher war dies wie für Frauen erst mit 55 Jahren möglich. Männer erkranken aber generell früher und häufiger. Die BASF geht da mit gutem Beispiel voran, bietet ihren Mitarbeitern eine Darmkrebsvorsorge bereits mit 45 Jahren an. Die Stiftung Lebensblicke versucht schon länger, das auch zu empfehlen, aber Sie wissen so gut wie ich, dass Behörden manchmal schwerfällig sind und man dicke Bretter bohren muss.

Wie wollen Sie die jüngere Generation erreichen?
Wir haben beobachtet, und das kommt aus den Vereinigten Staaten auch zu uns, dass immer mehr junge Menschen, die deutlich unter 50 sind, an Darmkrebs erkranken. Daher haben wir als Stiftung Lebensblicke im Laufe des Jahres ein Seminar mit Experten zum Thema „Junge Erwachsene mit Darmkrebs“ geplant. Um gerade diese Gruppe zu erreichen, haben wir einen Videoclip auf YouTube mit dem Titel „Scheiße“ veröffentlicht. Ein junger Mann joggt, tritt in einen Hundehaufen. Dann ist eine Stimme zu hören: „Scheiße, wenn’s zu spät ist“. Damit wollen wir auf die familiäre Vorbelastung hinweisen und betonen, dass gerade familiärer Darmkrebs bei einer Früherkennung erkannt werden kann und dann auch heilbar ist. Das muss auch in die Köpfe der jungen Leute reingehen.

Ich nehme mal an, dass der Anstieg an Darmkrebserkrankungen bei jungen Menschen auch auf die ungesunde Lebensweise zurückzuführen ist. Stichwort Fast Food …
Bewegung und Ernährung sind zwei zentrale Themen in der Primärprävention. Wenn ich täglich etwas für meine Mobilität tue, beispielsweise eine Stunde spazieren gehe oder die Treppen anstatt den Aufzug nutze, mein Gewicht moderat halte – ich muss nicht extrem schlank sein, aber darf eben nicht übergewichtig sein – kann ich mein Risiko an Darmkrebs zu erkranken, um 40 Prozent senken. Auch das ist eine gute Botschaft!

Wie stehen meine Chancen, wenn ich an Darmkrebs erkrankt bin?
Da gibt es durchaus erfreuliche Nachrichten. Nimmt man alle Stadien zusammen, dann liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei über 65 Prozent. In den Stadien eins und zwei, wenn der Darmkrebs begrenzt ist und nicht gestreut hat, ist die Operation die Methode der ersten Wahl. In diesem Stadium bedarf es keiner Bestrahlung oder Chemotherapie. Für die fortgeschritteneren Stadien gibt es heute zunehmend die sogenannte individualisierte Therapie, das heißt, man kann auf Basis zum Beispiel molekularer Strukturen dieser Krebserkrankung im Einzelfall sogar herausfinden, mit welchem Medikament die Erkrankung besonders gut zu behandeln ist. Hier werden in Zukunft Riesenfortschritte gemacht.

Was tut sich in der Wissenschaft?
In diesem Jahr erhalten Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungsinstituts in Heidelberg den Darmkrebs-Präventionspreis der Stiftung Lebensblicke. Sie haben in Vergleichsstudien mit anderen europäischen Ländern gezeigt, wie hervorragend sich unterschiedliche Früherkennungsprogramme auf den Rückgang der Darmkrebsentstehung auswirken. Sie haben auch ein genetisches Risikoprofil entwickelt, an dem man ablesen kann, ob jemand ein Risiko hat, an Darmkrebs zu erkranken und wenn ja mit welcher Wahrscheinlichkeit. So einen Test könnte man in Zukunft beispielsweise beim allgemeinen Check-up ab 35 einsetzen.

Der Darmkrebsmonat März steht bevor. Die Stiftung Lebensblicke, die sich die Früherkennung von Darmkrebs auf die Fahnen geschrieben hat, wird im kommenden Jahr ein Vierteljahrhundert alt. Was haben Sie bereits erreicht?
Für uns stand von Anfang eines im Mittelpunkt: Wir möchten die Menschen seriös und aktuell informieren und zur Vorsorge motivieren. Das ist uns gut gelungen und hat dazu geführt, dass unsere Arbeit doch sehr wahrgenommen wird. Ich hatte die große Ehre, von 2008 bis 2012 im Nationalen Krebsplan der Bundesregierung sein zu dürfen. Ich war dort Sprecher der Arbeitsgruppe Weiterentwicklung der Darmkrebsfrüherkennung. In diese Zeit fiel auch der Vorschlag für das Krebsfrüherkennungs- und Registergesetz, das auf unserem Kraut gewachsen ist. Wir haben seit 2019 statt eines opportunistischen nun ein Einladungsverfahren. Das ist ein großer Fortschritt. Der zweite Fortschritt ist, dass wir 2017 vom alten Stuhltest, bei dem drei Proben abgegeben werden mussten, zum immunologischen Stuhltest übergegangen sind. Den größten Entwicklungsschritt sehe ich darin, dass wir es geschafft haben, bei politischen Entscheidungen einen gewissen Einfluss nehmen zu können, weil wir akzeptiert sind und gehört werden. Das, was wir machen, ist seriös und trägt zur Aufklärung bei. Auch auf die sehr erfolgreiche Darmkrebspräventionskampagne „Vermeiden statt Leiden“ möchte ich gerne hinweisen, die wir zusammen mit der Landeszentrale für Gesundheitsförderung (LZG) unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsidentin Malu Dreyer durch ganz Rheinland-Pfalz organisiert haben. Diese Kampagne war auch für türkische Interessenten bestimmt. Türkische Kollegen waren jeweils Ansprechpartner in den großen Städten, um den Text der Kampagne zu übersetzen. Im Zentrum der Kampagne stand der „Info-Point“, ein virtuelles Darmmodell, über das alle wesentlichen Daten zum Darmkrebs abgerufen werden konnten.

Haben Sie die Befürchtung, dass der Darmkrebsmonat März wieder in der Corona-Pandemie untergeht?
Wir haben erlebt, dass es 2020 zunächst zu einem drastischen Einbruch bei den Vorsorgemaßnahmen gekommen ist. 2021 ist die Zahl wieder angestiegen, allerdings bei weitem nicht so, wie wir es erwartet haben. Wir werden im März versuchen, so viel Aufmerksamkeit zu generieren, wie es möglich ist. Unsere Veranstaltungen starten am 3. März mit einer Auftakt-Pressekonferenz, an der auch die Oberbürgermeisterin der Stadt Ludwigshafen teilnehmen wird. Im Ernst-Bloch-Zentrum verleihen wir am 6. April den Präventionspreis der Stiftung Lebensblicke in Kooperation mit dem Rotary Club und der Bürgerstiftung. Am 23. April freuen wir uns auf das Benefizkonzert mit Julia Neigel in der Friedenskirche. Mit Claus Kleber ist es uns gelungen, einen renommierten Journalisten als Schirmherrn zu gewinnen.

Zur Person

Der Ludwigshafener Professor Jürgen F. Riemann (78) ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lebensblicke, die sich seit 1998 für Darmkrebsfrüherkennung einsetzt. Von 1985 bis 2008 leitete er als Direktor die Medizinische Klinik C des Klinikums Ludwigshafen.

Blick in einen Darm: Das Verdauungsorgan ist etwa sieben Meter lang. Mit Zotten und Krypten (Ausstülpungen der Innenwand) vergrö
Blick in einen Darm: Das Verdauungsorgan ist etwa sieben Meter lang. Mit Zotten und Krypten (Ausstülpungen der Innenwand) vergrößert sich die Oberfläche und hilft bei der Aufnahme wichtiger Stoffe.
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