Ludwigshafen Wahrheitssuche in Zeiten des Krieges
Als Anna Politkowskaja im Oktober 2006 in Moskau niedergeschossen wurde, ging ein Aufschrei um die Welt. Im Jahr darauf hat Stefano Massini, Dramatiker und Regisseur am Piccolo Teatro in Mailand, über die unbeugsame Journalistin das Solostück „Eine nicht umerziehbare Frau“ geschrieben. Es wurde viel gespielt, mit einem Preis ausgezeichnet und verfilmt. Jetzt hat es Inka Neubert am Mannheimer Theaterhaus G7 inszeniert.
Ein „Theater-Memorandum“ nennt der Autor das hochpolitische Stück, dem er die Form eines dokumentarischen Erzähltheaters gegeben hat. Die Schauspielerin Fiona Metscher stellt eine Person der Zeitgeschichte dar, ist aber zugleich fiktionale Bühnenfigur. Das gibt dem Stück Assoziationsbreite und szenische Spannung. Der Autor beherrscht sein Fach und die Regisseurin auch. „Ich bin Journalistin“, erklärt Fiona Metscher gleich zu Beginn. „Ich mache meine Arbeit. Darin geht es um Fakten, nicht um Meinungen und Kommentare.“ Das Plädoyer für investigativen Journalismus, der in der Wahrhaftigkeit der Berichterstattung sein Berufsethos sieht, ist heute aktueller als es vor zehn Jahren war. Es bildet die argumentative Säule des Stücks, in dem auch Originaltexte von Anna Politkowskaja Verwendung gefunden haben. Anna Politkowskaja hat vor Ort vom Tschetschenienkrieg berichtet. Was sie Schreckliches sah und Zynisches hörte, hat sie öffentlich gemacht. Im Krieg ist das nicht gern gesehen, besonders bei ranghohen Offizieren, die nicht gesagt haben wollen, was sie gesagt haben, und Herr über Methoden sind, das Gesagte zu unterdrücken. Für Journalisten ist das gefährlich, für ihre Informanten manchmal auch. Journalisten werden weltweit eingekerkert oder ermordet. In Russland geht es brutal und direkt zu. Damit so etwas im Westen nicht vorkommt, sind Kriegsberichterstatter „embedded“. Politkowskaja berichtet über das Elend der Menschen in Grosny. Ihr Leiden ist grauenhaft, aber – leider muss man das sagen – ganz gewöhnlicher Kriegsalltag, dessen Opfer man im Westen Kollateralschäden nennt. Sie berichtet über Rassismus und Kriegsverbrechen der russischen Armee, über den dubiosen Putin-Mann und designierten Diktator Kadyrow. Die tschetschenischen Terroristen werden ähnlich brutal bei den Geiselnahmen im Moskauer Theater und der Schule in Beslan dargestellt. Der Krieg offenbart sein grausiges Gesicht, das wir uns dank Jahrzehnte langem Frieden gar nicht mehr vorstellen können. Der „schmutzige Krieg in Tschetschenien“, so nannte ihn Anna Politkowskaja, könnte auch der „schmutzige Krieg in Syrien“ sein. Nach den Mächten, die ihn antreiben, nach politischen und strategischen Zusammenhängen fragt der Text nicht. So hält der Autor ihn klug aus den propagandistischen Wellen heraus, die hoch um den Mordfall schlugen. Statt Spekulationen – im Westen: Putin war’s, in Russland: die Tschetschenen waren’s – bringt er biografische Situationen und sprachliche Bilder. Deren hohe Emotionalität schrammt manchmal knapp am Pathos vorbei: „Ich renne ... das Blut, der Schnee“ in schier endloser Wiederholung. Fiona Metscher ist äußerlich kein bisschen an die Person angepasst, die sie spielt. Sie trägt Jeans mit Bluse, die unscheinbare Kleidung von Journalistinnen bei der Arbeit vor Ort. Sie ist in einem engen asymmetrischen grauen Gehäuse wie eingesperrt. Ruhelos ist sie darin unterwegs, pinnt Papiere und drückt Klebebänder an die Wände. Das Klebeband in der Koje symbolisiert den Fluss, mit dem sich Tschetschenien identifiziert. Das Klebeband, mit dem sie weit in den Zuschauerraum vorstößt, symbolisiert die Gasleitung, die durch Tschetschenien fließt. Beide Bänder fallen bald herunter; auch das ist ein Symbol, ob zufällig oder gewollt. Die Situation des Journalisten und seine postulierte Freiheit, die gefährlich ist, geben dem Zuschauer viel zu denken mit auf den Weg. Die Kriegs- und Terrorbeschreibungen erschüttern mit emotionaler Wucht. Die Interviews mit einem ranghohen Offizier und einem jugendlichen Söldner gehen durch ihre Rohheit unter die Haut. Fiona Metscher bekommt reichlich bühnenwirksamen Stoff für philosophisches Räsonieren, nüchternes und aufgepuschtes Berichten, pathetisches Erleben und zynisches Dialog-Spielen. Sehens- und nachdenkenswert. Termine Nächste Vorstellungen im Mannheimer Theaterhaus G7 am 11., 13. und 20. Mai, 20 Uhr, 10. Mai, 17 Uhr. Karten: 0621/154976.